Comcast-Angebot für Disney: Überfall auf Onkel Dagobert - DER SPIEGEL
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Comcast-Angebot für Disney Überfall auf Onkel Dagobert

Seit Jahren versuchen die Disney-Großaktionäre den selbstherrlichen Konzernchef Eisner loszuwerden. Jetzt nutzt der Kabel-TV-Gigant Comcast den Zwist zwischen Disney-Erben und Management. Sein Ziel: Weltweit die Nummer eins im Mediengeschäft zu werden.
Von Carsten Matthäus
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Burbank - Der Angriff begann um 13.07 Uhr. Völlig überraschend erklärte der Chef des Kabel-TV-Betreibers Comcast, Brian Roberts, seinem Disney-Kollegen Michael Eisner den Krieg. Er bot an, das Entertainment-Imperium für 66 Milliarden Dollar zu übernehmen - und zwar feindlich. Den Grund dafür lieferte Roberts gleich mit: Eisner habe keinerlei Bereitschaft erkennen lassen, über einen Zusammenschluss zu diskutieren. "Uns bleibt unter diesen Bedingungen nur der Weg eines öffentlichen Angebots", schrieb Roberts in einem offenen Brief.

Für sein Vorhaben, Michael Eisner zu stürzen, kann sich Comcast der Hilfe von Tausenden frustrierten Disney-Anhängern sicher sein. "Mit unserer Unterschrift unterstützen wir Roy E. Disney in seinem Bemühen, Michael Eisner seines Amtes als Unternehmenschef der Walt-Disney-Company zu entheben", heißt es in einer Petition, die auf savedisney.com nachzulesen ist. Rund 18.500 Unterschriften haben die Initiatoren rund um Walt Disneys Neffen Roy nach eigenen Angaben bereits zusammen. Sie alle stellen sich hinter die schweren Vorwürfe des 73-jährigen Firmenerben und Multimillionärs, der im November im heftigen Streit mit Eisner den Verwaltungsrat des Medienkonzerns verließ.

Eisner habe nicht nur gegen ihn und andere Verwaltungsräte intrigiert, er habe den Konzern - einst Inbegriff familienfreundlicher Unterhaltung - zu einer "seelenlosen Maschine verkommen lassen, in dem es nur noch um die schnelle Kohle geht". Mit schlechtem Management habe der Disney-Chef die kreativen Köpfe aus dem Konzern vertrieben und sei nicht in der Lage gewesen, wichtige Partnerschaften wie die mit dem Animationsstudio Pixar aufzubauen oder zu halten.

Ganz so einfach, wie Disney und sein Verwaltungsratskollege Stanley Gold die Situation darstellen, ist sie allerdings nicht. Eisner wurde 1984 unter anderem von Roy Disney in den Konzern geholt, um ein marodes, von der Übernahme bedrohtes Unternehmen   zu retten.

Gerade mal 1,7 Milliarden Dollar war Disney damals an der Börse wert. Dank Eisners Expansionstrategie - hinzu kamen unter anderem der Fernsehsender ABC und der Sportkanal ESPN - wurde der Konzern 1998 mit rund 100 Milliarden Dollar bewertet. Die einst so verschlafene Walt-Disney-Company spielte nun in einer Liga mit den großen Medienkonzernen wie Time Warner.

Nerviges "Micro Management"

Was Eisner dem Konzern jedoch gründlich austrieb, war die Kreativität, mit der sich die "Disney-Familie" (Roy Disney) immer gebrüstet hatte. Einen wichtigen Grund dafür sehen auch unabhängige Beobachter in der Manie Eisners, jede Bewegung im Konzern über sein berüchtigtes "Micro Management" zu kontrollieren - der Chef höchstselbst bestimmte beispielsweise die Einrichtung eines neuen Disney Hotels. Viele junge und kreative Mitarbeiter haben den Konzern deshalb entnervt verlassen. Eisner half auch hier noch nach: Im Januar schloss er die Trickfilmstudios in Orlando und setzte 260 Mitarbeiter auf die Straße.

Bis Mitte der neunziger Jahre hatten die Disney-Studios mit Trickfimen Welterfolge am laufenden Band produziert. Aus "König der Löwen" wurde gar ein eigenes Unternehmen innerhalb des Konzerns. Noch immer verdient Disney mit Merchandise-Produkten, Lizenzen und der Musical-Fassung Millionensummen.

In den letzten Jahren fehlen allerdings solche Aha-Erlebnisse - vor allem in der Kerndisziplin Trickfilme, die den Konzern weltweit berühmt gemacht hat. Die letzten Disney-Animationshits stammen samt und sonders aus den Rechnern der Firma Pixar, die für Disney unter anderem "Monster AG", "Das große Krabbeln" und "Findet Nemo" produzierten. Und Pixar hat sich Ende Januar nicht nur aus der Kooperation verabschiedet, die Computerfilmer haben noch einmal nachgetreten.

