Warum ein rascher Kohleausstieg möglich ist - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Energiewende Wie Deutschland aus der Kohle aussteigen könnte

Union, FDP und Grüne zerstreiten sich beim Thema Energiepolitik. Dabei könnte der Umweltschutz zu einem Markenzeichen ihres Jamaika-Bündnisses werden - und alle hätten etwas davon.
Gaskraftwerkt in Hamm
Gaskraftwerkt in Hamm

Gaskraftwerkt in Hamm

Foto: Paul Langrock / Zenit / laif
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wer das Scheitern der deutschen Klimapolitik besichtigen will, sollte nach Hamm-Uentrop fahren. Zwei gedrungene Schornsteine stehen da, umgeben von zwei länglichen Hallen, inmitten von Äckern, und in der Regel geschieht - nichts. Von 8760 Stunden, die das Jahr hat, läuft das hochmoderne Gaskraftwerk mitunter lediglich ein Zehntel der Zeit.

Die 50 Mitarbeiter der Anlage gehen dann in den "optimierten Betrieb". So heißt das beschönigend, wenn die Beschäftigten mal wieder die Grünanlagen in Ordnung halten oder die Zäune anstreichen, nur um die Zeit totzuschlagen.

Für den Betreiber der 450 Millionen Euro teuren Investition, den Energiekonzern Trianel aus Aachen, bleibt nichts anderes übrig als "hoffen auf bessere Zeiten", wie es Sprecher Torsten Bischoff ausdrückt. Bessere Zeiten, das heißt: auf den Tag warten, an dem Deutschlands Braunkohlekraftwerke schließen. So sieht Bischoff das.

Denn das ist der Wahnsinn im Energiewendeland Deutschland: Über 35 Prozent des Stroms kamen in den ersten sechs Monaten dieses Jahres aus umweltfreundlichen Quellen wie Solar- und Windparks, doch den Rest liefern zu einem großen Teil die klimaschädlichen Kohlekraftwerke des Landes. 115 Terawattstunden pumpen die alten Meiler ins Elektrizitätsnetz, gleichzeitig mussten über 25 Terawattstunden ins Ausland geleitet werden, weil sie in der Heimat niemand brauchte.

Foto: DER SPIEGEL

Geplant war das nicht. Eigentlich waren Gaskraftwerke wie jenes in Hamm als Stütze für die volatilen Wind- und Solaranlagen gedacht. Eine Brücke ins neue, saubere Zeitalter der Energiegewinnung, in dem kaum noch klimaschädliche Kohlekraftwerke gebraucht werden, sollten die Gasturbinen schlagen. Doch jetzt sind ausgerechnet die modernen Gasanlagen unrentabel, es gehe nur noch darum, "möglichst wenig Verluste einzufahren", klagt Bischoff.

400 Kilometer östlich von Hamm, im Haus der Parlamentarischen Gesellschaft in Berlin, sitzen die Spitzen einer möglichen Koalition aus Union, FDP und Grünen in diesen Tagen zusammen, als gäbe es nicht die dringende Aufgabe, den nächsten Schritt der Energiewende vorzubereiten, den Kohleausstieg. Insbesondere die FDP tut so, als seien die 240 Millionen Tonnen Kohlendioxid, die aus deutschen Kohlestromanlagen 2016 in die Luft geblasen wurden, kein Problem. Und das, obwohl sich Deutschland im Pariser Klimaschutzabkommen verpflichtet hat, die Treibhausgase deutlich zu reduzieren.

Dabei galt die Jamaikakoalition ursprünglich mal als Chance, nach vier Jahren der Stagnation voranzukommen. Doch nun haben sich die Unterhändler derart verhakt, dass sie eigens eine Sondierungsgruppe gegründet haben, deren Ergebnisse in die eigentliche Sondierungsgruppe eingehen soll.

Was die Politiker ignorieren: Die Kohlekraft ist der Stolperstein, der einer klimafreundlichen Modernisierung der deutschen Wirtschaft entgegensteht. Was sie nicht verstanden haben: Nicht einmal die Energiekonzerne hängen an den Anlagen; sie würden über eine Schließung vor allem der ältesten Meiler mit sich reden lassen.

Für Trianel, den Konzern, der auch ein modernes Steinkohlekraftwerk betreibt, sind die betagten Werke ein finanzieller Nachteil, weil sie die Großhandelspreise für Strom drücken. Viele dieser Anlagen sind hoffnungslos veraltet, sie erzeugen wenig Strom aus viel Kohle und sind nur deshalb rentabel, weil sie seit vielen Jahren abgeschrieben sind.

Die Meiler, die in Rede stehen, beschäftigen nicht einmal viel Personal. Nur jene Braunkohlekraftwerke im Rheinland, in Mitteldeutschland und der Lausitz bringen es noch auf eine niedrige fünfstellige Zahl von Arbeitskräften. Und trotzdem hat sich die Abwicklung der Altkraftwerke jetzt zum größten Hindernis für ein Jamaikabündnis entwickelt.

Dabei ist sowohl in Fachkreisen als auch in der Bundesregierung unumstritten, dass das fossile Erbe der Republik baldmöglichst aufgegeben werden muss. Deutschland hat sich ehrgeizige Klimaziele gesetzt; es war die schwarz-gelbe Bundesregierung mit ihrem Vizekanzler Guido Westerwelle, die bekräftigt hatte, 40 Prozent Treibhausgase bis 2020 einzusparen.

Das war im Jahr 2011. Aber da dachten Liberale und Christdemokraten wohl noch, dass eine andere Regierung ihr Versprechen einlösen muss. Jetzt aber drohen Union und Liberale an genau jenen Zielmarken zu scheitern, die sie einst selbst gesetzt haben. Dieser dramatische Befund geht aus einem aktuellen internen Papier der Bundesregierung hervor, das dem SPIEGEL vorliegt.

