Frühgeschichte Ötzi - altersschwach durch die Alpen?
Der Bozener Pathologe und Ötzi-Experte Eduard Egarter, 54, über neue Zweifel am gewaltsamen Tod der Gletschermumie
SPIEGEL:
Woran ist der Eismann denn nun gestorben?
Egarter: In seiner Schulter, links in der Achselhöhle, steckt ein Projektil aus Feuerstein. Ötzi wurde von einem Bogenschützen getroffen - und zwar tödlich.
SPIEGEL: Britische Forscher sehen das anders. Sie glauben nicht mal, dass es sich um eine Pfeilspitze handelt.
Egarter: Der Fremdkörper hat die typische Größe und Form. Das Röntgenbild gibt auch Aufschluss über seine Dichte und seine Oberfläche: Es ist Feuerstein. Damit steht fest: Vor etwa 5300 Jahren traf den Mann ein Geschoss und durchschlug sein Schulterblatt.
SPIEGEL: Lunge und Herz wurden jedoch nicht verletzt.
Egarter: Aber die großen Gefäße zur Versorgung des linken Arms. Ötzi muss deshalb über kurz oder lang verblutet sein.
SPIEGEL: Ihre Kollegen halten dagegen: "Es gibt viele Beispiele, dass Menschen mit einem Projektil im Leib jahrelang weiterlebten." "Bild" glaubt gar, der Eismann sei an Altersschwäche gestorben.
Egarter: Das Einschussloch ist nicht verheilt, da können Sie butterweich mit der Metallsonde durchfahren. Nirgendwo hat sich frisch granuliertes Wundgewebe gebildet.
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SPIEGEL: Also doch ein Meuchelmord am Similaun?
Egarter: Ja, eindeutig. In der nächsten Ausgabe von "Lancet" beschreiben wir übrigens eine weitere, bislang unbekannte Wunde - einen Schnitt am Daumen, der 2,5 Zentimeter tief bis zum Mittelhandknochen reicht. Es sieht so aus, als hätte der Mann versucht, einen Messerstich mit der bloßen Hand abzuwehren.
SPIEGEL: Warum operieren Sie die Pfeilspitze nicht heraus und bringen so alle Skeptiker zum Verstummen?
Egarter: Der wissenschaftliche Beirat hat unseren Antrag zur Entfernung des Projektils genehmigt. Doch die Südtiroler Landesregierung blockiert alles. Warum, weiß ich nicht.