DFB-Kader: Löws EM-Personalkarussell
DFB-Kader Der große EM-Check
Joachim Löw hat Probleme - trotz des rauschhaften 3:0-Sieges gegen die Niederlande. Es sind keine Probleme, die Löw belasten, die aber gelöst werden müssen. Der Trainer der deutschen Fußballnationalmannschaft muss sich Gedanken machen, wen er mit zur Europameisterschaft in Polen und der Ukraine im kommenden Jahr nimmt. "Es wird Härtefälle geben", kündigte Löw bereits an. Der 51-Jährige verfügt über eine Vielzahl guter Spielern. Mehr, als der 23-Mann-Kader für die EM fasst. Probleme, die andere Nationaltrainer gerne hätten.
Dabei betreffen die Härtefälle nur wenige Kaderplätze. 18 Spieler dürften sich ihrer EM-Nominierung sicher sein. Um die verbleibenden fünf Positionen gibt es hingegen ein harten Konkurrenzkampf. Einige der Wackelkandidaten konnten sich in den beiden letzten Länderspielen des Jahres gegen die Ukraine und die Niederlande beweisen. Andere mussten zuschauen.
Nach einem überaus erfolgreichen Jahr 2011, an dessen Ende die makellose EM-Qualifikation mit zehn Siegen aus zehn Spielen steht und in dem die DFB-Elf nur eines von insgesamt 13 Spielen verlor (1:2 gegen Australien), wird sich Löw Gedanken machen, wer noch ein EM-Kandidat ist, und wer nicht. Der Bundestrainer sieht der Aufgabe jedoch gelassen entgegen. "Die Nominierung wird relativ einfach", so Löw, der nach eigener Aussage zur EM 2008 und zur WM 2010 Spieler mitnehmen musste, von denen er "fußballerisch nicht überzeugt war". Das wird ihm für das Turnier kommenden Sommer kaum passieren.
Mit Blick auf die EM lautet Löws Formel 18 + 5. Aber wer sind die 18 Spieler, die in Polen und der Ukraine wohl sicher dabei sein werden? Wer darf sich noch Hoffnungen machen, wer muss zittern, wer hat keine Chance mehr? Der mögliche EM-Kader im Überblick.
Tor - der Kampf um den Lehrlingsposten
Noch vor anderthalb Jahren war Manuel Neuer die Nummer zwei im deutschen Tor, heute ist er unantastbar. Weil René Adler von Bayer Leverkusen seine Teilnahme an der WM in Südafrika verletzungsbedingt absagen musste, stieg Neuer (heute 25 Jahre alt) zur Nummer eins auf. Und der Torwart des FC Bayern wird auch bei der EM im deutschen Tor stehen.
Adler, 26, ist wegen diverser Verletzungen derzeit kein Thema mehr für Löw, nicht einmal als Nummer zwei. Selbst eine überragende Rückrunde des Bayer-Keepers dürfte an diesem Status wenig ändern. Daher wird Werder Bremens Torwart Tim Wiese, 29, in Polen und der Ukraine Neuers erster Ersatzmann sein.
Spannender dürfte der Kampf um die Nummer drei werden. In der Regel nehmen Bundestrainer zu großen Turnieren einen jungen, unerfahrenen Torwart als dritten Mann mit, der lernen soll. So wie es Löw bei der EM 2008 getan hat, als der damals 23 Jahre alte Adler dabei war. Das ist derzeit Ron-Robert Zieler von Hannover 96. Für den 22-Jährigen spricht, dass Löw ihn bereits nominierte und gegen die Ukraine erstmals einsetzte.
Doch Zieler hat in dieser Saison bei seinem Club kleinere Schwächen gezeigt. Im Gegensatz zu Marc-André ter Stegen, der mit seinen gerade einmal 19 Jahren teils herausragende Leistungen bei Borussia Mönchengladbach abliefert. Bleibt das auch in der Rückrunde so, kann sich ter Stegen - wenn auch geringe - Hoffnungen machen, doch noch als Nummer drei mit zur EM zu fahren.
