Der Markt-Forscher "Die wollen Ihre Eier"
Frankfurt am Main - Moritz Hunzinger hat langsam keine Lust mehr auf Schlagzeilen über Hunzinger. Wenn sich das nicht bald ändere, sagte er der "Welt", werde er selbst aufhören: "23 Jahre lang hatte ich gerne diese eine Aufgabe - bis vor 14 Tagen. Jetzt muss es mir wieder langsam Spaß machen. Und wenn mir das hier keinen Spaß mehr macht, dann macht es mir halt keinen Spaß mehr. So einfach ist das." Dass ihm so manche Bemerkungen überhaupt nicht gefallen, sagte er dem "Tagesspiegel": "Es ist mehr Fahrradkette als wohltemperierte, kontroverse Diskussion". Einer Interviewpartnerin von n-tv schlug er gar verbal ins Gesicht: "Diese Frage ist mir einfach zu blöd."
Um etwas dagegenzuhalten gegen die immer neuen Skandalmeldungen der Presse, publiziert Hunzinger auf seiner Website "hunzinger.de" Durchhalteparolen, die ihm Freunde, Weggefährten und sonstige Wohlgesonnene geschickt haben.
So schrieb ihm der designierte Chefredakteur von DMEuro, Roland Tichy, nachdem er aus dem Urlaub zurückkam: "Halten Sie die Ohren steif. Die wollen Ihre Eier. Aber das wissen Sie ja." Peter Kochanski, Börsenkorrespondent des Hessischen Rundfunks, empört sich über den eigenen Berufsstand: "Als Wirtschafts- und Finanzjournalist mit über 25-jähriger Berufserfahrung schäme ich mich für einige meiner Kolleginnen und Kollegen, wie sie über Sie, sehr geehrter Herr Hunzinger, in jüngster Zeit berichten." Schulterklopfen bekam er auch von anderen Beratern, Journalisten und Militärs außer Dienst, die ihm rieten, sich nicht von "drittklassigen Journalisten anmachen" zu lassen. Manchen von ihnen, wie bespielsweise dem Personalberater Andreas Werb, war es allerdings nicht recht, dass ihre Ermunterungs-Mails gleich auf die Homepage gehoben wurden.
Die Solidaritätsadressen mögen gut fürs Gefühl sein, kaufen kann sich Hunzinger davon nichts. Mit dem "Paten gieriger Politiker" ("Bild") wollen Politiker und Unternehmen zumindest offiziell nichts mehr zu tun haben. Zum großen Zapfenstreich für seinen Freund Rudolf Scharping durfte der Träger des Bundesverdienstkreuzes nicht kommen. BDI-Chef Michael Rogowski würde nun "am liebsten ganz ohne die Hunzingers leben". Und seine Konkurrenten in der PR-Branche bezeichnen den gefallenen Kollegen als unprofessionell oder sprechen ihm ganz die Qualifikation für ihren so ehrbaren Beruf ab. "Hunzinger ruiniert den Ruf all derer, die ehrenhaft arbeiten", sagte beispielsweise Detlev Samland von der Agentur ECC Kothes Klewes gegenüber "Werben und Verkaufen".
Nimmt man die ganze Kampfesrhetorik von Hunzinger, seinen Freunden und seinen neuen Widersachern einmal weg, bleibt wenig übrig: Ein Lobbyist, der sich auch als PR-Berater darstellte, hat es nicht geschafft, peinliche Informationen über seine Kunden und Kontaktpersonen unter der Decke zu halten. Verständlich, dass Journalisten diese Steilvorlage irgendwann nutzen. Verständlich auch, dass Kunden angesichts solch peinlicher Lecks das Vertrauen in diese Spielart von Beziehungsmanagement verlieren. Oder sie verabschieden sich - wie im Fall von Microsoft - weil der Dienstleister Hunzinger nicht die erwünschte Erfolge geliefert hat.
Moritz Hunzinger konnte bis vor kurzem politischen Lobbyismus und PR-Beratung für Politiker miteinander verbinden, ohne damit negativ aufzufallen. Auch wenn dabei - wie er selbst sagt - immer alles mit rechten Dingen zugegangen ist, wird er nun etwas an seinem bisherigen Geschäftsmodell ändern müssen. Die gezielte Vermengung privater und öffentlicher Interessen gegen Bezahlung wird in Zukunft schwieriger. Erfreulicherweise wird in diesem Zug auch mit dem Irrglauben aufgeräumt, Lobbyismus habe irgendetwas mit Öffentlichkeitsarbeit zu tun.
Wenn Unternehmensvertreter oder sonstige Beziehungsmanager bei Politikern anklopfen, um Subventionen zu erflehen oder ungeliebte Vorhaben zu torpedieren, dann ist das das pure Gegenteil von Öffentlichkeitsarbeit oder zu Neudeutsch Public Relations (PR). Im Lobbyismus ist Transparenz Gift für das Geschäft, und es ist Sache des Politikers, inwieweit er sich auf dieses gefährliche Spiel mit persönlichen Vorteilen einlässt. Nimmt er Geld oder Gratisleistungen und lässt sich dafür Dinge aufschwatzen, die dem öffentlichen Interesse zuwiderlaufen, muss er irgendwann seinen Hut nehmen. Als ständig lauernde Gefahr sind Journalisten solchen Mauscheleien auf der Spur. Zu Recht.
Geht es aber darum, Themen oder Menschen in der Öffentlichkeit zu platzieren, dann ist das eine ganz andere Arbeit. Hier wird mit spektakulären Aktionen und über Multiplikatoren versucht, Aufmerksamkeit zu erregen oder die öffentliche Meinung in einer bestimmten Richtung zu beeinflussen. Dazu gehört es auch, Menschen zu beraten, die vor Fernsehkameras auftreten und ihnen gegebenenfalls ein neues Image zu verschaffen. Dazu kann es nicht gehören, Verteidigungsminister mit Vertretern von Rüstungsfirmen zusammenzubringen.
Deshalb - und das hat Moritz Hunzinger bereits selbst erkannt - müsste das Geschäftsmodell geändert werden. In seinem Interview mit der "Welt" kündigte der PR-Unternehmer an, die politische Kommunikation möglicherweise von der normalen Öffentlichkeitsarbeit abzutrennen. Keine schlechte Idee. Gegenüber SPIEGEL ONLINE schränkte er dies jedoch gleich wieder ein: "Auf mich kommt es da nicht an".