Horch "Der Löwe hat gebrüllt"
Ingolstadt - Bei Audi übt man sich im Schulterschluss. Auch gut eine Woche nach der herben Schelte aus Wolfsburg ist der Ärger bei Mitarbeitern und Kleinaktionären nicht verraucht. Während sich Audi-Chef Franz-Josef Paefgen auf der Hauptversammlung in diplomatischer Zurückhaltung übte, griffen die Aktionäre VW-Chef Piëch scharf an, der über die Medien einen Stillstand bei Audi beklagt hatte. Bei den Ingolstädtern, die in ihrer wechselhaften Geschichte ohnehin ein starkes Identitätsbewusstsein entwickelt haben, sorgte Piech für einen weiteren Solidaritätsschub. "Wir sind alle noch enger zusammengerückt", sagte ein Mitarbeiter.
Als einfaches Aufsichtsratsmitglied saß Piëch bei der Hauptversammlung im Ingolstädter Stadttheater mit gewohnt versteinerter Mine auf dem Podium. Zu einem demonstrativen Schulterklopfen mit Paefgen, auf das die Fotografen warteten, kam es am Morgen nicht. Lediglich VW-Vorstand Robert Büchelhofer betonte als Aufsichtsratschef, es bestehe Konsens zwischen Audi und VW über die weitere Entwicklung. VW-Finanzvorstand Bruno Adelt sagte am Rande, es gebe keinen Grund, mit Audi unzufrieden zu sein.
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Die Schelte Piëchs habe Audi, das früher einmal Horch hieß, aus heiterem Himmel getroffen, beteuern die konsternierten Mitarbeiter in Ingolstadt. "Wir fühlen uns ungerecht behandelt, vom Vorstand bis zum einfachen Schrauber am Band", sagt einer von ihnen. In den letzten Jahren sei Audi Zugpferd der Gruppe gewesen. Über die Hintergründe der Attacke Piëchs wird in Ingolstadt nur spekuliert. In der jüngeren Vergangenheit gab es auch Kratzer im Lack der erfolgsverwöhnten Audi-aner. Die Einführung des Sportwagens TT geriet kurzzeitig wegen einer Unfallserie zur Krise, die Autos mussten für den Einbau weiterer Sicherheitselemente in die Werkstätten zurückgerufen werden. Zudem verkaufte sich der neue Alu- Kompaktwagen A2 nicht so, wie von einigen im Konzern erhofft.
Doch an solchen Vorfällen kann sich Piëch kaum reiben, wird in Branchenkreisen betont. Schließlich habe eine "Produkt-Strategie-Kommission" unter Mitwirken Piechs jedes neue Modell mit auf den Weg gebracht. Wenn es dann fertig entwickelt ist, werde es auch von VW- Ingenieuren technisch abgenommen.
So wird im Unternehmen auch Eitelkeit als Motiv vermutet. Ein kritischer Magazin-Bericht könne den VW-Chef gewurmt haben, dem vorgeworfen wurde, Audi zu vernachlässigen. Zudem ist Piëch in seinem letzten Jahr als Vorstandschef und konnte so möglicherweise seine Autorität noch einmal unter Beweis stellen. "Das ist der Löwe, der noch einmal brüllt, um zu zeigen, dass er noch Herr ist in der Savanne", hieß es in Audi-Kreisen.
Schuss vor den Bug
Doch der Schuss vor den Bug von Audi könnte auch einen größeren strategischen Hintergrund haben. Bei VW steht eine Neuordnung in der Oberklasse an. Derzeit gebe es bei den gehobenen Marken noch zu viele verschiedene Plattformen, zudem will Piëch nun auch mit der Marke VW noch stärker in das gehobene Segment vorstoßen.
Eine Möglichkeit im Rahmen der Neuordnung wäre, dass die Luxusmarken Bentley und Lamborghini mit den Achtzylinder-Modellen von VW und Audi zu einem Konzernteil zusammengefasst werden. Noch aber sei nichts entschieden, heißt es in Branchenkreisen. Allerdings habe Piëch sicherlich den Ehrgeiz, die Dinge im Grundsatz noch als Vorstandsvorsitzender zu regeln. Mit seiner Audi-Schelte sei nun die heiße Phase des Diskussionsprozesses eingeleitet worden.
Axel Höpner, dpa