DFB-Frauen holen Bronze Hrubeschs Heldin
Berger bei ihrer Parade
Foto: Olivier Chassignole / AFPSzene des Spiels: Horst Hrubesch wollte an diesem Abend, in seinem allerletzten Spiel als Trainer, nicht im Mittelpunkt stehen, und der 73-Jährige tat es auch nicht. Die siebte Minute der Nachspielzeit lief, Deutschlands Fußballerinnen führten 1:0 gegen Spanien. Es schien klar, noch ein paar Sekunden, dann wäre die Bronzemedaille bei Olympia perfekt. Doch dann gab es einen Strafstoß, weil sich Janina Minge bei einem schnell ausgeführten Freistoß der Spanierinnen nur mit einem Foul zu helfen wusste. Elfmeter, jetzt, wo niemand mehr Kraft hatte für eine Verlängerung.
Rettung des Spiels: Als alle nervös wurden, blieb eine ganz cool. Deutschlands Nummer eins, Ann-Katrin Berger, hatte bereits im Viertelfinale im Elfmeterschießen gegen Kanada zwei Versuche gehalten und einen selbst verwandelt. Jetzt stand sie da, atmete tief durch und konzentrierte sich auf den Ball. Vor ihr stand Alexia Putellas, eine der besten Fußballerinnen der Welt. Putellas lief an, schoss, Berger wehrte ab. Dann war Schluss.
Ergebnis des Spiels: Deutschland verabschiedet Horst Hrubesch mit einer Bronzemedaille in den Ruhestand. Die DFB-Frauen gewannen 1:0 gegen die Weltmeisterinnen aus Spanien.
Die Heldin: Kurz vor dem Olympiaturnier kam Hrubesch auf die Idee, Torhüterin Berger anstelle von Stammkeeperin Merle Frohms zur Nummer eins zu machen. Die 33-Jährige war jahrelang beim FC Chelsea erfolgreich, heute spielt sie in den USA. Doch Berger hatte auch mit ihrer Krebserkrankung zu kämpfen. Im November 2017 wurde bei ihr Schilddrüsenkrebs diagnostiziert, im Januar 2018 nahm sie nach einer Operation das Training wieder auf. Im August 2022 gab Berger bekannt, dass sie nach vier Jahren erneut an Schilddrüsenkrebs erkrankt sei. Knapp einen Monat später feierte sie ihr Comeback. Jetzt, auf der großen Sportbühne, belohnte sie sich für ihren Kampf und zahlte das Vertrauen zurück, das Hrubesch in sie gesetzt hatte.
Ann-Katrin Berger ist die entscheidende Figur auf dem Weg zur Bronzemedaille
Foto: Marcus Brandt / dpaDer Held: Mit Hrubesch geht nun einer der größten Helfer des deutschen Fußballs. Er trainierte eigentlich alle DFB-Nachwuchsteams, gewann 2016 mit der Männerauswahl die Silbermedaille bei den Sommerspielen in Rio, war bereits 2018 einmal Interimsbundestrainer bei den Frauen für rund acht Monate. Mit dem Ende seiner zweiten Aushilfszeit bei den DFB-Frauen soll endgültig Schluss sein auf der Trainerbank.
Scherben zusammengekehrt: Aber man muss die Geschichte noch mal von vorn erzählen. Wenn man zehn Monate zurückblickt und bedenkt, wie schlecht es damals um die DFB-Frauen stand, war allein das Spiel um Bronze an diesem Tag eine kleine Sensation. Das Team war nach dem WM-Vorrundenaus in Australien und den anschließenden Irritationen um Martina Voss-Tecklenburg stark verunsichert. Die Bundestrainerin hatte einen Scherbenhaufen hinterlassen . Als der DFB dann die 112 wählte und seine Allzweckwaffe Hrubesch am anderen Ende der Leitung war, wusste man nur: Da kommt einer, der schon so vielen DFB-Auswahlen mit seiner Erfahrung geholfen hat.
Hrubesch-Ball: Mit dem 73-Jährigen endeten die Experimente, die es unter Voss-Tecklenburg immer mal wieder gegeben hatte. Stürmerinnen mussten keine Außenverteidigerinnen mehr sein, die Spielerinnen spielten wieder dort, wo sie sich am wohlsten fühlten. Das hat sich auch im Bronzespiel gegen Spanien gezeigt. Zur Wahrheit gehört auch, dass der Fußball unter Hrubesch nicht besonders schön ist, er ist zweckmäßig, es geht um Sicherheit und Leidenschaft, auch um den gemeinsamen Spaß am Spiel. Das klingt alles etwas altmodisch, aber wenn es funktioniert?
