Kretzschmar und Schwarzer "Mit Sicherheit im Halbfinale"
Frage: Die Nationalmannschaft zieht nach überraschend deutlichen Siegen gegen Polen und Mazedonien mit vier Punkten in die Hauptrunde ein. Was erwarten Sie von Ihren ehemaligen Mitspielern?
Schwarzer: So langsam wird es unheimlich. 30:23 gegen Polen zu gewinnen ist ja nicht so schlecht! Damit kann man arbeiten, mit 4:0 Punkten in die Hauptrunde.
Kretzschmar: Wenn du mit vier Punkten in die Hauptrunde gehst, kannst du davon ausgehen, dass du mit Sicherheit im Halbfinale bist.
Schwarzer: Mit Sicherheit noch nicht, aber es könnte theoretisch, wenn alles gut läuft, schon ein Sieg reichen. Mit zwei Siegen bist du natürlich sicher durch. Gewisse Konstellationen gibt es, bei denen sogar nur ein Sieg reicht, wenn die beiden Mannschaften, gegen die du den direkten Vergleich gewonnen hast (Mazedonien und Polen - die Red.), die anderen Spiele gewinnen.
Frage: Was ist denn jetzt anders als damals, als Sie selbst noch gespielt haben?
Schwarzer: Eine gute Vorrunde ist sicher nicht verkehrt, aber wichtig ist es, eine gute Hauptrunde und besonders eine gute Finalrunde zu spielen. Das hat uns damals immer ausgezeichnet. In der Vorrunde waren wir vielleicht nicht so gut, aber wenn es drauf ankam ... Das heißt natürlich nicht, dass unsere Jungs das jetzt nicht auch schaffen können. Aber wir haben es lieber anders herum gemacht, und dann die wichtigen Spiele gewonnen.
Kretzschmar: Außerdem muss man ja auch mal generell über die Qualität dieser Vorrunde sprechen. Sicher haben wir uns von Spiel zu Spiel gesteigert und gegen Mazedonien und Polen richtig gut gespielt. Aber Polen hat bei dieser WM bisher total enttäuscht und spielt völlig unter seinen Möglichkeiten. Die Überraschungsmannschaft ist Mazedonien, und das sagt eigentlich schon alles. Meiner Meinung nach waren das bisher noch nicht die großen Herausforderungen. Die kommen jetzt erst. Aber wenn man die letzten beiden Spiele der Deutschen sieht, war das natürlich schon nicht schlecht. Ich hab auch am Anfang gedacht, unsere Achillesferse wird die Abwehr, aber auch die steht bisher ganz gut da. Unser Angriff ist mit Pascal Hens, Holger Glandorf und Michael Kraus sowieso stark besetzt.
Schwarzer: Ja, da kann ich Stefan nur beipflichten. Die Mannschaften, die höher einzuschätzen sind, wie Dänemark, Norwegen und Serbien, kommen jetzt in der Hauptrunde.
Kretzschmar: Wobei der ganz große Kracher mit Frankreich oder Kroatien erst im Halbfinale kommt. Und das ist dann natürlich ein Hop-oder-Top-Spiel.
Frage: Christian Schöne ist ja aufgrund der Verletzung von Stefan Schröder vor dem Mazedonien-Spiel nachnominiert worden und hat überzeugt. Stefan hätte - wenn er in der Rolle von Bundestrainer Heiner Brand gewesen wäre - lieber Florian Kehrmann nachnominiert?
Kretzschmar: Ich hab mich nicht direkt für Kehrmann ausgesprochen, ich habe gesagt, ich denke, dass der Bundestrainer Kehrmann nominiert, aber ...
Schwarzer: ... sportlich gesehen wäre Flo die Alternative gewesen, keine Frage. Aber wer Heiner kennt, der weiß, dass er jetzt einfach den Umbruch wollte und deshalb war das die logische Konsequenz. Mir war klar, dass er Christian Schöne holt. Und bisher hat er damit alles richtig gemacht.
Frage: Herr Schwarzer, bei Ihnen war das ja bei der WM 2007 ähnlich. Ist man da besonders motiviert, wenn man nachnominiert wird?
Schwarzer: Du musst halt versuchen, die Rolle, die dir zugedacht ist, auszufüllen. Und das macht Schöne bisher hervorragend. Du kommst dazu, bist völlig unbedarft, gut vorbereitet und deshalb ist das eine leichte Situation. Schöne hat aber auch eine andere Rolle in der Mannschaft als ich damals. Ich bin als alter Hase reaktiviert worden, Schöne kommt als klassischer Nachrücker. Vom Ablauf her kann man das vergleichen, aber von der Position innerhalb der Mannschaft sieht das schon ein bisschen anders aus.
Frage: Gibt es denn nun nach dem Erreichen der Zwischenrunde irgendwelche Rituale, die praktiziert werden?
Kretzschmar: Noch nicht.
Schwarzer: Der Bundestrainer wird alle auf dem Boden halten, denn es ist noch nichts erreicht. Die Hauptrunde ist das Minimalziel gewesen, und jetzt geht das Turnier erst richtig los. Insofern steht jetzt erst mal Regeneration auf dem Programm. Das Ritual ist also massieren lassen und abschalten.
Kretzschmar: Das eigentliche Ritual kommt erst nach dem Halbfinale, soweit ich weiß.
Schwarzer: Genau so ist es. Dann gehen wir alle zu McDonald's. Vor dem Halbfinale herrscht nämlich Fast-Food-Verbot!
Kretzschmar: Das ist auch die einzige Belohnung bei so einem Turnier.
Schwarzer: Und die schönste. (lacht)
Frage: Wo wir gerade bei professioneller Einstellung sind: Sie haben jahrelang gemeinsam in der Nationalmannschaft gespielt. Sportler versuchen sich ja oft in den Trainingseinheiten gegenseitig zu übertreffen. Wer von Ihnen war denn damals zuerst in der Kabine?
Kretzschmar: Das war eigentlich meistens ich, weil der komische Schwarzer immer noch so lange stretchen und dehnen musste. Das hab ich in meinem Leben ja nie gemacht.
Schwarzer: Ach was, stretchen und dehnen. Wenn wir am Ende des Trainings Basketball gespielt haben, ist Kretzsche immer stinksauer abgehauen, weil er verloren hat! Deshalb ist er dann immer als erstes in der Kabine gewesen. Und dann konnte ich nicht mal auf dem Zimmer mit ihm normal reden. Der war so bockig, dass er stundenlang nicht gesprochen hat.
Kretzschmar: Ja, ich sag mal: Die Erfindung Fernseher hat mir sehr geholfen (schmunzelt). Wegen solcher Streitigkeiten wurde ich natürlich auch immer schon recht früh am Abend aus dem Zimmer getrieben und musste noch feiern gehen. Aber wirklich nur gezwungenermaßen!
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