Boomjahr 2006 Ein klassisches Zwischenhoch
Hamburg - "2007 wird sich das Wachstum abschwächen", sagte der Chefökonom der Commerzbank, Ralph Solveen, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Während Solveen für 2006 noch mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 1,5 Prozent rechnet, erwartet er für das Folgejahr nur noch ein Konjunktur-Plus von einem Prozent.
Ähnlich skeptisch äußerte sich Andreas Rees, Volkswirt bei der HypoVereinsbank (HVB): "Der aktuelle Aufwärtstrend ist stabiler als in vergangenen Aufschwungphasen. Man muss aber auf dem Teppich bleiben." Rees zufolge wird das Wachstum 2007 sogar nur bei 0,75 Prozent liegen.
Die zurückhaltenden Prognosen stehen im Kontrast zu den Vorhersagen für das laufende Jahr. Wirtschaftsforschungsinstitute hoben in jüngster Zeit gleich reihenweise ihre Prognosen an. Im Schnitt rechnen die Experten mit einem Wachstum von 1,5 Prozent. Das Münchener ifo Institut prognostiziert gar ein Plus von bis zu zwei Prozent. Auch die Regierung zeigte sich mit ihrer Vorhersage von 1,5 bis 1,8 Prozent optimistisch wie seit Jahren nicht mehr.
Erst am Dienstag war der Indikator des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) überraschend stark gestiegen. "Für das Jahr 2006 hellen sich die Perspektiven deutlich auf", hatte ZEW-Präsident Wolfgang Franz erklärt. "Dies ist ein klares Zeichen für eine Erholung auf einer breiten Basis", hatte auch Holger Schmieding, Ökonom der Bank of America (BoA), nach Veröffentlichung der Zahlen gesagt.
Anders als seine Kollegen rechnet Schmieding auch 2007 mit einem etwas höheren Wachstum. Er erwartet im kommenden Jahr ein Plus von rund 1,3 Prozent und verweist auf Reformerfolge am Arbeitsmarkt und niedrige Löhne: "Von den internen Bedingungen her sieht es gut aus für Deutschland."
Schwacher Binnenmarkt destabilisiert Aufschwung
Andere Beobachter bleiben skeptisch. Dass die deutsche Wirtschaft den Aufschwung nicht stabilisieren kann, liegt aus ihrer Sicht unter anderem an der weiterhin schwachen Binnennachfrage. "Der Funke wird nicht wirklich auf den privaten Konsum überspringen", sagt HVB-Volkswirt Rees. Die deutsche Wirtschaft bleibt demnach zweigeteilt. Während Unternehmen verstärkt investieren, halten sich Privatleute weiter zurück. Die unsichere Lage am Arbeitsmarkt und weiterhin hohe Energiepreise dämpfen die Kauflust. Wie verunsichert die Bundesbürger sind, zeigt eine aktuelle Umfrage des Magazins "Stern". Demnach glauben nur 54 Prozent der Befragten daran, dass der Konjunkturschub 2006 tatsächlich eintritt.
Damit würde sich die Tendenz aus dem vergangenen Jahr fortsetzen. Nach Angabe des Statistischen Bundesamtes stieg das BIP 2005 um 0,9 Prozent. Wachstumsmotor war erneut der Außenhandel, der allein 0,7 Prozentpunkte zum Wachstum beitrug. Die Binnenwirtschaft blieb dagegen schwach.
Zudem verbucht der Binnenmarkt 2006 laut Rees ein "geborgtes Wachstum". Weil 2007 eine höhere Mehrwertsteuer droht, dürften die Verbraucher Anschaffungen vorziehen. "Dieser Verbrauch wird uns im kommenden Jahr fehlen."
Dass das angekündigte Konjunkturprogramm der Bundesregierung die Binnennachfrage ankurbelt, glauben die Beobachter nicht. "Das Volumen ist zu gering. Das Programm kann höchsten kurzfristige Impulse liefern", sagt Commerzbank-Ökonom Solveen. Für ihn steht dann auch fest: "Deutschland bleibt trotz des Wachstums weiter vom Ausland abhängig." Wie schon in den vergangenen Jahren hält demnach der Export die Wirtschaft über Wasser.
Furcht vor der Immobilienblase
Gerade die Abhängigkeit von den Ausfuhren könnte sich jedoch 2007 fatal auswirken. "Es gibt Anzeichen für eine Abschwächung der Weltkonjunktur. Dem wird sich die deutsche Wirtschaft nicht entziehen können", warnt HVB-Experte Rees. Vor allem eine zurückhaltende Entwicklung der US-Wirtschaft bereitet den Beobachtern Sorgen.
So rechnet Rees mit einem Einbruch bei den Immobilienpreisen in den Vereinigten Staaten. Die Folgen wären gravierend, weil viele Amerikaner ihren Konsum über Hypothekenkredite finanzieren. Ähnliche Befürchtungen gibt es bei der Großbank HSBC. Die "Financial Times Deutschland" zitierte jüngst aus einer Studie des Instituts, wonach stagnierende Hauspreise die amerikanische Wirtschaft um bis zu drei Prozentpunkte bremsen könnten.
Laut Rees ist nicht nur die USA von stagnierenden Preisen am Hausmarkt betroffen. Ähnliche Tendenzen hat er auch in Frankreich ausgemacht. Damit wären die beiden wichtigsten deutschen Exportpartner von einem Preissturz bei Immobilien betroffen.
BoA-Volkswirt Schmieding relativiert solche Befürchtungen. Eine Korrektur der Immobilienpreise sei zwar möglich. "Diese wird aber dadurch ausgeglichen, dass ein Ölpreisschock, wie wir ihn im vergangenen Jahr erlebt haben, weitgehend unwahrscheinlich ist."
Doch auch Commerzbank-Ökonom Solveen sorgt sich um die US-Wirtschaft. Er verweist auf die US-Notenbank Fed. Die hatte in den vergangenen Monaten gleich mehrfach die Zinsen erhöht. "Eine straffere Geldpolitik schwächt die konjunkturelle Dynamik", so Solveen. Für Solveen und HVB-Ökonom Rees ist daher klar, dass das laufende Jahr nicht der Beginn eines langfristigen Aufschwungs ist. "2006 wird ein klassisches Zwischenhoch", urteilt Rees.