"Wollen wir doch mal sehen, was der Neue so drauf hat", sagt Alfred Freeman und bindet seine Kochschürze um: "Oder ob er mich vielleicht irgendwann einmal ersetzen kann." Freeman hat jahrelang in einem Hamburger Sternerestaurant gekocht, seit 1990 bereitet sein Team Tag für Tag mehr als 900 Essen in der Kantine des SPIEGEL zu. Er hat schon viele Berufsanfänger eingearbeitet, aber diesmal ist der Neue nicht ganz von dieser Welt. Freeman schiebt Essig, Öl und Pfannen beiseite und klappt den Computer auf.
"Chef Watson" nennt sich der neue Kollege. Er ist eine Kochsoftware aus dem Hause IBM, benannt nach dem früheren Firmenchef Thomas J. Watson. Vor 20 Jahren bezwang eine verwandte IBM-Technologie den Schachweltmeister Garri Kasparow, vor fünf Jahren siegte sie im US-amerikanischen Fernsehwissensquiz "Jeopardy". Nun also soll die kochkünstliche Intelligenz sich sogar am Herd zum Chef aufschwingen.
Bouillabäh!: KI als Küchenchef
"Vietnamesisches Apfel-Kebab mit Pilzen und Erdbeeren? Gewagt." Freeman klickt sich durch Chef Watsons Menü: "Kenianischer Rosenkohl mit Kardamom? Ambitioniert." Der SPIEGEL-Koch entschließt sich am Ende, das "Watson"-Rezept eines Klassikers auszuprobieren, den jeder kennt - einer Bouillabaisse. Und staunt nicht schlecht: "Chef Watson" listet nicht einfach die Standardzutaten für das französische Fischgericht auf, sondern setzt einen kulinarischen Paukenschlag: Meeresfrüchte mit Vanille und ... Chicken Wings. "Eigenwillig, aber das muss ja nicht schlecht sein", sagt Freeman etwas skeptisch. Er ist bereit, sich überraschen zu lassen. Vielleicht erkennt die Datenanalyse ja ein Geschmacksmuster, für das wir Sterblichen betriebsblind sind.
Können Rechenmaschinen kreativ sein? Kann ein Programm seinen Schöpfer überraschen? Diese philosophischen Fragen stellte die geniale Mathematikerin Gräfin Ada Lovelace im Morgengrauen der Computerära vor rund 170 Jahren.
Heute ist diese Frage entschieden mit einem Ja beantwortet - das findet zumindest Florian Pinel, einer der beteiligten IBM-Programmierer. "Cognitive Cooking" nennt er das Prinzip. Tausende Rezepte hat "Chef Watson" aus Datenbanken analysiert und setzt daraus nun neue Kombinationen zusammen. "Das System erkennt, welche Zutaten man durch andere ersetzen kann", sagt Pinel, der eine Kochausbildung genossen hat. "Bevor man sich versieht, hat man es mit einer Billion oder einer Billiarde Rezepte zu tun."
Künstliche Intelligenz, die zu künstlicher Dummheit gerinnt
"Hmm, Vanille an Garnelen riecht erstaunlich lecker", lobt Freeman, als er am Topf schnuppert. "Divergentes Denken" wird die Methode dahinter genannt: Überraschendes neu verknüpfen. "Aber das Rezept schlägt mir vor, Rotwein zu verwenden", wundert sich Freeman. "Das ist Unsinn, das ergibt eine traurig-braune Soße, ich nehme lieber Weißwein." Chef Watson ist gut im Neukombinieren - aber das allein ergibt nicht Kreativität, sondern Beliebigkeit.
"Warum um Himmels willen soll ich die feinen Sprossen als Erstes im Topf anschmoren?", schnaubt Freeman nun. "Die verkochen doch total, daher tut man die eigentlich ganz am Ende dazu." Der Neue nervt. "Chef Watson" mangelt es an Materialgefühl: etwa das Wissen darum, dass zartes Gemüse schnell zu Brei zerkocht. Seit Jahrzehnten debattieren Informatiker darüber, wie man künstlichen Intelligenzen eine Art Bauchgefühl für Alltagsfragen vermitteln kann. "Chef Watson" jedenfalls illustriert, dass künstliche Intelligenz ohne ein solches robustes Weltmodell allzu leicht gerinnt zu künstlicher Dummheit.
"Nein, nein, nein, ich kann das nicht mitansehen", schimpft Freeman schließlich. "Ich kann doch nicht die schönen Garnelen hier endlos lange totkochen, das bringe ich nicht übers Herz."
Am Ende löffelt Freeman tapfer die Suppe aus, die ihm die künstliche Dummheit eingebrocht hat. "Sieht traurig aus wie Waschwasser", sagt er. Er schnuppert, schlürft und verzieht das Gesicht: "Genau so schmeckt es auch."
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