Bloggerin Katrin Lange über ihr Dicksein - DER SPIEGEL
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Liebe deinen Körper "Ich bin fett"

Kann man dick sein und so bleiben wollen, wie man ist? Katrin Lange hat nach einer Antwort gesucht - hier ist sie.
Bloggerin Lange
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Foto: Katrin Lange / Instagram
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Selbstliebe sei wie ein Muskel, den man trainieren muss. Das hat Nora Tschirner gesagt. In einem Interview zum neuen Dokumentarfilm "Embrace - Du bist schön" der Australierin Taryn Brumfitt, den Tschirner produziert hat und der am 11. Mai für einen einzigen Tag in den deutschen Kinos lief. In dem Film geht es darum, wie viele Frauen ihren Körper hassen und wie man es schaffen kann, ihn zu lieben.

Ich weiß, wie schwer das ist.

Seit einiger Zeit mache ich einen Pole-Dancing-Kurs. Im letzten Jahr habe ich angefangen, Gewichte zu heben. Seitdem beschreibe ich meinen Körper gern als "stark". Nicht im Sinn von "starke Frauen", denn das ist eine der Bezeichnungen für übergewichtige Frauen, die ich schrecklich finde. Sondern im Sinne von: Ich kann eine Langhantel stemmen und die Kniepresse benutzen. Manchmal sage ich auch einfach: Ich bin fett.

Fett.

Dieses Wort und ich - wir haben eine komplizierte Beziehung. Die meiste Zeit meines Lebens habe ich versucht, mich vor diesem Wort zu verstecken. Der Satz, vor dem ich mich lange am meisten gefürchtet habe, lautet: Du bist fett.

Dabei ist das doch nichts weiter als eine Tatsache. Wenn ich das Wort "fett" benutze, dann benutze ich es so, wie ich das Wort "klein" benutze oder "groß" oder "grün". Als einfaches Adjektiv, das wertfrei einen Fakt beschreibt. Ich bin 27 Jahre alt. Ich bin Grafikdesignerin. Ich blogge. Ich bin fett. Aber ich bin immer vorsichtig mit diesem Wort, weil ich mir nie ganz sicher bin, wie mein Gegenüber das Wort versteht. Denn "fett" bedeutet für die meisten Leuten viel mehr. Wer fett ist, ist unsportlich. Wer fett ist, trinkt Cola und isst nur bei McDonald's. Wer fett ist, muss undiszipliniert und irgendwie eklig sein.

Deshalb habe ich vor ein paar Jahren Fotos von mir im Schlabberpulli im Internet gepostet. Es war die Zeit, als sich auf Instagram und Tumblr immer mehr Bilder von ungeschminkten Mädchen mit zerzausten Haaren fanden. Ätherische Wesen mit einer Tasse Grüntee in weißen Bettlaken. Darunter standen Hashtag-Begriffe wie #effortless, unangestrengt. Diese Mädchen waren immer dünn.

Als ich die Bilder sah, habe ich darüber nachgedacht, warum es unvorstellbar ist, dass sie dicke Frauen zeigen. Warum das einzig denkbare Schönheitsideal für dicke Frauen die sinnliche Pin-up-Fantasie mit der Sanduhrfigur ist. Warum ich seit Jahren nicht ungeschminkt das Haus verlassen habe. Warum sich die Worte "fett" und "unangestrengt" gegenseitig ausschließen.

Weil man als Dicke nie so aussehen darf, als strengte man sich nicht an. Man muss sich immer anstrengen. Unter allen Umständen ist der Eindruck zu vermeiden, man würde sich gehen lassen, denn wer fett ist, hat sich gefälligst darum zu bemühen, diesen Zustand zu ändern.

Wenn jemand zu mir sagt: "Du bist fett", dann sagt er mir eigentlich: "Du bist unsportlich, undiszipliniert, ungebildet, und wahrscheinlich wirst du mit 30 an einem Herzinfarkt sterben." All diese Urteile treffen sie nur aufgrund des Körpers, den sie sehen.

