meinung •Altersvorsorgedepot Die Alternative zur Riester-Rente
Zerstörtes Europawahl-Plakat in Leipzig: Aus den Riester-Fehlern lernen
Foto:Heike Lyding / epd / picture alliance
Knapp 16 Millionen Riester-Verträge sind mal unterzeichnet worden und noch nicht gekündigt. Mehr als neun Millionen Sparerinnen und Sparer haben 2022 noch staatliche Förderung erhalten . Aber es werden immer weniger und sie werden immer frustrierter. Deswegen plant die Bundesregierung jetzt eine Reform samt neuem Produkt: das Altersvorsorgedepot .
Das soll bisherige Fehler vermeiden und Arbeitnehmer und viele Selbstständige motivieren, zusätzlich etwas fürs Alter zu tun – damit wir wieder »mehr private Altersvorsorge bekommen«, wie es aus dem Finanzministerium heißt. Die Karre aus dem Dreck ziehen sollen allerdings die Finanzdienstleister, die die Riester-Karre hineingefahren haben .
Das Vorbild ist klar erkennbar. Es heißt 401k und ist die Abkürzung für eine populäre geförderte Altersvorsorge in den USA . Dort können Bürgerinnen und Bürger seit Jahrzehnten Aktien und andere Wertpapiere auf ein spezielles Depot einzahlen. Der Clou dabei: Sie müssen für das eingezahlte Gehalt keine Steuern zahlen. Sie können das Geld im Ruhestand entnehmen – und dann auch erst die Steuern zahlen.
Eigentlich stand das Modell auch schon bei der Einführung von Riester Pate, Anfang des Jahrtausends. Aber dann platzte die Dotcom-Blase: Die internationalen Aktienmärkte fielen um die Hälfte, der Dax sogar um mehr als 70 Prozent, die Telekom-Aktien verloren nach einer gigantischen Werbekampagne zeitweise 90 Prozent an Wert. Wie nicht anders zu erwarten, schmolz die Lust der Sparerinnen und Sparer auf Wertpapiere fürs Alter dahin.
Das geplante Altersvorsorgedepot hat klare Vorzüge
Das Altersvorsorgedepot soll jetzt also kommen, darüber ist sich die Ampel schon einig. Wenn alles gut läuft, liegt der Gesetzentwurf in den kommenden Wochen vor. Beratung im Winter, Verabschiedung im Frühjahr – und alles wird neu zum 1.1.2026.
Einige der Vorzüge sind klar:
Der erste Vorteil besteht darin, dass Sparer ihr Geld im Erwerbsleben steuerfrei einzahlen können. Dadurch sparen sie ordentlich Steuern, schließlich ist ihr Steuersatz zu diesem Zeitpunkt oft hoch. Wenn das Geld im Alter in kleinen Raten wieder entnommen wird, ist das nicht mehr der Fall. Die Sparer zahlen wahrscheinlich sehr viel weniger Steuern, da im Alter die Einkommen und damit auch die entsprechenden Steuersätze deutlich niedriger sind.
Der zweite Vorteil, wenn die Rendite im Altersvorsorgedepot während der Sparzeit nicht besteuert wird: Das Geld kann sich über zehn, 20 oder 30 Jahre schön vermehren und die finanziellen Engpässe im Alter mindern .
Der dritte und neue Vorteil: Beim Altersvorsorgedepot sollen Sparerinnen und Sparer ihre Raten auch digital ohne Beratung sammeln können – in einer geförderten Altersvorsorge auf einem günstigen oder kostenlosen Depot einer Onlinebank oder eines Neo-Brokers. Dafür würden sie sehr wenig Gebühren bezahlen. Bislang ging das gefördert nur mit teuren Produkten bei Fondsgesellschaften oder Fonds, die in einem noch teureren Versicherungsmantel verpackt angeboten wurden. In beiden Fällen profitierten vor allem die Anbieter, also Fondsgesellschaften, Banken und Versicherer, weniger die Kunden.
Der vierte Vorteil: Die Sparerinnen und Sparer sollen selbst entscheiden können, welchen weltweiten ETF sie in dieses Depot packen. Vielleicht auch, welche Aktie. Sie müssen dafür keine Berater und Verkäufer bezahlen.
Und der fünfte Vorteil: Die Ampelkoalition will auch in dem neuen Modell Haushalten, die viele Kinder oder keine großen Einkommen haben, mit Zuschüssen helfen. Sonst hätten sie das Geld, um fürs Alter zu sparen, auch gar nicht übrig, wie Finanzstaatssekretär Florian Toncar (FDP) in Interviews freimütig einräumt .
Wichtig ist bei all den Vorteilen aber, dass das Geld nicht schon vor der Rente aus dem Altersvorsorgedepot entnommen wird. Sonst sind die Steuervorteile und Zulagen futsch.
Die Regierung will aus den Riester-Fehlern lernen
Die Koalition möchte zeigen, dass sie aus Fehlern bei der Riester-Rente gelernt hat. Riester soll nicht abgeschafft werden, jede Sparerin und jeder Sparer wird den eigenen Riester-Vertrag offenbar weiterführen können. Allerdings dürften sich ein paar Punkte ändern:
So soll es in Zukunft nicht mehr notwendig sein, jedes Jahr auszurechnen, wie viel man brutto verdient, um die optimale Einzahlung für die Förderung zu bekommen. Bislang war es bei Riester nötig, zunächst vier Prozent des eigenen Bruttogehalts des Vorjahrs zu berechnen. Danach musste man die Fördersumme für sich selbst und die Kinder im Kopf haben, um ausrechnen zu können, wie viel man selbst einzahlen muss, um die höchstmögliche Förderung zu erhalten. Hatte man zu wenig eingezahlt, verlangte der Staat Fördergelder zurück. Diese Art von Mindesteigenbetragsrechnung soll es beim Altersvorsorgedepot nicht mehr geben.
