Sommerferien: Wie man sich als Arbeitnehmer echte Erholung zurückholt - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Sara Weber

meinung •Erholung vom Job Sommer, Sonne, Sonnenschein – und bitte keine E-Mails

Sara Weber
Eine Kolumne von Sara Weber
Vor dem Urlaub im Stress, währenddessen Anrufe von der Chefin und danach einen vollen Schreibtisch: So ist die Auszeit mehr Stress als Erholung. Wie wir uns das Sommerferiengefühl von früher zurückholen.
Früher waren Ferien noch Ferien – und wirklich entspannend (Symbolfoto)
Früher waren Ferien noch Ferien – und wirklich entspannend (Symbolfoto)

Früher waren Ferien noch Ferien – und wirklich entspannend (Symbolfoto)

Foto: Sviatlana Barchan / iStockphoto / Getty Images
ÜberArbeiten

Junge Menschen haben keinen Bock mehr auf Arbeit? Stimmt nicht, sie wollen bloß bessere Bedingungen. In dieser Kolumne zeigt Sara Weber, was schiefläuft in der Arbeitswelt. Und sie präsentiert Lösungen, wie es besser werden kann.

Sara Weber, Jahrgang 1987, ist Journalistin und Autorin der Sachbücher »Das kann doch jemand anderes machen!« und »Die Welt geht unter, und ich muss trotzdem arbeiten?«.

Als Kind war meine Welt so einfach: Jeden Sommer sechs Wochen schulfrei, Eis und Freibad, abends müdegespielt ins Bett fallen. Vor den Ferien schob die Erdkundelehrerin den Filmwagen ins Klassenzimmer. Nach den Sommerferien redeten wir über Stundenpläne und das neue Klassenzimmer. Maximale Entspannung.

Es ist fast so, als würden wir gerade mal genug freinehmen, um danach wieder umso härter weiterarbeiten zu können.

Dann fing ich an zu arbeiten – und auf einmal war Urlaub oft das Gegenteil von Entspannung: Arbeiten bis zur letzten Minute. Sicherstellen, dass alle die Handynummer für Notfälle haben. Völlig kaputt in den Urlaub starten, gerne mit Stress-Erkältung. Zwischendrin Nachrichten aus der Arbeit bekommen. Zurückkommen zu ungelesenen Mails und einer riesigen To-do-Liste. Es ist fast so, als würden wir gerade mal genug freinehmen, um danach wieder umso härter weiterarbeiten zu können – und nicht, um wirklich zu entspannen und wieder Ideen in unseren Kopf kommen zu lassen.

Ständig erreichbar, nie entspannt

Es gab Momente in meinen Berufsleben, da habe ich gezögert, Urlaub zu nehmen, weil es sich stressiger angefühlt hat, als weiterzuarbeiten. Ich musste mich rechtfertigen, wenn ich mehr als zwei Wochen freinehmen wollte. Urlaub ja, aber bitte nicht zu viel! Dabei dauert es einer Umfrage zufolge  gut zwei Wochen, bis sich die Deutschen im Urlaub erholt fühlen. Hinzu kommt: Sieben von zehn Erwerbstätigen sind im Urlaub erreichbar, wie eine Umfrage der Bitkom  zeigt. Gut ein Viertel liest und beantwortet Mails und ist bereit, an Videokonferenzen teilzunehmen. Was für ein Irrsinn.

Klar, es gibt Notfälle, aber die sind in den meisten Jobs die absolute Ausnahme. Wer im Urlaub gearbeitet hat, sollte danach eigentlich ein Gespräch mit der Führungskraft im Kalender haben – und einen Plan, wie das beim nächsten Urlaub vermieden werden kann.

Übrigens ist niemand verpflichtet, im Urlaub zu arbeiten. Im Bundesurlaubsgesetz  (ja, das heißt wirklich so) steht ausdrücklich, dass Arbeitnehmer:innen während des Urlaubs »keine dem Urlaubszweck widersprechende Erwerbstätigkeit leisten« dürfen. Das darf man den Vorgesetzten und Kolleg:innen auch ruhig mal sagen.

Denn Urlaub ist wichtig, notwendig und gesund. Wer mindestens eine Woche pro Jahr verreist, fällt seltener krank aus, macht sich weniger Sorgen um die eigene Gesundheit und ist allgemein zufriedener mit dem eigenen Leben .

