Dotcom-Börsengang: Googles selbst verschuldete Zitterpartie - DER SPIEGEL
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Dotcom-Börsengang Googles selbst verschuldete Zitterpartie

Lange Zeit galt der Börsengang von Google als todsicheres Ding. Doch mit einer Mischung aus Arroganz und Nachlässigkeit haben es die Unternehmensgründer Larry Page und Sergej Brin geschafft, den heißesten Dotcom-Börsengang seit zehn Jahren in eine Zitterpartie zu verwandeln.
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New York - Alle Interessenten, die sich bereits auf der Seite von Google registriert haben, können ab Freitag, 9 Uhr New Yorker Ortszeit, für die Zuteilung von Aktien im Rahmen eines Online-Auktionsverfahrens bieten. Mittels dieser so genannten dutch auction wird dann der Ausgabepreis für die Papiere ermittelt.

Gespannt wird vor allem von den Investmentbankern an der Wall Street beobachtet, ob Google im Rahmen der Auktion seine Preisvorstellungen wird durchsetzen können. Laut Emissionsprospekt rechnet das Unternehmen für seine Anteilsscheine mit einem Preis von 108 bis 135 Dollar. Falls dieser nicht zu erzielen ist, könnte der Suchmaschinenanbieter nach eigenen Angaben allerdings auch einen niedrigeren Preis akzeptieren

Noch vor wenigen Wochen wäre die Vorstellung, Google könnte bei seiner Erstemission (IPO) Probleme bekommen, völlig abwegig erschienen. Der größte Technologiebörsengang seit 1995 galt als todsichere Sache - doch durch eine Reihe von Patzern und Fehlentscheidungen hat es Google geschafft, sein IPO in eine Zitterpartie zu verwandeln.

  • Von Anfang an hatte Google darauf geachtet, den Investmentbanken möglichst wenig Kontrolle über das IPO-Procedere einzuräumen, um so eine Bevorzugung institutioneller Investoren zu verhindern. Selbst den federführenden Instituten Morgan Stanley und Credit Suisse First Boston stellte Google dem Vernehmen nach nur spärliche Informationen über Finanzen und mögliche Geschäftsrisiken zur Verfügung. Dadurch wurde die Emission für die Banker zum Blindflug
  • Auch gegenüber seinen potenziellen Investoren erwies sich das traditionell verschwiegene Unternehmen als äußerst zugeknöpft. Berichten des "Wall Street Journal" zufolge erhielten Teilnehmer an Googles Unternehmenspräsentationen für IPO-Interessierte (Roadshow) weniger Informationen als bei solchen Veranstaltungen üblich. In der Folge erwägen viele institutionelle Anleger Medienberichten zufolge, zunächst nicht bei der Google-Auktion mitzubieten.
  • Auch jenen Anlegern, die sich für die dutch auction registrieren wollten, machte die Google die Sache nicht gerade einfach. Der Anmeldevorgang für das von der Investmentbank WR Hambrecht + Co entwickelte Verfahren ist langwierig und kompliziert. Zudem gab es Zeitungsberichten zufolge Probleme mit der Technik, die Google zwangen, die Zeichnungsfrist zu verlängern.
  • Einige Tage nach dem Anlaufen der Registrierung wurde bekannt, dass Google in den vergangenen Jahren knapp 30 Millionen Aktienoptionen ausgegeben hat, ohne dies der US-Börsenaufsicht SEC mitzuteilen. Im Prospekt zum Börsengang stand darüber vor Beginn des IPO-Verfahrens kein Wort. Google selbst geht davon aus, dass es in diesem Zusammenhang in zahlreichen Fällen gegen geltendes Recht verstoßen hat - dem Unternehmen drohen Klagen zahlreicher Staaten sowie der Bundesbehörden.
  • Auch ein in der neuesten Ausgabe des amerikanischen "Playboy" veröffentlichtes Interview mit den Google-Gründern Larry Page und Sergej Brin könnte sich als Problem erweisen. Nach US-Recht dürfen Vorstände eines Börsenkandidaten während einer Schweigeperiode keinerlei Aussagen zu ihrem IPO machen. Die meisten Manager verzichten in der Vorphase deshalb vollständig auf Interviews. Das "Playboy"-Gespräch wurde zwar bereits vor Beginn der quiet period am 22. April 2004 aufgezeichnet, ist aber erst jetzt erschienen. Laut "Wall Street Journal" hat die SEC bereits Ermittlungen eingeleitet.
  • Zu guter Letzt herrscht an der Wall Street Kopfschütteln über die Wahl des Emissionstermins. Börsengänge im August gelten traditionell als heikel, weil viele Fondsmanager und andere Profianleger in den Sommerferien sind. Die Nachfrage nach Aktien ist folglich geringer als etwa im Frühjahr.

Ob Google trotz der zahlreichen negativen Schlagzeilen ein erfolgreiches Parkettdebüt hinlegen kann, wird sich am Freitagabend zeigen. Vielleicht denken Brin und Page dieser Tage des Öfteren an ihren Kollegen Marc Benioff, den Gründer des Softwareunternehmens Salesforce.com. Der zweite große Dotcom-Börsenkandidat des Jahres war im Juni verschoben worden, weil Benioff sich in der "New York Times" während der Schweigefrist verplappert hatte. Geschadet hat es dem Unternehmen letztlich nicht: Am ersten Handelstag legte die Salesforce-Aktie um 56 Prozent zu.

Von Thomas Hillenbrand