Die maximale geförderte Summe soll mit der Inflation steigen, damit das Geld im Altersvorsorgedepot im Ruhestand länger reicht. Bei Riester sind aktuell 2100 Euro möglich, dem Finanzministerium schweben zum Einstieg rund 3500 Euro vor. Anschließend soll diese Summe mit der Inflation steigen.
Im Alter sollen Sparerinnen und Sparer freier über das Geld verfügen können, solange sie das Ersparte für die Absicherung im Alter einsetzen. Der aktuelle Plan ist, dass man das Geld monatlich entnehmen kann, ähnlich wie bisher als Rente oder auch als Auszahlplan aus dem Depot, der dann mit 85 Jahren enden kann. Sparer müssen also keine teure Versicherung mehr kaufen. Allerdings können Sparerinnen das Geld auch auf einen Schlag entnehmen, wenn das für die Altersvorsorge nützlich ist – etwa wenn damit die letzte Rate der eigenen Immobilie oder eine neue Heizung für das eigene Haus bezahlt werden soll.
Außerdem sollen Sparer mehrere Sparverträge nebeneinander betreiben können, also etwa ein Altersvorsorgedepot neben einem der funktionierenden Riester-Verträge und einen nicht geförderten ETF-Sparplan oder eine Rentenversicherung.
Alle geförderten Sparverträge sollen schon ab 2025 Teil der Digitalen Rentenübersicht sein , das neue Altersvorsorgedepot ab 2026 dann auch. Sparer sollen auf einen Blick sehen können, wie groß ihre Rentenlücke noch ist.
Sparer sollen auch auf eine 100-Prozent-Garantie verzichten können. Die mussten Anbieter von Riester-Produkten ihren Kunden immer vertraglich versprechen. Die Anbieter klagen seit zwei Jahrzehnten darüber, dass diese Garantieverpflichtung sie daran hindere, wirklich erfolgreich für ihre Kunden anzulegen. Jetzt sollen auch 80 Prozent oder gar keine Garantie möglich sein.
Diese Fragen sind noch offen
Einige Fragen sind aber noch nicht geklärt. Sie benötigen dringend Antworten, sofern das Altersvorsorgedepot vielversprechender für die Sparerinnen und Sparer sein soll als Riester. So sind sich alle Beobachter einig, dass Riester vor allem an den teuren und gierigen Anbietern gescheitert ist. Jedoch sollen es ausgerechnet diese Anbietergruppen beim neuen Modell besser machen. Wie also will die Ampel dafür sorgen, dass hier nicht wieder der Bock zum Gärtner gemacht wird?
Der Staat müsste sicherstellen, dass bei geförderter Altersvorsorge in einem solchen Depot die Kosten niedrig bleiben. Doch wie kann er das machen? Der Markt allein wird es nicht regeln, wie die Erfahrungen der vergangenen 20 Jahre mit Riester gezeigt haben. Schweden und Norwegen haben Modelle gebaut, bei denen die jährlichen Kosten bei weniger als einem Viertel der Kosten hierzulande liegen. Bekommt die Finanzaufsicht Bafin hier einen besonderen Kontrollauftrag?
Wenn die 100-Prozent-Garantie nicht Teil des Vertrages ist, wird die Kostenkontrolle besonders wichtig. Die Garantie sollte bei den Riester-Verträgen die Anbieter nicht nur am wilden Spekulieren hindern, sondern auch sicherstellen, dass selbst besonders teure Anbieter am Ende mindestens das eingezahlte Kapital sowie die staatliche Förderung nominell komplett für den Kunden bereitstellen.
Offen ist auch, wie das Parlament garantiert, dass Kunden aus einem Riester-Vertrag einfach, kostengünstig oder gar kostenlos in ein Altersvorsorgedepot wechseln können. Schließlich haben die etablierten Riester-Anbieter kein Interesse daran, die Sparer und deren Geld an kostengünstige Neo-Broker mit einem neuen Altersvorsorgedepot zu verlieren. Zwischen unterschiedlichen Riester-Verträgen kann man schon heute wechseln, allerdings oft nicht kostengünstig.
Wie funktioniert die Besteuerung des Ersparten im Altersvorsorgedepot, wenn die Sparerinnen und Sparer im Alter das Geld auf einen Schlag entnehmen wollen? Ohne besondere Regelung würde eine solche Entnahme – neben der normalen Rente – zu einem sehr hohen Steuersatz in dem betreffenden Jahr führen. Rente und große Entnahme aus dem Riester-Vertrag sorgen dafür, dass ein solcher Rentner in dem Jahr schnell den Spitzensteuersatz von 42 Prozent zahlt – mit anderen Worten, dem Altersvorsorgesparer werden gleich rund 40 Prozent des Ersparten wieder weggenommen.
Die Amerikaner haben bei ihren Altersvorsorgedepots immer die Arbeitgeber mit am Start. Diese können die steuerfreien Einzahlungen ihrer Mitarbeiter direkt in die Altersvorsorgepläne einspeisen und zusätzlich unterstützen. Einer der größten Anbieter Empower berichtet, dass 50 Prozent seiner mehr als 50-jährigen Nutzerinnen und Nutzer auf diesem Weg über 250.000 Dollar in ihren Depots angespart haben . Jährlich können bis zu 23.000 Dollar zusätzlich steuerfrei vom Arbeitnehmer eingezahlt werden. Da ist in Deutschland auch mit den neuen Plänen noch Luft nach oben.