Abwehr - Problemzone rechts
Wenn es in der Vergangenheit Kritik an der Nationalmannschaft gegeben hat, dann bezog sich diese meist auf die Abwehr. Dabei stehen Löw mit Holger Badstuber, Jérôme Boateng (beide FC Bayern), Benedikt Höwedes (Schalke 04), Mats Hummels (Borussia Dortmund) und Per Mertesacker (FC Arsenal) fünf gute Innenverteidiger zur Verfügung. Aber der Bundestrainer hat keinen gelernten Rechtsverteidiger, weshalb wohl Boateng, 23, und Höwedes, ebenfalls 23 Jahre alt, in erster Linie für diese Position mit zur EM fahren werden.
Eine weitere Alternative wäre Christian Träsch, 24, der auch im defensiven Mittelfeld einsetzbar und dort auch stärker einzuschätzen ist. Hoffenheims Rechtsverteidiger Andreas Beck, 24, ist derzeit kein Thema mehr für die Nationalelf. Ein Fragezeichen steht noch hinter Arne Friedrich, der bei Löw immer gesetzt war. Der 32-Jährige ist derzeit vereinslos, nachdem er seinen Vertrag beim VfL Wolfsburg aufgelöst hatte. Sollte Friedrich für die Rückrunde einen Club und dort wieder zu guter Form finden, könnte er als Rechstverteidiger die große Überraschung werden und kurzfristig in den EM-Kader rutschen.
Obwohl Löw angekündigt hat, jede Position doppelt zu besetzen, wird er für die Innenverteidigung wohl nur mit de, 27-jährigen Mertesacker, Badstuber, 22, und Hummels, 22, planen, da Höwedes, Boateng und Friedrich neben der Position rechts auch für das Zentrum in Frage kommen. Der Bundestrainer spart damit einen Platz im 23er-Kader ein, um wie geplant einen dritten Stürmer mitnehmen zu können.
Spannend wird es auf der linken Verteidigerposition. Kapitän Philipp Lahm, 28, ist gesetzt, dahinter kämpfen Marcel Schmelzer, 23, und Dennis Aogo, 24, um den freien Platz. Der Dortmunder Schmelzer war zu Saisonbeginn verletzt, Hamburgs Aogo nicht in Form. Die Leistungskurve beider zeigt aber derzeit leicht nach oben. Daher dürfte der Kampf um den Posten als Lahm-Vertreter bis zuletzt offen bleiben.
Defensives Mittelfeld - vierter Mann gesucht
Bastian Schweinsteiger, Sami Khedira, Toni Kroos: Drei der vier EM-Kaderplätze im defensiven Mittelfeld sind bereits fest vergeben, wobei sich allein Schweinsteiger, 27, sicher sein kann, auch stets von Beginn an zu spielen. Neben dem Bayern-Star streiten sich dessen Vereinskollege Kroos, 21, und Khedira, 24, von Real Madrid um den zweiten Stammplatz auf der Doppelsechs.
Bleibt noch der Kampf um den vierten Platz im defensiven Mittelfeld - und an dem beteiligen sich gleich mehrere Spieler. Die Bender-Zwillinge Sven (22, Borussia Dortmund) und Lars (Bayer Leverkusen) dürfen sich durchaus Hoffnungen machen, dass einer von ihnen mit zur EM fährt. Anders Sven Benders BVB-Vereinskollege Ilkay Gündogan, 21, für den das Kapitel Nationalmannschaft nach einer schwachen Hinrunde bei Dortmund vorerst beendet ist. Ähnliches droht wohl auch Simon Rolfes, 29, von Bayer Leverkusen, der zwar gegen die Ukraine eingewechselt wurde und auch ein Tor erzielte, sich aber derzeit im Club nicht für einen EM-Platz aufdrängt.
Große Hoffnungen, als vierter defensiver Mittelfeldspieler mit zur EM zu fahren, darf sich neben den Bender-Zwillingen Christian Träsch, 24, machen - trotz der bislang durchwachsenen Hinrunde beim VfL Wolfsburg. Im Gegensatz zu seinen Konkurrenten ist Träsch flexibler, kann auch als rechter Verteidiger spielen, wie er es früher beim VfB Stuttgart getan hat. Weil Löw dort in Boateng und Höwedes nur über Notlösungen verfügt, könnte das Träschs entscheidender Vorteil sein, der ihn zum EM-Fahrer werden lässt. Träsch hätte auch schon zum WM-Kader 2010 gehört, wenn er nicht kurzfristig verletzungsbedingt ausgefallen wäre.
