Mark van Bommel: Abräumer und Antreiber
Mark van Bommel Das Uhrwerk von Oranje
Es ist die Frage, die sich gegen Ende einer WM unweigerlich stellt: Welche Spieler werden rückblickend als Symbolfiguren für ihre Nationalelf stehen? Im Fall der Niederlande scheint die Antwort einfach: Arjen Robben, der geniale Dribbler. Wesley Sneijder, der Regisseur und Torjäger. Oder Robin van Persie, der elegante Stürmer. Doch genau genommen verkörpern sie alle das alte Oranje.
Wenn die Niederlande am Sonntag erstmals seit 1978 wieder ein WM-Finale bestreiten (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), werden einmal mehr die Vertreter der Kreativabteilung im Fokus stehen. Den Mann, der den Ballkünstlern auch im Endspiel gegen Spanien den Rücken freihalten will, dürften dagegen viele übersehen, obwohl er wie kein Zweiter für das neue Oranje steht: Mark van Bommel.
Der Bayern-Kapitän ist der heimliche Star dieser Mannschaft, die sich nicht länger nur über Doppelpass und Hackentrick, sondern vielmehr über Ordnung, Disziplin, Zweikampfstärke und Laufbereitschaft definiert. Nicht zuletzt dank van Bommel weisen die Niederlande mit rund 55 Prozent gewonnener Duelle die bislang beste Zweikampfbilanz aller WM-Teams auf.
Die niederländische Zeitung "De Telegraaf" hat ihn als "Motor von Oranje" bezeichnet. Derjenige, der die orangefarbene Maschine am Laufen hält, seine Arbeit aber zumeist im Verborgenen verrichtet. Das südafrikanische Blatt "Cape Times" hat das neue niederländische Spiel mit dem Filmtitel "Clockwork Orange" umschrieben: Das Team erledigt seinen Job mit der Präzision eines Uhrwerks. Nicht spektakulär, aber effektiv. Mit van Bommel als Antriebsfeder.
Fremdkörper unter van Basten
Der 33-Jährige hat der Elftal die lange vermisste Balance zwischen Offensive und Defensive verliehen - der Schlüssel für den Erfolg in Südafrika. Van Bommel ist Antreiber und Abräumer, Ball-Eroberer und -Verteiler, rustikaler Kämpfer und intelligenter Stratege. Daher mag es nur auf den ersten Blick überraschen, dass er neben den Stürmern Keisuke Honda (Japan) und Luis Suárez (Uruguay) der bislang am häufigsten gefoulte Spieler des Turniers ist.
Es ist das Verdienst von Bondscoach Bert van Marwijk, die Bedeutung seines Schwiegersohns für Oranje erkannt und ihn in die Elftal zurückgeholt zu haben. Van Marwijks Vorgänger Marco van Basten hatte in van Bommel nicht mehr als einen raubeinigen Zerstörer gesehen, einen Fremdkörper im klassischen Sturm-und-Drang-Spiel der Niederländer.
Nach der WM 2006, van Bommels erstem großen Turnier, ignorierte ihn van Basten bei der Nominierung für die ersten beiden Spiele der EM-Qualifikation. Die Berufung für die folgende Partie gegen Bulgarien lehnte van Bommel ab - mit der Ansage, "nicht mehr unter Marco van Basten" für die Niederlande spielen zu wollen.
Nachdem die Niederlande ohne van Bommel bei der EM 2008 eine gewohnt überragende Vorrunde mit spektakulärem Offensivfußball hingelegt hatten, schieden sie aufgrund der gewohnten Abwehrschwächen im Viertelfinale gegen Russland aus. Van Marwijk übernahm das Kommando und begann, der Elftal einen neuen Stil zu verpassen: die kreativen Stärken sollten bewahrt, aber mit mehr Ordnung und Stabilität untermauert werden. Dazu brauchte er van Bommel.
So unauffällig seine Spielweise, so auffällig sein Auftreten: van Bommel dirigiert, gestikuliert, provoziert. Die mentale Stärke und der Siegeswille des Bayern-Profis färben offenbar auf seine Nebenleute ab: Im Viertelfinale gegen Brasilien drehte die Elftal ein schon verloren geglaubtes Spiel - übrigens mit Hilfe der im Land der Fußballästheten lange verpönten Standardsituation. Van Marwijks Oranje entzückt nicht mehr so oft wie früher die Herzen der Fans - dafür stirbt es aber auch nicht wie vormals in Schönheit.
Mehr als der Treter und Grätscher
Dabei ist van Bommel mehr als der Treter und Grätscher, auf den er auch in der Bundesliga gerne reduziert wird. Wie so viele niederländische Fußballer ist er technisch hervorragend ausgebildet und stets in der Lage, den Ball klug in die Spitze zu spielen. Bei Bayern bereitete er vergangene Saison vier Tore vor, bei der WM bewies er seine Fähigkeiten in der Spieleröffnung unter anderem mit einem herausragenden Zuspiel auf van Persie im Gruppenspiel gegen Japan. 78 Prozent seiner Pässe fanden im Turnier bisher den Weg zum Mitspieler - nur sein Nebenmann Nigel de Jong leitet den Ball mit 81 Prozent Erfolgsquote noch genauer weiter. Seine erste Gelbe Karte bei dieser WM bekam er im Halbfinale gegen Uruguay - in der 90. Spielminute.
Van Bommel ist in den vergangenen Jahren zu einem Führungsspieler gereift. Beim FC Bayern füllt er die Rolle aus, die früher Stefan Effenberg zufiel. In der Nationalmannschaft dagegen hat er diese Rolle überhaupt erst geschaffen. Unter van Basten besetzten de Jong oder Orlando Engelaar das Zentrum im Mittelfeld. Beide sind zuverlässige Arbeiter - aber keine Anführer.
Schon fast vergessen ist, dass sein Status zwischenzeitlich stark gefährdet war. 2008 hatte ihn der damalige Trainer Jürgen Klinsmann als Kapitän auf die Bank gesetzt und zur neuen Spielzeit den Ukrainer Anatoli Timoschtschuk verpflichtet, der den Niederländer im zentralen Mittelfeld verdrängen sollte. Van Bommel reagierte gelassen: "Der kann gerne kommen - und dann sitzt er schön auf der Ersatzbank," tönte er damals - und behielt Recht.
Das Gesicht des FC Bayern ist van Bommel in der öffentlichen Wahrnehmung bereits. Führt er Oranje zum ersten WM-Titel der Geschichte, könnte er aus dem Schatten der Robbens und Sneijders heraustreten.