PC-Branche Der Geruch der Verzweiflung
Hamburg - Steven hat diesen glasigen Blick, der sich häufig nach einigen Marihuana-Pfeifchen einstellt. Der blonde Twen grinst grenzdebil in die Kamera, fuchtelt wild mit den Armen und fängt seine Sätze ständig mit "Ey, Alter " an.
Steven ist tatsächlich high, aber nicht von Drogen, sondern von Personal Computern (PCs). Die von Jungschauspieler Ben Curtis verkörperte Werbefigur ist ganz erfüllt von den Produkten des Computerherstellers Dell und beendet jeden der in den USA landesweit ausgestrahlten Fernsehspots mit dem Satz "Dude, you're getting a Dell". In Amerika genießt Steven inzwischen Kultstatus.
Stevens Erfolg ist symptomatisch: Mit schöner Regelmäßigkeit deklassiert Dell in Sachen Profitabilität und Absatz Konkurrenten wie Hewlett Packard , IBM , oder Gateway . Jetzt haben die Texaner ihren Wettbewerbern auch noch in Sachen Coolness den Rang abgelaufen. "Der Geruch der Verzweiflung liegt in der Luft", sagt Analyst Tony Duboise vom Marktforscher ARS.
Volle Lager allerorten
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Laut Branchenbeobachter Gartner Dataquest konnte Dell seinen weltweiten Marktanteil von 13,1 Prozent im ersten Quartal auf nunmehr 14,9 Prozent steigern. Ein größeres Stück des PC-Marktes kontrolliert lediglich Hewlett-Packard (HP) - und das auch nur, weil das Unternehmen kürzlich mit dem Konkurrenten Compaq fusionierte. Wenn Dell mit der jetzigen Geschwindigkeit weiterwächst, könnten die Texaner HP bald aus der Pole Position verdrängen.
Dell ist der einzige große Hersteller, der an den zum austauschbaren Massenprodukt gewordenen PCs noch Geld verdient. Hauptgrund dafür ist, dass Dell ausschließlich per Direktvertrieb über das Internet verkauft und nur Lagerbestände für eine knappe Woche vorhält. Bei der Konkurrenz sind die Regale hingegen proppevoll. "Es ist eine schreckliche Zeit, PCs zu verkaufen", schrieb das Wirtschaftsmagazin "Fortune", "es sei denn man heißt Michael Dell".
Nach Schätzungen des Marktforschers IDC stauben in den USA etwa eine halbe Million PCs vor sich hin. Bei dem derzeit von Experten wie der Investmentbank Merrill Lynch prognostizierten weltweiten Marktwachstum von mickrigen 2,5 Prozent wird ein Großteil dieser Geräte wohl abgeschrieben werden müssen.
Es gibt 'was extra
So ist es auch kein Wunder, dass sich die verschiedenen Hersteller derzeit mit Rabatten und Marketingaktionen zu überbieten versuchen. Egal, wo der amerikanische Kunde seinen Computer kauft - er kriegt auf jeden Fall irgendetwas gratis dazu. HP gewährt Rabatte von bis zu 400 Dollar auf PCs, Gateway legt bei vielen Modellen einen Scanner oder Drucker oben drauf. Apple bietet an, dass Produkte, die jetzt gekauft werden, erst ab November in Raten gezahlt werden müssen.
Besonders originell sind all diese indes Aktionen nicht. Für Gesprächsstoff sorgt nur Dells Werbeaktion: Die Nummer zwei der Branche lobt derzeit unter PC-Käufern täglich 50.000 Dollar aus. Jeder, der in den USA im Juli einen Dell-Computer kauft, nimmt automatisch an der Verlosung teil. Eine vergleichbare Aktion hat es in der PC-Branche bisher nicht gegeben.
Die 1,55 Millionen Dollar plus Verwaltungskosten, die der in Anzeigen mit dem Scheck wedelnde Steven das Unternehmen kostet, sind vermutlich gut investiertes Geld. Denn Hauptziel der Aktion ist nach Meinung vieler Analysten nicht, den Verkauf von Dell-PCs anzukurbeln. Vorrangig gehe es den Texanern darum, dafür zu sorgen, dass die Konkurrenz auf ihren riesigen Lagerbeständen sitzen bleibt und diese später abschreiben muss, weil sie nicht mehr dem Stand der Technik entsprechen. Derzeit sieht es so aus, als ob der Plan aufginge: Allein HP hat momentan genug Rechner in petto, um seine Kunden die nächsten elf Wochen zu versorgen.