Es gibt einen englischen Begriff dafür, "fat-shaming", etwa: Fettleibige herabwürdigen. Und lange Zeit war "fat-shaming" sozial akzeptiert. Ich habe mich oft gefragt, woran das liegt. Die Leute denken vermutlich, Dicke sind selbst schuld, deshalb ist es moralisch in Ordnung, sie zu verurteilen.

Ich war das dickste Kind in meiner Grundschulklasse. Das war mir immer schon klar, auch wenn wir gerade erst lesen und schreiben lernten und ich noch nicht wusste, dass es so große und komplizierte Worte gab wie "Schönheitsideal" oder "soziale Norm". Als meine Freundinnen nachmittags shoppen gingen und sich in Jungs aus der zehnten Klasse verknallten, passte ich nicht in die Jeans von Miss Sixty. Ich färbte mir stattdessen die Haare rot und später pink und noch später grün. Meine punkige Phase begann. Und das hatte nicht nur damit zu tun, dass mir die Musik gefiel. Wenn ich schon durch mein Aussehen provozierte oder damit auffiel, dann wenigstens mit etwas, das ich selbst gewählt hatte.

Meine Sicht auf meinen und auch auf andere fette Körper hat sich erst verändert, als ich auf der Suche nach einem Kleid für den Abi-Ball war. Ich suchte im Internet und sah, dass es in England Mode für Übergewichtige gab, die anders aussah, als das, was ich aus deutschen Geschäften kannte. Beth Ditto, die Sängerin der Band Gossip, hatte gerade für eine britische Modemarke eine Kollektion entworfen. Ich sah, dass es Modeblogs von dicken Frauen über dicke Frauen für dicke Frauen gab. Und dass es dicke Frauen gab, die der Meinung waren, sie dürften kurze Röcke tragen. Wenn man so will, waren das die Nachfahren der Aktivisten, die 1967 Diätratgeber im Central Park verbrannt und damit die sogenannte Fat-Acceptance-Bewegung begründet haben.

Es hat etwas gedauert, bis ich selbst zu einer dieser Frauen wurde. Der Gedanke schien mir erst unvorstellbar: Man kann dick sein und so bleiben wollen, wie man ist? Sieben Jahre lang habe ich auf meinem Blog Bilder von mir gepostet, in der Bikerjacke aus der Kollektion von Beth Ditto, in engen Kleidern und Leggins. Und irgendwann habe ich mich im Spiegel angeschaut und gemerkt: Ich habe keinen einzigen bösen Gedanken über meinen Körper mehr. Keinen einzigen.

Ich bekam Nachrichten von Frauen und Mädchen, die von mir wissen wollten, wie man das schafft, so mit sich ins Reine zu kommen. Viele der Nachrichten kamen von dünnen Frauen, die alle konventionellen Normen für Schönheit erfüllten.

Ich dachte: Ihr habt doch alles! Ihr seid dünn und schön, wieso seht ihr das nicht? Aber mit jeder Mail habe ich ein Stückchen mehr begriffen: Man ist nie gut genug. Als Frau kann man es nie richtig machen.

Ich glaube, wir befinden uns gerade an einem kritischen Punkt innerhalb einer Bewegung, für die es kein gutes deutsches Wort gibt: Mal heißt sie "Body Positivity", mal eben "Fat Acceptance". Zwar gibt es inzwischen auch Model-Castingshows für Plus-Size-Models und Werbeplakate von Mode-Labels, auf denen steht: "Love your curves." Aber so richtig zum Fortschritt wird das erst dann, wenn wir einfach aufhören, Körper zu bewerten, unsere eigenen und die der andern.

Wir sollten Pole-Dancing machen, wenn wir Lust dazu haben. Oder Gewichte heben. Ohne dadurch schöner werden zu wollen oder schlanker oder besser. Sondern um Spaß zu haben. Und das sollten wir so lange machen, bis daran nichts mehr ungewöhnlich ist.

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