Offensives Mittelfeld - die Qual der Wahl
Im offensiven Mittelfeld hat Bundestrainer Löw ein Problem: Wer soll von Beginn an auflaufen? Denn vor lauter Qualität muss er Spieler, die bei fast jeder anderen Nation gesetzt wären, auf der Bank lassen. Im zentralen offensiven Mittelfeld dürfte der auch am Dienstag in Hamburg wieder überragende Mesut Özil (Real Madrid) ob seiner Erfahrung mit 23 Jahren die Nase vor Mario Götze, 19, von Borussia Dortmund haben.
Links kämpfen Lukas Podolski (1. FC Köln) und André Schürrle (Bayer Leverkusen) um den Platz in der Startelf. Schien der 26 Jahre alte Podolski jahrelang konkurrenzlos auf dieser Position, ist das Rennen mittlerweile offener. Schürrle, 21, hat den Druck auf den Kölner mit guten Auftritten gegen Belgien und Uruguay deutlich erhöht. Weil treue Weggefährten bei Löw aber meist einen Bonus genießen, dürfte Podolski vorerst noch erste Wahl sein.
Anders die Situation auf der rechten Seite, wo Thomas Müller, 22, vom FC Bayern gesetzt ist. Wer auch immer als zweiter Mann für diese Position mit zur EM fährt: Er sollte sich nicht zu viele Hoffnungen auf Spielanteile machen. Die besten Chancen als Müller-Ersatz hat wohl Marco Reus, 22, der bei Borussia Mönchengladbach eine Saison auf ganz hohem Niveau spielt. Dagegen fallen die in der vergangenen Spielzeit starken Lewis Holtby (21, FC Schalke 04) und Kevin Großkreutz (23, Borussia Dortmund) derzeit deutlich ab.
Sturm - Mario oder Miro?
Der eine führt mit 13 Treffern die Torjägerliste der Bundesliga an, der andere ist mit 6 Treffern bislang drittbester Torschütze in Italien. Mario Gomez (FC Bayern) oder Miroslav Klose (Lazio Rom) - wen lässt Löw bei der EM im Sturm in der Startelf ran?
Für Klose spricht, dass er in Italien zu alter Stärke zurückgefunden hat. Gegen die Niederlande strotzte der Angreifer nur so vor Spielfreude, der Wechsel vor der Saison von Bayern zu Lazio entpuppte sich im Nachhinein als Glücksfall für den 33-Jährigen. Einerseits, weil er in München kaum eine Chance gehabt hätte, an einem Gomez in der aktuellen Verfassung vorbeizukommen. Andererseits, weil er in Rom Stammspieler und Fan-Liebling ist und sich wieder in den Vordergrund spielen konnte. Und Klose ist ein Torgarant im Nationalteam, erzielte in 113 Länderspielen bislang 63 Treffer.
Dennoch: Allein gemessen an den Leistungen in dieser Saison müsste Löw den 26-jährigen Gomez von Beginn an aufstellen. Weil der Bundestrainer aber dafür bekannt ist, lange an loyalen Spielern wie Klose festzuhalten und diese auch immer wieder einzusetzen, dürfte der Zweikampf spannend werden.
Löw wird auch einen dritten Stürmer zur EM mitnehmen, dafür einen Verteidiger weniger. Beste Chancen auf den freien Platz im Angriff hat Cacau. Weil er sich mit der Rolle des dritten Mannes zufrieden gibt, in der Nationalelf nie meckert und immer loyal ist. Sportlich ist der 30-Jährige eine ordentliche Alternative zu Gomez und Klose. Wenig Chancen dürfte hingegen Stefan Kießling, 27, haben, der sich seinen einstigen Stammplatz bei Bayer Leverkusen mittlerweile mit dem Schweizer Eren Derdiyok teilen muss.