Angreifer Comcast: Der Kabel-Technokrat träumt vom Glamour - DER SPIEGEL
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Angreifer Comcast Der Kabel-Technokrat träumt vom Glamour

Mit 22 Millionen Kabelnetz-Kunden ist Comcast eine der wichtigsten Größen im amerikanischen TV-Geschäft - aber zugleich eine der unbekanntesten. Eines fehlt dem Giganten: eigene Inhalte. Durch die Übernahme Disneys würde Comcast zum größten Medienkonzern der Welt.
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Philadelphia - Für einen Unternehmensboss, der 59.000 Mitarbeitern vorsteht, ist Brian Roberts bemerkenswert jung. Gerade 44 Jahre alt ist der Chef des Kabelkonzerns Comcast. Trotzdem kann er imposante Leistungen vorweisen. Unter seiner Ägide avancierte das Kabelunternehmen mit Hauptsitz Philadelphia vom drittgrößten Netzbetreiber der USA zum Branchenprimus. Im Geschäftsjahr 2003 setzte Comcast über 18 Milliarden Dollar um.

Comcasts Fernsehkabel reichen inzwischen in 21,6 Millionen Häuser überall in den USA. Der Konzern dominiert rund 25 Prozent des US-Kabelmarktes, in den Metropolen ist er noch stärker vertreten. Damit hat Roberts eine einzigartige Machtbasis erobert. Er bestimmt mit, was die Amerikaner im Fernsehen sehen und was nicht. Selbst bedeutende Sender können sich nicht erlauben, den Comcast-Boss zu vergrätzen. Als Roberts seine Offerte am Mittwoch erläuterte, ließ er Selbstvertrauen denn auch nicht vermissen. Comcast könne "den Glanz der Marke Disney" besser wiederherstellen als das jetzige Management um Michael Eisner. Disney sei ein "schwacher" Konzern, der vor allem im Trickfilmgeschäft seit Jahren versage.

Die Vorspultaste durchgedrückt

Vielen war klar, dass Roberts auf weitere Expansion seines Kabelimperiums setzen würde. "Ehrgeizig" nannte ihn die "Financial Times" und beschrieb ihn als Manager, der die "Fast-Forward-Taste drückt". Trotzdem hat Roberts die Aktienmärkte am Mittwoch erschüttert. Nicht einmal phantasiebegabte Analysten konnten sich vorstellen, dass er versuchen könnte, sich den viertgrößten US-Medienkonzern Walt Disney einzuverleiben - für insgesamt 66 Milliarden Dollar. In einer ersten Schockreaktion sackte die Comcast-Aktie um neun Prozent nach unten.

Das feindliche Milliardengebot kommt aus mindestens zwei Gründen überraschend. Zum einen konnte der Aktienkurs des Disney-Konzerns im vergangenen Jahr stärker zulegen als der vieler Konkurrenten - trotz aller Imageprobleme und Attacken auf CEO Michael Eisner. In den vergangenen zwölf Monaten gewann das Disney-Papier 46,12 Prozent hinzu.

Aus der fünften in die erste Liga

Zum anderen sitzt das Geld bei Comcast nicht eben locker. Im Gesamtjahr 2003 blieb trotz operativer Stärke immer noch ein kleiner Nettoverlust. Die Kabelverleger von der Ostküste sind außerdem mit über 22 Milliarden Dollar verschuldet. Gerade erst hatte Roberts versprochen, diesen Berg durch einen Beteiligungsverkauf um fünf bis sechs Milliarden Dollar zu verkleinern. 54 Milliarden Dollar des Kaufpreises für Disney will Comcast daher nicht in bar aufbringen, sondern über einen Aktientausch. Zugleich verspricht Roberts aber, fast zwölf Milliarden Dollar Schulden von Disney zu übernehmen.

Firmenchef Roberts hängt einem Traum nach, der bereits diskreditiert schien: Dem vom vertikal integrierten Kabel- und Medienkonzern, der nicht nur Inhalte zuliefert, sondern sie selbst produziert. Diese Parole "The content is king" trieb auch den Onlinedienst AOL im Jahr 2000 in die desaströse Fusion mit dem Magazin- und Kinokonglomerat Time Warner.

Zu Comcast gehören bisher nur Medienanbieter aus der vierten oder fünften Liga. Dazu gehören der "Golf Channel" und der Klatsch- und Tratschkanal "E!". Durch die Disney-Übernahme würde Comcast nach Umsatz an Branchenprimus Time Warner vorbeiziehen. Die "dramatische Entscheidung" zur Disney-Übernahme sei für Comcast der "logische nächste Schritt", sagte Roberts bei der Pressekonferenz. Roberts' Vize Stephen Burke kündigte an, Comcast wolle Disneys Inhalte nutzen, um neue Kabelkanäle zu starten. Zugleich wolle man die Umsätze durch Angebote von Bezahlvideos im Internet steigern. Comcast besitzt eine schnell wachsende Sparte für Breitbandzugänge mit fünf Milionen Kunden.

Preisgekrönter Merger-Meister

Dass Comcast milliardenschwere Fusionen meistern kann, hat Roberts schon vorexerziert. Im Sommer 2001 gab er ein Gebot für die weit größere Kabelsparte des Telekom-Konzerns AT&T ab. Der Wert dieser Transaktion: 72 Milliarden Dollar. Auch dieses Gebot war unerwünscht, stieß auf Skepsis. Roberts kämpfte und konnte den Deal ein Jahr später durchziehen. Analysten loben inzwischen, wie rasch und reibungslos Comcast den Neukauf integriert. Neben den gefloppten Megafusionen der späten neunziger Jahre wirkt die Übernahme von AT&T Broadband wie ein leuchtendes Beispiel. Ein Fachblatt wählte Roberts jüngst zu einem der besten CEOs der USA. In der derzeitigen Situation kommt ihm zu Gute, dass die Bush-Regierung weniger streng gegen Machtkonzentration in der Medienwelt vorgeht als ihre Vorgänger.

Erst vor ein paar Monaten wurden Roberts Übernahmegelüste unterstellt. Damals war Comcast als Käufer der Entertainment-Sparte des maroden Vivendi-Konzerns im Gespräch. Roberts prüfte, ob sich die Übernahme lohnen würde - und verzichtete. Disney ist ein weit attraktiveres Ziel. Zum kalifornischen Konzern gehört nicht nur ABC, eines der vier großen TV-Networks der USA, sondern auch der immens populäre Sportkanal ESPN. Der hat Comcast schon des Öfteren geärgert, weil er den Kabelbetreibern hohe Einspeisgebühren abverlangt.

Es begann in Mississippi

Neben den Mogulen der Hollywood-Welt wirkt der Comcast-Chef nüchtern, fast bieder. Mit einem Festgehalt von rund acht Millionen Dollar pro Jahr kann er in der US-Konzernwelt als bescheiden durchgehen. Das passt zur Firmenkultur: Comcast ist durch Beharrlichkeit groß geworden und durch kühlen Pragmatismus. "Das letzte, was diese Firma braucht, sind Visionen", sagte Roberts einmal.

Vor 40 Jahren nahm das Unternehmen in Tupelo seinen Anfang, einer Kleinstadt in Mississippi. Einer der drei Firmengründer damals hieß Ralph Roberts - er ist der Vater des heutigen Chefs. Noch heute hat Roberts Senior ein Büro im 35. Stock des Comcast-Büroturms. Von dort aus kann er verfolgen, wie sein Sohn im Nachbarbüro einen Deal plant, der Amerikas Fernseh- und Medienwelt neu ordnen könnte.