Man sollte meinen, dass Vorgesetzte und Unternehmen ein Interesse daran hätten, dass sich ihre Mitarbeitenden erholen. Urlaubsgeld kann finanziell helfen. Allerdings bekommen nur knapp die Hälfte der Beschäftigten der Privatwirtschaft in Deutschland diese Sonderzahlung, die traditionell im Sommer ausgeschüttet wird – überdurchschnittlich oft ist das in tarifgebundenen Unternehmen der Fall. Geringverdienende gehen oft leer aus.

Zudem gehen jedes Jahr etliche Urlaubstage für Termine, Arztbesuche oder Sorgearbeit drauf . Wenn sie überhaupt genommen werden. 2016 ergab eine Gewerkschaftsstudie, dass ein Drittel der Arbeitnehmenden Urlaubstage verfallen lassen – gerne diejenigen, die viele Überstunden machen und Urlaub besonders nötig hätten.

Was es für echtes Sommerferiengefühl braucht

Deshalb: Man sollte alle Urlaubstage auch nehmen – und Vorgesetzte sollten dazu ermutigen. Gleitzeit oder andere Ausgleichstage können helfen, dass die Urlaubstage für freie Zeit bleiben, statt für Lebensorga draufzugehen. Das war ja auch das Schöne an Sommerferien: dass man in der Regel nicht noch nebenbei lernen musste, sondern nur Sachen machen konnte, die Spaß machen.

Dass das heute nicht mehr gelingt, liegt auch an einer Fehlkalkulation: Viele Unternehmen rechnen Urlaubstage nicht mit, wenn es um Teamgröße und Arbeitsbelastung geht. Besteht ein Team aus drei Leuten, bedeutet das nicht, dass immer drei Leute zur Verfügung stehen. Jede Person hat im Schnitt 28 Tage Urlaubsanspruch  und 15 Fehltage wegen Krankheit . Das macht 43 Abwesenheitstage pro Jahr und Person. Das heißt: Nur rund die Hälfte des Jahres arbeiten alle drei Personen, die restliche Zeit ist das Team unterbesetzt.

Davon auszugehen, dass ein Team immer zu 100 Prozent ausgelastet sein kann, funktioniert also nicht – abgesehen davon, dass Menschen sowieso nicht immer voll belastbar sind. Stattdessen gilt es zu überlegen: Wie viel Arbeit kann dieses Team realistisch leisten? Gibt es (externe) Unterstützung während der Haupturlaubszeit? Was darf verschoben oder gestrichen werden, wenn es nicht anders geht?

Vor dem Urlaub sollte geklärt werden, wer welche Aufgaben übernimmt. Wie werden Übergaben geschrieben? Gibt es Vorlagen für Abwesenheitsnotizen? Bei der Umsetzung hilft Technologie: In die Mails kommt eine Abwesenheitsnotiz mit Rückkehrtermin und alternativer Kontaktadresse. Oder die Mails werden automatisch an eine gemeinsame Team-Mailadresse umgeleitet, damit sie vom restlichen Team bearbeitet werden können. Das löst das Problem des überquellenden Postfachs nach Rückkehr. Was ebenfalls hilft: keine Meetings am ersten Arbeitstag, außer eine Übergabe mit den Kolleg:innen. So kommt man entspannter an und verfällt weniger schnell wieder in Stress.

Die Arbeitswelt dreht sich auch ohne einen weiter, vor allem, wenn man gute Vertretung hat.

Ich habe mir in diesem Jahr den absoluten Luxus gegönnt: Fünf Wochen Auszeit am Stück, fast ohne Arbeit (diese Kolumne ausgenommen). Mit einer Abwesenheitsnotiz, in der stand: »Ich mache eine ausgedehnte Sommerpause und plane, bis Ende Juli meine Mails nicht oder nur extrem sporadisch zu lesen, geschweige denn zu beantworten.« Die Erkenntnis? Die Arbeitswelt dreht sich auch ohne einen weiter, vor allem, wenn man gute Vertretung hat. Und wenn man länger als zehn Tage im Urlaub ist, erledigen sich viele Sachen von selbst – oder müssen Zeit haben, bis man ausgeruht wieder zurück ist.

Die Sommerferien früher waren ein längerer Block Zeit, in dem Schule und Leistung kaum eine Rolle gespielt haben. Wo wir einfach nur sein durften. Für Urlaub heute bedeutet das: Mehr als zehn Urlaubstage am Stück nehmen, ob man wegfahren kann oder nicht. Nicht erreichbar sein. Zeit mit den wichtigen Menschen im Leben verbringen. Neues erleben. Den Kopf ausschalten. Das wünsche ich uns allen: Ferien und Tiefenentspannung, fast wie früher.