Osterinsel Das Rätsel um die Moais
Zu Recht wird die Osterinsel oft als "einsamste Insel der Welt" bezeichnet: Bis nach Tahiti im Westen sind es 4200 Kilometer. Der Einfluss Polynesiens ist dennoch unübersehbar: Die Einheimischen erinnern mit ihrer noisettefarbenen Haut - die Männer meist kräftig und kunstvoll tätowiert - an ein Südseevolk. Sie sprechen und tanzen polynesisch und begrüßen die Gäste wie die Hawaiianer mit einem Blumenkranz. Chilenisch - das Festland ist weite 3765 Kilometer entfernt - sind nur die Staatsbürgerschaft und die Währung.
Wer "Rapa Nui", wie der Flecken auf Polynesisch heißt, besucht und den etwa fünfstündigen, teuren Flug von der chilenischen Kapitale Santiago in Kauf nimmt, kommt nicht zum Baden auf dieses Südsee-Eiland mit dem gesichtslosen Hauptort Hanga Roa. Er will Entdecker spielen, stapft durch die baumlose, teils hügelige Landschaft mit den drei Vulkanen und träumt davon, die entscheidende Antwort auf die Frage zu finden.
Mensch trifft Moai und erstarrt vor Ehrfurcht
Doch zunächst fühlt sich auch der größte Entdecker ganz klein: Mensch trifft Moai - und erstarrt in Ehrfurcht, wenn er neben dieser bis zu hundert Tonnen schweren Skulptur aus dunklem Vulkansandstein steht. Er betrachtet die beinlose, manchmal auch körperlose Figur, sieht einen geschlossenen Mund, lange Ohren und eine breite Nase. Einige der Statuen haben einen rostroten Hut auf, der an einen Topf mit Griff erinnert, aber wahrscheinlich zusammengeknotetes Haar darstellen soll. Gemeinsam ist allen, dass sie in ungerader Anzahl aufgestellt wurden. Warum - die Frage ist bis heute unbeantwortet. Warum stehen sie da, wo sie stehen? Warum sind die Erbauer Hals über Kopf geflohen und ließen halbfertige Moais, wie die Figuren heißen, liegen? Wieso blicken alle Moais ins Landesinnere und visieren einen imaginären Punkt am Horizont an?
Auch Thor Heyerdahl konnte dies nicht klären. Der Norweger forschte 1955 sechs Monate auf der Osterinsel und richtete in der Anakena-Bucht die erste der 880 umgestürzten Moai-Statuen der Insel auf. Mit weißem feinsandigen Strand ist die Bucht der einzige Punkt der "Isla de Pasqua", der Südsee-Atmosphäre verströmt - und der bekannteste Platz dazu. Denn sieben Moais stehen hier auf einem Podest ("Ahu") - oder was von ihnen im Laufe der Jahrhunderte übrig blieb.
Denn renovierungsbedürftig sind viele der fast tausend Moais in diesem Freilichtmuseum von der Größe Sylts. Die Figuren gehören seit 1995 zum Unesco-Weltkulturerbe und werden seitdem nach und nach restauriert. Doch einige der Skulpturen waren noch gar nicht fertig, als die ehemaligen Bewohner sich Hals über Kopf entfernten. So sind im Steinbruch an der Außenseite des Vulkans Rano Raraku 193 fast fertige und weitere 80 begonnene Statuen zu zählen.
Über 100 Figuren zu Ehren der Götter
An einem liegenden Exemplar ist die Arbeitsweise besonders gut zu erklären: Die Vorderseite wurde direkt im Steinbruch gemeißelt, dann wurde am Rücken gearbeitet und geklopft und die Figur so langsam vom Felsen gelöst. Auf Baumstämmen wurden sie zu ihrem Aufstellungsort gerollt. Einige wurden nur bis ins Innere des Vulkans Rano Raraku transportiert, das von acht rätselhaften Löchern beherrscht wird.
Gleich neben dem zweiten Vulkan, Rano Kau, liegt im Süden der Insel die Kultstätte Orongo hoch über dem Ozean. Mehr als hundert Figuren und Symbole sind hier zu Ehren der Götter und Ahnen in den Boden gekratzt. Höhepunkt des Jahres war aber der Wettbewerb zum Frühlingsanfang, der vom König überwacht wurde.
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Die Vertreter jeden Stammes mussten den steilen Abhang zum Meer herunterklettern, zum kleinen Felsen Motu Nui schwimmen, dort versuchen, das erste Ei des Manu-Tara-Vogels zu erlangen, und es dem Herrscher der Insel übergeben. Der Siegerstamm hatte in dem kommenden Jahr das Sagen über die anderen. Neben Motu Nui ragen zwei andere winzige Erhebungen aus dem Meer - diese drei "Inseln" sind übrigens der Grund, warum manche von "den Osterinseln" reden.
Für Kevin Costner dagegen ist der Flecken im Pazifik einfach "Rapa Nui". So hieß der Film, den der Hollywoodstar hier drehte: ein bisschen Mythos, ein wenig Geheimnis und Liebe zwischen den verfeindeten Stämmen - das ist der Stoff, aus dem normalerweise Kassenschlager gemacht werden. Zwar floppte das 20-Millionen-Dollar-Projekt an den Kinokassen - am Rätsel Osterinsel lag dies jedoch sicherlich nicht.
Sylvia Raschke, gms