easyJet: Rekord ist nicht Rekord genug - DER SPIEGEL
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easyJet Rekord ist nicht Rekord genug

Die Discount-Airline easyJet prunkt mit einem Jahresergebnis, das bei Umsatz, Gewinnen und Passagierzahl nur so vor Rekordwerten strotzt. Trotzdem fiel die Aktie so stark wie seit dem 11. September 2001 nicht mehr - nicht ohne Grund.
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Luton - Mit einem Lachen wich Ray Webster der Frage aus. Warum denn die Unternehmens-Aktie am Morgen so deutlich verloren habe, wollte eine Journalistin in einer Telefon-Konferenz wissen. Das, sagte der easyJet  -Chef betont jovial, könne er wirklich nicht erklären. "Ich bin ein Experte für Fluglinien - keiner für die Launen der Märkte".

Wahrscheinlich hätte Webster doch eine Erklärung parat gehabt. Doch sein Job war am Dienstag ein anderer: Sein Unternehmen, nach Flugzeugzahl die größte Billig-Airline Europas, hatte ihr Jahresergebnis vorgelegt - und gleich in der Betreffzeile der Pressemitteilung stand das Wort "Rekord". Da galt es, die unerwartet hohen Zahlen zu verkünden.

Prügel für den Gipfelstürmer

Und tatsächlich: EasyJet ist es gelungen, die Erwartungen der Analysten zu toppen. Sie hatten mit einen Vorsteuergewinn von bis zu 104 Millionen Euro gerechnet, herausgesprungen sind fast 113 Millionen. Aufs Gesamtjahr gerechnet sind zugleich die Gewinnmargen gestiegen, die Kosten pro Sitz sanken um 1,3 Prozent. Wohin man blickt, überall Höchstleistungen: 55 Prozent mehr Umsatz, 60 Prozent mehr Passagiere, erstmals waren es über zehn Millionen im Jahr. Freilich: Ein Teil des Schubes resultiert aus der Übernahme des Rivalen Go, die Ende Juli vollzogen wurde.

Und während Webster sprach, trudelte die Aktie im Londoner Handel noch tiefer. Gegen 14 Uhr notierte sie sogar 12,56 Prozent im Minus - der steilste Tagesabsturz seit dem Terroranschlag auf das World Trade Center. Im FTSE-250-Index stand der Billigflieger damit an der Spitze der Verlierer. Ihre Kursgewinne der drei Vortage hat die Aktie wieder abgegeben.

Stagnation im Boom-Segment

Mit Rekorden allein geben sich Händler und Analysten offenbar nicht mehr zufrieden - zumindest, wenn es sie von einer Discount-Airline stammen. Denn in der Branche wächst die Sorge, dass nach dem Rekordjahr 2002 härtere Zeiten folgen. Inzwischen haben etablierte Carrier wie Lufthansa   und British Airways zum Gegenschlag ausgeholt, Preise gesenkt, eigene Billigtöchter an den Start gebracht.

Webster ist es offenkundig nicht gelungen, die Sorgen zu zerstreuen. Im Gegenteil: Er selbst räumte ein, dass sich das bisherige Tempo nicht halten lässt. Im Gesamtjahr 2003, in dem acht neue Flugzeuge zur Flotte dazukommen sollen, dürfte die Passagierzahl um 25 Prozent steigen, rechnete er vor - 35 Prozentpunkte weniger als im vergangenen Geschäftsjahr. Wie sich dies auf Umsätze und Gewinne niederschlagen werde, wollte Webster nicht vorhersagen.

"So was sollte nicht passieren"

Hinzu kommt: In den vergangen sechs Monaten stagnierten die Nettogewinne. Laut easyJet-Sprecher Derek Livingston lagen sie in den sechs Monaten bis Ende September auf Vorjahresniveau. Im selben Zeitraum fiel auch der durchschnittliche Umsatz pro Passagier. Ein Analyst von ABN Amro   zur Wirtschaftsagentur Bloomberg: "So was sollte nicht passieren". Randnotiz: Der irische Billigkonkurrent Ryanair   betreibt zwar rund 20 Flugzeuge weniger, wird aber im Gesamtjahr wohl mehr Passagiere befördern als easyJet und seine Maschinen besser auslasten.

Deutsche Kunden dürfte vor allem interessieren, wann, wie und ob die Briten auf den heimischen Markt vordringen. Auch in dieser Hinsicht wird 2003 ein spannendes Jahr. Im Spätsommer läuft easyJets Option aus, von der Mutter British Airways die Deutsche BA zu übernehmen - nach der Lufthansa immerhin die zweitgrößte Fluglinie in Deutschland.

Einen Plan B gibt es nicht

Noch immer übt Webster indirekt Druck auf das Münchner Unternehmen aus: Die Piloten müssten häufiger am Tag fliegen, die Kosten deutlich sinken. Die Zahl der Flugzeuge solle von 16 auf 24 steigen - erst dann sei der Bestand von 800 Mitarbeitern angemessen. Die Aussicht, DBA zu übernehmen, stimme ihn enthusiastisch, sagt Webster zwar. Dass die chronisch defizitäre Fluglinie schon 2003 profitabel wird, glaubt er allerdings nicht.

Falls die Briten doch die Finger von DBA lassen - dann wird ihnen der nach Bevölkerungszahl größte Markt Europas wohl bis auf weiteres verschlossen bleiben. Denn einen Plan B für die Expansion nach Deutschland, so Webster, hat easyJet nicht.