Fußball-Regeln Handanlegen im Graubereich
Dies ist der zweite Teil der 11Freunde-Serie über Nischen im Fußballregelwerk. Wenn Sie den ersten Teil verpasst haben, klicken Sie einfach hier.
Jeden Sonntag schreien auf den Amateurplätzen der Nation tausende Fußballer entrüstet "Hand!", wenn einem Spieler der Ball irgendwie an die obere Extremität springt. Es ist ein Reflex, die Regeln hat dabei kaum jemand im Sinn. Oftmals sind sie gar unbekannt, dabei ist es eigentlich ganz einfach: Das einzig relevante Kriterium ist, ob der betreffende Fußballer eine Bewegung mit der Hand oder seinen Arm explizit mit dem Ziel ausführt, den Ball zu berühren. "Das ist eine ganz unglückliche Regel", sagt Kinhöfer schulterzuckend, denn der Begriff "Absicht" lässt einen großen Interpretationsspielraum. "Beim Handspiel gibt es so viele Anhaltspunkte", meint Kinhöfer und führt aus: "Hand zum Ball, Ball zur Hand, Armhaltung, Entfernung, Geschwindigkeit - und es gibt einfach einen ganz großen Graubereich. Absicht lässt sich einfach unglaublich schwer definieren."
Bayern-Torwart Rensing (2.v.r.): Gefoult ohne Kontakt
Foto: REUTERSFälschlicherweise wird oft mit der Frage argumentiert, ob sich aus der Berührung ein klarer Vorteil für den Hand spielenden Fußballer ergebe, doch das ist unerheblich. Ein Spieler muss einen locker neben dem Körper baumelnden Arm auch nicht zwingend zur Seite ziehen, wenn der Ball kommt. Befindet sich die Extremität in einer natürlichen Haltung, darf der Schiedsrichter nicht Hand pfeifen.
Es gibt ein berühmtes Beispiel für diesen Fall. Im Viertelfinale der Weltmeisterschaft 2002 zwischen Deutschland und den USA stand Torsten Frings in der 49. Minute nach einer Ecke auf der Torlinie, der Ball flog ihm eindeutig gegen den Arm, ohne diese Berührung hätten die Amerikaner ausgeglichen. Der schottische Schiedsrichter Hugh Dallas verzichtete jedoch völlig zu Recht auf den Elfmeterpfiff.
Weil es aber unzählige andere Situationen gibt, die viel schwerer zu beurteilen sind, fordert Felix Magath eine Änderung der Regel. "Die Thematik ist aus meiner Sicht ein Riesenproblem", sagt der Wolfsburger Trainer. "Dass man einem Schiedsrichter aufbürdet, zu entscheiden, war es Absicht oder war es keine Absicht wie soll der in Bruchteilen von Sekunden sehen, was passiert? Den Schiedsrichtern, den Zuschauern, allen wäre geholfen, wenn man sagt: Hand ist Hand, und dann wird 'auch gepfiffen'", findet Magath. Vielleicht ringt sich das International Football Association Board (IFAB), die höchste Instanz für Regelfragen, irgendwann tatsächlich einmal zu einer solchen Änderung durch.
Gänzlich bereinigen lässt sich der Fußball aber nie von dieser Art der hochkomplexen Auslegungsfragen. Denn Foulspiele wird es immer geben, und damit auch kaum interpretierbare Grenzfälle. Berührungen mit dem Körper sind erwünscht, sie richtig zu bewerten ist schwierig und erfordert viel Erfahrung. Oftmals helfe die Frage, "ob ein Spieler erst den Ball und dann den Körper des Gegenspielers trifft oder umgekehrt", sagt Kinhöfer. Doch wenn einer zuerst den Ball berührt, das aber nur möglich war, weil er danach heftig mit den Beinen des Gegners kollidiert, ist auch das meist ein Foul. Grundsätzlich gelte aber: "'Erst Ball, dann Mann' ist okay, 'erst Mann, dann Ball' ist nicht okay, 'beides gleichzeitig', da hat der Schiedsrichter die Möglichkeit abzuwägen."
