Corona-Maßnahmen Was bedeutet ein November-Shutdown für ... die Wirtschaft?
Hochgeklappte Tische vor einer Gastwirtschaft
Foto:Uwe Anspach/ dpa
Die deutsche Wirtschaft muss wieder zittern. Besonders Kleinunternehmer mit regem Kontakt zu Kunden - Händler, Restaurantbesitzer, Betreiber von Fitnessstudios - warten mit großer Sorge auf die Ergebnisse des Corona-Gipfels. Denn sie werden die Ersten sein, die von den Maßnahmen, die Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten beschließen, betroffen sind.
Merkel schlägt den Ländern zur Eindämmung der Corona-Pandemie drastische Einschränkungen für den gesamten kommenden Monat vor. Ab 4. November sollen Gastronomie sowie alle Freizeit- und Sporteinrichtungen schließen. Außerdem sind massive Kontaktbeschränkungen geplant.
Die zweite Runde im Kampf gegen das Virus könnte schwerwiegendere Folgen für die Wirtschaft haben als die erste. Denn der Aufholprozess in den Sommermonaten hat bei Weitem nicht ausgereicht, um die finanziellen Schäden des Frühlings auszugleichen.
Viele Kleinunternehmer haben ihre Reserven praktisch aufgebraucht, andere stecken bereits so tief in den roten Zahlen, dass eine Insolvenz eigentlich unausweichlich wäre. Eine Pleitewelle hat die Regierung mit der Lockerung des Insolvenzrechts bisher vermeiden können. Doch es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis der Damm bricht. Berichten zufolge will Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) genau das vermeiden - und den betroffenen Unternehmen während eines Shutdowns bis zu 75 Prozent ihrer Umsatzverluste ausgleichen.
Wie ernst die Lage ist, hat der Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes, Guido Zöllick, schon am Dienstag klargemacht: "Einem Drittel der 245.000 Betriebe droht bei einer erneuten Schließung das Aus", sagte er.
Kein An- und Ausschalter
Auch der Chefökonom Jörg Krämer sieht die Situation kritisch. "Die Wirtschaft ist keine Maschine, die man nach Belieben ein- und ausschalten kann", sagt er.
Zwar wären die unmittelbaren Auswirkungen eines neuen Shutdowns überschaubar: "Wir haben ausgerechnet, was es bedeuten würde, wenn der Plan der Bundesregierung für November eins zu eins umgesetzt würde. Das Bruttoinlandsprodukt würde dann nach unseren Kalkulationen im vierten Quartal insgesamt um ein Prozent schrumpfen", sagt er. "Da wir bisher von einem Wachstum von einem Prozent für diese Zeit ausgingen, wären wir also bei einer schwarzen Null."
Diese vergleichsweise harmlose Prognose für die Gesamtwirtschaft hat aber einen zynischen Grund: Größere Industriebetriebe, Dienstleister und Finanzunternehmen wären vergleichsweise wenig berührt. "Die Pläne würden vor allem Unternehmen treffen, die nach dem ersten Lockdown ohnehin noch stark geschwächt sind und deshalb schon jetzt nicht mehr viel zum Wirtschaftswachstum beitragen", sagt Krämer.
Doch viel gravierender dürften die psychologischen Folgen einer erneuten Geschäftsschließung sein, sagt Krämer. "Wenn Unternehmer erleben, dass sie zum zweiten Mal einfach zugemacht werden, erschüttert das das Vertrauen in die Wirtschaftsordnung enorm - und das wird bleibenden Eindruck hinterlassen und damit auch langfristige ökonomische Folgen haben. Wer macht zum Beispiel noch ein Restaurant auf, wenn er fürchten muss, bei der nächsten Pandemie erneut dichtgemacht zu werden."
Natürlich müsse man auf die steigenden Infektionszahlen reagieren, fügt Krämer hinzu: "Sonst haben wir in absehbarer Zeit überfüllte Intensivstationen, und immer mehr Menschen sterben quälend." Aber die aktuellen Pläne der Bundesregierung sind ihm für die betroffenen Branchen zu pauschal. "Das ähnelt sehr dem ersten Lockdown. Ich würde mir eine differenziertere Herangehensweise wünschen."
Die letzte Hoffnung vieler Ökonomen liegt darauf, dass der erneute Shutdown nicht mehr so lange dauern wird wie der erste. Das für viele Händler so wichtige Weihnachtsgeschäft könnte sich dann vom November in den Dezember und teils auf den Onlinehandel verlagern, sagt etwa Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank. "Auch die Exportnachfrage aus China und den USA läuft derzeit gut", erklärt der Experte. "Das gleicht einen Teil der möglichen Verluste in Europa aus."