"König der Löwen 1 ½"

Pixar-Chef Steve Jobs, sprach Disneys Trickfilmcrew kürzlich auf einer Telefonkonferenz offen seine Verachtung aus. Die Eigenproduktionen des einstigen Partners seien Pixars Filmen durchweg qualitativ unterlegen gewesen, sagte der Manager. Jobs machte sich zudem über Disneys Hang zu Fortsetzungen lustig. "Disneys Fortsetzungen machen uns krank ... schauen sie sich die Qualität von Fortsetzungen wie 'König der Löwen 1 ½' an, das ist ziemlich peinlich."

Trickfilm-Flops zu produzieren ist für Walt Disney in jüngster Zeit beinahe schon zur Routine geworden. Alle wichtigen Projekte, die der drittgrößte Unterhaltungskonzern der Welt im vergangenen Jahr realisiert hat, sind mehr oder minder in die Hose gegangen.

Besonders schmerzhaft fiel der Animationsstreifen "Der Schatzplanet" durch. Geschätzte 140 Millionen Dollar hat der an Robert Louis Stevensons "Schatzinsel" angelehnte Film gekostet. Eingespielt hat er nur 60 Millionen Dollar. Der Streifen ist der erste Disney-Zeichentrickfilm seit 40 Jahren, der mehr kostete, als er einbrachte. Das Fiasko hat übrigens vor allem Roy Disney zu verantworten, unter dessen Ägide der Film entstand.

Unternehmen ohne Performance

Doch auch die anderen Geschäftsbereiche des Konzerns entwickeln sich keineswegs erfreulich. Bei den Themenparks wie "Disneyland" und "Disneyworld" kämpft das Management mit sinkenden Ergebnissen - im vergangenen Geschäftsjahr betrug das Minus 26 Prozent.

Als größtes Problem gilt Analysten jedoch das Kabel-Network ABC. Früher war die TV-Station der Goldesel des Konzerns und erwirtschaftete fast ein Drittel des operativen Gewinns. Inzwischen sind Quoten, Werbeinnahmen und Gewinn drastisch eingebrochen. Die letzte ABC-Sendung, die Aufsehen erregte, war "Wer wird Millionär?". Die Quizshow ist inzwischen aber passé, nachlegen konnte ABC nicht: Eine wirklich erfolgreiche Sitcom hat Disneys TV-Sparte seit Anfang der Neunziger nicht mehr vorweisen können. Auch beim Sportkanal ESPN sieht es düster aus, weil die Kosten für Sportprogramme gestiegen sind - bei gleichzeitig stagnierenden Werbeeinnahmen.

Angesichts der vielen schlechten Nachrichten aus dem einstigen Wunderland Disney hat sich der Börsenwert von Disney auf knapp 50 Milliarden Dollar etwa halbiert. "Das ist ein großartiges Unternehmen mit großartigen Vermögenswerten, und es zeigt einfach keine Performance", so das vernichtende Fazit von Fondsmanager James Wineland von Wadell & Reed. Selbst die aktuelle Bewertung ist nach Ansicht von Analysten größtenteils auf die Spekulation zurückzuführen, ein anderes Unternehmen könnte sich Disney unter den Nagel reißen. Im vergangenen Jahr stieg der Aktienkurs um mehr als 46 Prozent an.

Eisner selbst ließ sich bis zuletzt nicht von seinem spröden Management-Kurs abbringen. Wie wenig er von dem ganzen Trubel um seine Person hält, hat er schon vor fünf Jahren in einem eigenen Buch geschrieben: "Alles, was bei Disney passiert, scheint die ganze Welt zu beschäftigen. Alles wird in einer Art aufgeblasen, wovon bei anderen Firmen kaum jemand Notiz nehmen würde. Zehn Jahre lang war ich ein Medienstar und wurde mehr gelobt, als ich verdient habe. Und jetzt bin ich plötzlich der Ober-Bösewicht. Aber keines von beiden stimmt."

Bei der Kommentierung der schlechten Konzernergebnisse des letzten Quartals versuchte Eisner auch gar nicht erst, neue Visionen zu verbreiten. Das höchste der Gefühle war seine Hoffnung darauf, dass die Themenparks nun einige neue Attraktionen hätten und deshalb mehr Besucher anziehen würden. Eisner nutzt zur Rettung der eigenen Haut lieber die bewährte Methode. Um Zweifel an seinem Management-Stil zu zerstreuen, ließ er nach Angaben der "New York Times" heute die wichtigsten institutionellen Anleger und Analysten nach Disneyworld einfliegen und mit einem Luxus-Programm verwöhnen - inklusive Helikopterrundflug und Privatdinner mit dem Disney-Management. Seit heute Mittag gibt es sicher einigen Gesprächsstoff.

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