Besonders heikel ist es, wenn sich Fouls über einen Raum von einem halben oder sogar mehreren Metern erstrecken, wie zum Beispiel beim Halten. Das ist von größter Relevanz, wenn die Situation in der Nähe des Strafraumes stattfindet. Welcher Moment eines Fouls ist ausschlaggebend? Diese Frage wird von den Regeln nicht explizit behandelt, dort heißt es nur, Freistöße werden "an der Stelle ausgeführt, an der sich das Vergehen ereignete". Kinhöfer erläutert: "Es wird entweder das schwerere Vergehen gewertet oder der Ort, wo das Vergehen endet."
Ärgerlich für die Schiedsrichter ist, dass solche Szenen von den Fernsehreportern häufig falsch bewertet werden. In Unkenntnis der exakten Regeln. Damit werden unkorrekte Auslegungen millionenfach multipliziert, so dass heute immer noch viele Leute nicht wissen, ob nun der Umfang oder der Durchmesser des Balles die Torlinie überschritten haben muss. "Richtig ist Umfang", sagt Kinhöfer, denn wenn sich eine Hälfte eines Balles hinter der Linie befindet, dann befindet sich auch ein kompletter Durchmesser hinter der Linie ein Tor ist das aber längst noch nicht.
Der Diskussion darüber, wann ein Ball hinter der Linie ist, hat sich vor einigen Monaten auch schon unser Kolumnist Christoph Biermann angenommen. Den Text finden Sie hier.
Auch die Frage, welche Körperteile für Abseitsentscheidungen relevant sind, wird oftmals falsch beantwortet. Da ist schon vom "Körperschwerpunkt" gesprochen worden, "vom Rumpf" und von "allen Körperteilen". Zutreffend ist, dass jene Teile des Körpers relevant sind, mit denen man ein Tor erzielen darf. Die Hände und Arme also nicht. Ein jüngeres Beispiel journalistischer Regelunsicherheit stammt aus dem Champions-League-Spiel der Bayern bei Steaua Bukarest in der laufenden Saison. In der 76. Minute konnte Michael Rensing einen Schuss der Rumänen zunächst nicht festhalten, hatte dann aber die Hand auf dem am Boden liegenden Ball, als der nachrückende Bogdan Stancu das Spielgerät wegspitzelte und doch noch ein Tor erzielte.
Regelkunde lohnt sich
Am Tag danach tauchte in zahllosen Zeitungen das Wort "Glück" im Zusammenhang mit dieser Szene auf, denn der Schiedsrichter gab den Treffer nicht, obwohl der Rumäne Rensing noch nicht einmal berührt hatte. Der Referee lag aber richtig, denn wenn der Ball einem Torhüter, dessen Hand auf dem Spielgerät liegt, weggespitzelt wird, gilt das immer als Foul, auch ohne Körperkontakt.
Endgültig gestaunt haben dann alle, als der Bochumer Mimoun Azaouagh sich in Frühjahr vor seinem 1:1 bei Eintracht Frankfurt mit dem Unparteiischen Felix Brych verbündete. Azaouagh sagte zu Brych, dieser brauche die Mauer nicht zu stellen, und fragte, ob er den Freistoß auch ohne Pfiff ausführen dürfe. Der Schiedsrichter ging auf den Vorschlag ein, und der Bochumer Spieler schoss den Ball ins verlassene Tor. Oka Nikolov organisierte derweil gerade seine Mauer.
In den Regeln ist vorgesehen, dass Schiedsrichter nicht inflationär von ihrer Pfeife Gebrauch machen sollten, deshalb müssen Freistöße nur dann mit einem akustischen Signal freigegeben werden, wenn der Unparteiische die Mauer stellt. "Mich hat noch keiner gefragt, aber ich muss nicht pfeifen", sagt Kinhöfer.
Manchmal können Spieler also einen echten Vorteil erlangen, wenn sie sich nur gut mit den Regeln auskennen.