Exklave Kaliningrad Zaghafter Aufbruch
Swetlogorsk - Mit großer Neugier und gedämpften Erwartungen war Ekkehard Weber nach Kaliningrad gefahren. "Das Interesse am ehemaligen deutschen Osten hat mich hierher geführt", sagt der 52-jährige Cottbuser auf der Uferpromenade des Badeortes Swetlogorsk, des früheren Rauschen. Dessen Pracht entsteht nun langsam wieder. Bestaunen wollen sie zunehmend auch solche Deutsche, die wie Weber nicht aus Ostpreußen stammen oder ihre familiären Wurzeln dort haben. Allerdings erschweren verschärfte Visumregelungen Reisen nach Kaliningrad.
Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gehört der einstige Norden Ostpreußens mit der Stadt Königsberg, dem heutigen Kaliningrad, zu Russland. Etwa 50.000 Deutsche besuchten die von Polen und Litauen umschlossene Exklave im Jahr 2001 für einen oder mehrere Tage. Nur noch etwa jeder sechste von ihnen stammt aus der Gegend.
Zwischen 12 und 14 Stunden dauert die Busfahrt von Berlin nach Kaliningrad. Die Fortbewegung innerhalb des Gebiets ist kein großes Problem. Fast jeder Taxifahrer spricht gut genug Deutsch, um eine Fahrt zu vereinbaren. Umgerechnet 10 bis 15 Euro kostet eine Tour von Kaliningrad in das etwa 40 Kilometer entfernte Swetlogorsk.
Wer zum ersten Mal über Land fährt, glaubt sich in einer längst vergangenen Welt. Schmale Alleen durchziehen die sanft hügelige Landschaft, auf den Wiesen grasen Pferde und Kühe, in der Ferne sind einzelne Gehöfte zu erkennen. Erst bei genauem Hinsehen schwindet die Idylle: Viele Höfe sind Ruinen, die kleinen Landarbeiter-Häuschen mit ihren bunten Blumengärten haben schon bessere Zeiten erlebt.
Allein der renovierte Königsberger Dom erstrahlt im neuen Glanz
In den Städten sind die alten Spuren Ostpreußens so gut wie ausgelöscht. Bis zum Zerfall der Sowjetunion 1991 waren die Stadt und das Gebiet Kaliningrad wegen ihrer militärischen Bedeutung Sperrgebiet. Selbst viele Kaliningrader gestehen heute ein, dass Moskau ihre Heimat in den vergangenen Jahrzehnten verkommen ließ. Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte die Sowjetmacht, alles Deutsche im Gebiet systematisch zu beseitigen.
Trauriges Symbol dieser Politik ist der Platz der 1969 gesprengten Schlossruine im Stadtzentrum von Kaliningrad. Die Sowjetunion wollte in den siebziger Jahren auf dem Schlossplatz ein gigantisches "Haus der Räte" errichten, doch das Projekt wurde nie vollendet. Geblieben ist der Stadt bis heute ein grauer Beton-Rohbau. Gleich nebenan erstrahlt der mit deutschen Geldern renovierte Königsberger Dom in neuem Glanz. Wer in der Stadt Station macht, sollte auf jeden Fall die alten deutschen Stadtvillen in der Thälmann- und der Kutusow-Straße besuchen.
Während viele Orte auf den ersten Blick heruntergekommen wirken, lassen sich zugleich fast überall Signale des Aufbaus entdecken. Es liegt am Urlauber selbst, ob er sich über Bausünden an den Strandpromenaden ärgert. Ebenso gut kann er sich in Swetlogorsk und anderswo an den - wenn auch noch nicht allzu zahlreichen - renovierten Häusern erfreuen, die Meeresluft genießen oder am bemerkenswert sauberen Strand spazieren gehen. Ein Mitbringsel aus Kaliningrad ist ein Muss: Die Region ist bis heute berühmt für ihren Bernstein-Schmuck.
Für den Besuch Kaliningrads ist ein russisches Visum nötig
Die ostpreußische Küste galt schon immer als einer der schönsten Abschnitte der Ostsee. Die Erinnerungen an Städte wie Königsberg, Insterburg oder Tilsit, an das Frische Haff, die Kurische Nehrung und die Badeorte Rauschen und Cranz dürften die meisten Besucher interessieren. Herzen gebürtiger Ostpreußen lassen sie jedoch besonders hoch schlagen. "Es ist wohl das Heimweh, das mich immer wieder hier her zieht", erzählt die 1925 geborene Margarethe Müller im Hotel "Kaliningrad", einem nur bedingt empfehlenswerten Klotz im Zentrum der Gebietshauptstadt.
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Nach dem Willen des russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin, dessen Frau Ljudmila aus Kaliningrad stammt, soll die Enklave zu einer Schlüsselregion für die Integration in Europa werden. Denn voraussichtlich im Jahr 2004 treten die Nachbarn Polen und Litauen der Europäischen Union (EU) bei, und Kaliningrad befürchtet, weiter in die Isolation zu geraten. Elf Milliarden Rubel, umgerechnet 320 Millionen Euro, plant Putin in die 750-Jahr-Feier der Stadt im Jahr 2005 zu investieren.
Doch ausgerechnet die Moskauer Behörden haben den Kaliningradern ein faules Ei ins Nest gelegt und könnten die Pläne der örtlichen Tourismusbranche durchkreuzen: Im Frühjahr 2002 wurde überraschend die Sonderregelung für die Einreise von Urlaubern an der Grenze aufgehoben. Seitdem müssen sich Touristen aus dem Westen um die aufwendige Erteilung eines russischen Visums kümmern. "Diese Neuregelung wird viele Deutsche von einer Reise nach Kaliningrad abhalten", fürchtet der örtliche Tourismus-Manager Alexander Schamschijew. Zahlreiche deutsche Reiseveranstalter hätten Kaliningrad deshalb wieder aus ihrem Angebot genommen.
Von Stefan Voß, gms