Das Scheitern am 2020-Ziel zeichne sich "nunmehr deutlich ab". Der Kohleausstieg erscheine da noch als "vergleichsweise leicht umsetzbare Maßnahme", um doch noch in die Nähe der Ziele zu gelangen. Allerdings schätzt man die Kosten bis ins Jahr 2040 dafür auf mindestens 17,6 Milliarden Euro. Aber selbst für die Klimaziele 2030 sieht das Regierungspapier schwarz. Das Land müsse doppelt so viel CO2 einsparen wie in den vergangenen 26 Jahren, um den Ausstoß um 55 Prozent zu reduzieren. Dieser Vergleich mache deutlich, "dass es sich hierbei um ein extrem ambitioniertes - genauer - nicht realisierbares Ziel handelt".

Das kleinliche Geschacher der Koalitionsverhandler ist umso peinlicher, als die Bundesregierung zur Bonner Weltklimakonferenz lädt, wo Angela Merkel Ähnliches verkündet wie schon im Frühjahr beim Petersberger Dialog: "Wir haben uns dazu verpflichtet, die Erderwärmung unter 2 Grad zu halten und möglichst auf 1,5 Grad zu begrenzen." Mit Blick aufs eigene Land sagte Merkel, es seien noch "Detaildiskussionen" zu führen.

Die werden nun im typischen Jamaikaformat geplant: Fantasielose Energieexperten der Union pokern mit hyperambitionierten Grünen und den Stromnostalgikern aus der FDP, die wie ihr Chef-Energieunterhändler Hermann Otto Solms, 76, noch immer den Atomausstieg bedauern.

Dabei könnte das Ende für Kohle, Öl und Gas eine Verheißung für den sechstgrößten Treibhausgasproduzenten der Welt sein: Ein Staat, der sich aus erneuerbaren Quellen mit Energie versorgt, macht sich unabhängig von teuren Rohstoffimporten aus weltpolitisch unsicheren Regionen. Er schafft Arbeitsplätze der Zukunft und sichert sich die technologische Führerschaft auf den Weltmärkten.

Viel lässt sich am Management der deutschen Energiewende bemängeln. Aber die Richtung stimmt: Kraftwerke, die Wind und Sonne in Elektrizität umwandeln, lassen sich mittlerweile zu gleichen Kosten errichten wie Kohlekraftwerke. "Und diese Preise werden weiter fallen, weshalb der Neubau von fossilen Kraftwerken weltweit zum Erliegen kommen wird", prophezeit Felix Matthes vom Öko-Institut in Berlin.

Die Entwicklung der vier großen Energiekonzerne, die Deutschland über Jahrzehnte aus Kohlekraftwerken mit Strom beliefert haben, zeigt dies exemplarisch: E.on und RWE haben ihre konventionelle Energieerzeugung in eine Art Bad Bank ausgelagert und versuchen, sich mit großen Wind- und Solarparks im In- und Ausland in das neue Energiezeitalter zu retten.

Neue Kohlekraftwerke will niemand mehr bauen. Denn ein Windrad oder Solarpanel, das erst mal finanziert und gebaut ist, produziert seine Strommengen theoretisch für null. Die Sonne schickt heute tatsächlich keine Rechnung mehr, wie der alte Öko-Slogan aus den Neunzigerjahren behauptet hatte. Die Kosten für Ökostrom, die auf den Strompreis aufgeschlagen werden, stammen in großen Teilen aus den vergangenen 17 Jahren seit Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes. Diese jährlich rund 25 Milliarden Euro sind das Lehrgeld für die Energierevolution.

Die großen Gewinne werden künftig mit cleveren Versorgungskonzepten, etwa für Haus, Heizung und Elektroauto verdient. Die Ideen von Maschinenbauingenieuren sind dabei genauso wichtig wie die von Softwareentwicklern. "Für eine Partei, die sich ein Modernisierer-Image gibt wie die FDP, müsste die Energiewende eigentlich ein willkommenes Zukunftsprojekt sein", sagt Energieexperte Matthes.

Für kaum eine Branche gilt dies so sehr wie für die Automobilindustrie, von der laut Branchenverband VDA knapp 800.000 Arbeitsplätze in Deutschland abhängen. Die deutschen Hersteller hängen derzeit der technischen Entwicklung beim Antrieb der Zukunft, dem Elektromotor, hinterher. Newcomer Tesla gibt die Entwicklungsschritte vor, zusammen mit den Batterieproduzenten aus Japan und Südkorea.

Dabei könnte eine klimafreundliche Neuaufstellung bei Daimler, BMW und Co. sogar Jobs sichern. Eine wenig beachtete Studie der European Climate Foundation, die unter Mitwirkung des VDA entstand, kam unlängst zu einem erstaunlichen Ergebnis: Die Jobs in der Mobilitätsbranche könnten auch bei einem Umstieg auf Elektromobilität erhalten bleiben. Dafür notwendig sei unter anderem, dass die Wertschöpfung aus der Batterieproduktion nach Deutschland komme.

Diese Prognose wird nur aufgehen, wenn Politik und Unternehmen jetzt beherzte Schritte gehen, etwa bei der Erforschung und der Produktion der nächsten Akkugeneration. Die FDP sträubt sich allerdings immer noch, selbst den Begriff Elektromobilität explizit im Koalitionsvertrag aufzunehmen. Dabei könnten die Liberalen in dem internen Regierungspapier nachlesen, dass es anders kaum gehen wird. Darin heißt es: "Um das sektorale Emissionsziel im Verkehrsbereich für 2030 zu erreichen, bedarf es zweifellos einer stärkeren Nutzung der Elektromobilität."