Flush Hour: Am Ende kackt die Ente - DER SPIEGEL
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Flush Hour Am Ende kackt die Ente

Für Politiker ist es die Zeit des Wahlkampfs, für Diskuswerfer Robert Harting der letzte Versuch - Pokerspieler sagen "Bubble" zu ihr. Ausgerechnet in dieser entscheidenden Phase erlebte Lasse König seine brutalste Turnier-Niederlage, und der Spruch eines TV-Kommentators wurde grausame Wirklichkeit.
Diskuswerfer Harting: Da sein, wenn's drauf ankommt
Diskuswerfer Harting: Da sein, wenn's drauf ankommt

Diskuswerfer Harting: Da sein, wenn's drauf ankommt

Foto: ddp
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auch negative PR ist positiv, hat irgendjemand mal gesagt. Und Recht hat er. Sie funktioniert sogar viel besser - weil Kritik authentischer wirkt als Lob. Wenn ich an dieser Stelle beispielsweise das St.-Pauli-Buch des Kollegen Mike Glindmeier in der Luft zerreißen würde, wäre Glindmeier mir nicht böse. Im Gegenteil: Die vielen latenten Kritikerhasser würden es dann erst Recht kaufen - und natürlich einige von denen, die vorher noch nie was von dem Buch  gehört haben. Ich finde das Buch übrigens großartig.

Bei Büchern und CDs funktioniert diese Art der PR wunderbar. Bei Rucola eher nicht. Es heißt, der Rucola-Markt sei zusammengebrochen, nachdem in einer Packung ein Stängel des Gemeinen Greiskrauts entdeckt worden war.

Vielleicht ist er sogar bei der FDP!

Aber Häme ist fehl am Platz, ich bin ja selbst auch schon auf diese Negativ-PR reingefallen. Der Leser Herbert N. aus Goslar schrieb mir vor wenigen Wochen, er hoffe, es sei nun endlich "Schluss mit dem Pokerscheiß". Ich hab ihn triumphierend zitiert, mit Worten vernichtet und mich erst später darüber geärgert. Weil sie ihn in seiner Stadt wegen seines Coups nun womöglich feiern und zum Bürgermeister wählen. Vielleicht ist er sogar bei der FDP! Oder Informatiker! Das alles wollte ich nicht.

Und deshalb bin ich nun vorsichtig.

Ich werde in diesem Text die Stadt nicht nennen, in der ich diese so unglaubliche wie schmerzhafte Niederlage einstecken musste. Ich schreibe stattdessen von einer Pleite "in einem Casino irgendwo in Deutschland", weil jede Namensnennung dieser Stadt nur Aufmerksamkeit verschaffte, die sie aufgrund ihrer abgrundtiefen Hässlichkeit einfach nicht verdient. Ich wünschte, sie wäre so schön wie diese hier.

Tight wie eine 501

Das Setting des Horrorfilms: NL-Turnier in einem Casino irgendwo in Deutschland, 50 Teilnehmer, 100 Euro Buy-in, sieben bezahlte Plätze. Ich hatte in der vergangenen Woche ja eigentlich angekündigt, vorerst auf Turniere verzichten zu wollen, aber ein Freund lullte mich ein. "Lass diesen ewigen Fatalismus, Lasse", sagte er, und: "Eh nur Fische hier".

Ich spielte zu Beginn tight wie eine frischgewaschene 501. "Unter KK mache ich es heute nicht", schwor ich meinem Kumpel. "Ist klar", sagte er. Das erste Blatt war gleich KQ suited, aber ich kassierte nur den Small Blind. Immerhin. Die zweite Hand war KK, diesmal konnte ich gegen QQ bei einem Regenbogen-Board von 4-8-J-2-3 verdoppeln. Knapp zwei Stunden passierte dann fast nichts mehr. Es sah trotzdem alles sehr gut aus, fand ich.

Dann waren wir plötzlich nur noch zu acht.

Der "Bubble-Boy"

Was folgte, war die Bestätigung für so vieles: Ich bin immer noch ein Fisch. Ich hasse Turniere. Es gibt keine Gerechtigkeit auf dieser Welt.

Es soll im Folgenden um die Phase in einem Turnier gehen, die Pokerspieler "Bubble" nennen. Wie so vieles aus dem Poker hat auch die "Bubble" Entsprechungen in nahezu allen Lebensbereichen. Politiker sagen "heiße Wahlkampfphase" zu ihr, für den Diskus-Wahnsinnigen Robert Harting ist sie "der Versuch, wo ick allet rausjerissen hab". Der Coitus interruptus ist auch ein Beispiel, die Jüngeren werden sich erinnern.

Der großartige TV-Kommentator Frank Buschmann goss sie in fünf schlichte Worte: "Am Ende kackt die Ente."

Im Poker ist die "Bubble" die Phase, in der es um das Erreichen der Geldplätze geht. Sie ist deshalb nicht vergleichbar mit der Kreditblase, die "Bubble" hat nämlich etwas Gutes, wenn sie platzt. Nur eben nicht für denjenigen, der sich als Letzter vor dem Geld verabschiedet. Dieser arme Tropf heißt "Bubble Boy". Oder Lasse König.

Holzfäller-Guido riecht nach Bier

Machen wir es kurz. Ich ging die beiden Bubble-Strategien durch, die es leider nur gibt: Schwimmen oder Kämpfen. Die Schwimmer sitzen auf einem großen Stack und warten ab, bis jemand anderes der Bubble Boy ist. Die Kämpfer haben einen kleinen Stack und müssen aggressiv spielen, um zu überleben. Leider gibt es auch Schwimmer, die kämpfen. Sie haben einen großen Stack und große Aggressivität. Und es gibt Leute wie mich, die glauben, mit einem kleinen Stack schwimmen zu können.

Den Namen meines Peinigers habe ich schon wieder vergessen, er sah aus wie Guido Westerwelle mit Holzfällerhemd. Er spielte hyperaggressiv, raiste jede Hand - und saß direkt rechts von mir. Er roch nach Bier. Guido hatte 20 Big Blinds vor sich liegen, ich noch fünf. Aber ich hatte die Asse. Und er mal wieder Lust, aus dem Small Blind meine astronomische Fold-Equity auszunutzen. "Raise", grunzte er nach seinem 3-Bet. "All in", entgegnete ich.

Jeder andere am Tisch hätte seine Karten weggeworfen, außer Holzfäller-Guido. Er callte mit A2 suited in Karo.

Eine 2 fiel auf dem Flop, die zweite auf dem River. Ich war der Bubble Boy und die Runde wohl schwer begeistert, obwohl alle diese mitleidigen "That's Poker"-Blicke aufgesetzt hatten, die ich so hasse. Irgendwer, ich glaube, es war es Harrington, hat mal geschrieben, man müsse sich in wenigen entscheidenden Momenten auch mal von Assen trennen.

Negativ-PR für die Asse. Aber ausgerechnet bei mir hatte sie nicht funktioniert.

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