Ein letztes Mal auf Sendung: Während der Olympischen Spiele hat sich mit »Radio Hrubesch« ein hübsches Livecoaching-Format etabliert. Da die Stadien des olympischen Fußballturniers nicht besonders gut besucht waren, – so auch beim Bronzespiel in Lyon – und die Mikrofone sehr nah an der Trainerbank standen, hörte man im TV stets, was Hrubesch seinen Spielerinnen zurief.
Die schönsten Anweisungen (und wofür sie stehen):
»Jule, geh hoch. Geh weiter. Noch weiter«, rief Hrubesch Jule Brand zu. Wahrscheinlich bekommt keine Spielerin so viele Anweisungen von Hrubesch wie die 21-jährige Außenstürmerin. Aber wahrscheinlich gibt es auch nur wenige andere, von denen Hrubesch so überzeugt ist, dass sie mal eine ganz Große werden kann.
»JAWOLL!« Ein Satz, der keiner ist, aber natürlich ein Symbol. Es soll einfach unter Hrubesch sein, klar, schnörkellos. Jawoll, geht raus, spielt Fußball.
»Alles gut, nur sauber zu Ende spielen, bitte!« Sport kann emotional sein, es kann laut werden, man kann auch mal aus der Haut fahren, wie jüngst der Fall des Hockey-Bundestrainers im Umgang mit einer Spielerin zeigte (»Anne, halt jetzt die Fresse«). Auch Hrubesch kann sehr laut werden, aber dass er seine Anweisungen mit einem »Bitte« versieht, ist fast schon zu viel des Gentlemans.
Ansager Hrubesch, und direkt neben ihm das Mikrofon
Foto: Claudio Villa / Getty ImagesSpanische Qualität: Dass die Weltmeisterinnen nicht im olympischen Finale stehen würden, war nicht zu erwarten, schon gar nicht, dass sie im Halbfinale gegen Brasilien 2:4 untergehen. Die große Qualität der Spanierinnen war gegen Deutschland nicht immer, aber doch immer wieder Mal zu sehen. 44. Minute, Aitana Bonmatí bekam den Ball an der Strafraumgrenze, schoss sofort, Latte. Da hatte die DFB-Auswahl Glück, dass es torlos in die Pause ging.
Haupt-Gwinn: Im Viertelfinale gegen Kanada erzielte die DFB-Auswahl in 120 Minuten keinen Treffer und konnte sich erst im Elfmeterschießen durchsetzen. Auch im Halbfinale gegen die USA gelang bis zum Ende der Verlängerung kein Treffer. Bis zur 65. Minute fehlte gegen Spanien wieder jegliche Torgefahr, was mit der intensiven Defensivarbeit zusammenhing. Dann gab es nach einem Foul an Giulia Gwinn Elfmeter, und da Strafstöße längst zu Gwinns Spezialität geworden sind, trat die Gefoulte selbst an. Das brachte kein Unglück, die Führungsspielerin verwandelte sicher – der Siegtreffer.
Gwinns Torschrei, der Jubel zu Bronze
Foto: Olivier Chassignole / AFPLetzte Dienstreise: Am morgigen Samstag geht es für die deutsche Mannschaft zum ersten Mal bei diesen Sommerspielen in die Olympiahauptstadt Paris, wo die DFB-Frauen und Hrubesch ihre Bronzemedaille in Empfang nehmen werden.
Der Erbe: Mit Christian Wück steht ein Nachfolger für Hrubesch bereit. Der 51-jährige Ex-Profi arbeitet seit 2012 für den DFB, trainierte verschiedene Junioren-Auswahlen und feierte zuletzt mit der U17 große Erfolge mit dem EM- und WM-Titel im vergangenen Jahr. Das klingt vielversprechend, dennoch darf man skeptisch sein: Im Fußball der Frauen hat Wück noch nie gearbeitet. Sein Debüt wird Wück voraussichtlich am 25. Oktober geben: im Londoner Wembley-Stadion gegen England.
Keine Sorge, er kommt wieder: »Fehlen wird mir sicherlich etwas hinterher, aber es ist keine Wehmut«, sagte Hrubesch: »Dafür war die Zeit einfach zu schön.« Die Fußballerinnen, der DFB, die Fans, viele werden Horst Hrubesch vermissen, das ist sicher. Aber aus der Welt ist er auch nicht. Im kommenden Jahr findet die EM in der Schweiz statt, Hrubesch hat in seiner kurzen Amtszeit mit den DFB-Frauen die Qualifikation perfekt gemacht. Und Hrubesch hat schon angekündigt: Er wird sich das Turnier anschauen, vor Ort, gemeinsam mit seiner Frau Angelika. Auf ein Wiedersehen mit Horst Hrubesch.