Salatproduzent in Nöten: Vernichten statt Ernten
Deutschlands Gemüsebauern Am Ehec-Pranger
"Und, wie viel habt ihr schon weggeworfen?", ruft Rudolf Behr den Arbeitern zu. Hinter den Männern und Frauen stapeln sich in der Kühlhalle die Paletten mehr als zwei Meter hoch. In grünen Plastikkisten liegen feinsäuberlich einsortiert Bio-Salatköpfe. Frisch sehen sie aus. Die Arbeiter reißen die Folien ab. Stück für Stück wandern die Salatköpfe auf ein Förderband - und von dort direkt in den Müll.
Die Angst vor der Ehec-Infektionswelle trifft die deutschen Gemüseanbauer. Mitten in der Haupterntezeit meiden die Verbraucher Rohkost. Landwirte müssten täglich Gemüse im Wert von zwei bis drei Millionen Euro wegwerfen, sagt der Bauernverband. Und solange die Quelle für die Ehec-Epidemie nicht gefunden werde, sei keine Besserung in Sicht.
Die verfahrene Lage der Branche wird in Behrs Kühlhalle sichtbar, die in Ohlendorf nahe Hamburg steht. Der Salatproduzent bleibt auf seiner Ware sitzen. Behr greift sich einen Salatkopf, packt ihn aus der Folie und reißt ein paar Blätter ab. "Top-Qualität", sagt er und schiebt sich demonstrativ Salat in den Mund. "Der ist getestet. Garantiert Ehec-frei."
Doch gegen die Angst der Verbraucher und Warnungen von Experten kommt der Salatproduzent nicht an. Seit vergangenen Donnerstag musste Behr bereits 40 Hektar Ernte vernichten - das entspricht etwa 3,2 Millionen Salatköpfen. "Wir verlieren Hunderttausende Euros", sagt der Unternehmer. Seine Firma gehört mit 3000 Hektar Anbaufläche zu den größten Salatproduzenten in Deutschland, die bekanntesten Lebensmitteleinzelhändler und Discounter kaufen bei Behr. Die Palette reicht von Eisbergsalat über Mischsalat bis hin zu Gemüse wie Broccoli und Kohlrabi. Im Winter wird an Standorten in Portugal und Spanien produziert.
Behrs Kunden, also Supermärkte und Handelsketten, müssen keine festgeschriebenen Mengen abnehmen, ihre Bestellungen sind von der Nachfrage der Verbraucher abhängig. Und diese ist eingebrochen, seit das Robert Koch-Institut dazu rät, auf den Verzehr von rohen Gurken, ungekochten Tomaten und Salat zu verzichten. "Wir ernten zur Zeit nur etwa 40 Prozent der üblichen Menge", sagt Behr. Der Salat auf den Feldern wächst derweil weiter. Höchstens vier Tage länger können die Pflanzen stehenbleiben. Was dann nicht verkauft werden kann, wird geschreddert. 40 Leute machen den ganzen Tag nichts anderes, als Pflanzen zu vernichten.
"Der schlimmste Tag war der Donnerstag"
Dabei sah es zunächst gar nicht schlecht aus für den Salatproduzenten. Von Mai bis Oktober geht die Erntesaison in Norddeutschland. Das Wetter wurde besser, die Grillsaison lief an. Und wenn gegrillt wird, wird auch Salat gegessen. Doch dann kam die Ehec-Welle. "Der schlimmste Tag war der vergangene Donnerstag", sagt Behr. In den Läden und in den Lagern stapelte sich Salat, die Firma musste die Ware zurückholen. "Das ist die Katastrophe. Allein an diesem Tag entstanden uns Kosten von 500.000 Euro", sagt der Firmenchef.
Behr kämpft auch gegen die Irrationalität der Behörden, wie er es nennt. "Mich ärgern die undifferenzierten Warnungen." Gesundheit müsse über wirtschaftlichen Interessen stehen. "Aber rational sind die Pauschalisierungen nicht." Das Hamburger Hygiene-Institut hatte Ehec-Bakterien auf drei Salatgurken aus Spanien gefunden - erst jetzt wurde festgestellt, dass der Erreger auf den drei Gurken nicht die Erkrankungswelle ausgelöst hat. Trotzdem bleibt die Warnung vor Rohkost in Norddeutschland aufrechterhalten.
Die deutschen Erzeuger sehen sich zu Unrecht am Pranger. Bisher wurden auf keiner Ware aus Deutschland Ehec-Erreger gefunden. Behr will kämpfen. In der vergangenen Woche ließ er Pflanzen, die vor der Ernte standen, auf Ehec testen. "Die Ergebnisse bescheinigen die Unbedenklichkeit unserer Produktpalette", sagt er. "Wir pflanzen, pflegen, ernten und verpacken in Eigenregie. Wir können alles nachvollziehen. Unsere Erntearbeiter essen den Salat." Auch die Händler hätten Vertrauen - doch die Verbraucher schrecken zurück. Die getestete Ware landet im Müll.
"Immer bleiben wir darauf sitzen", klagt Behr. "Das ist doch widersinnig, das ausgerechnet die gesündesten Lebensmittel in Verruf geraten." Da sind zum Beispiel die Berichte, dass Salate mit Gülle gedüngt werden. "Gemüsekulturen können gar keine Gülle vertragen, die verbrennt die Blätter", sagt Behr. Seine Firma setze nur mineralische Dünger ein. Und auch das Beregnungswasser werde regelmäßig auf Qualität untersucht.
"Wir müssen aussäen - alles andere wäre der sichere Tod"
"Ehec ist kein pflanzentypisches Bakterium", sagt der Unternehmer. Darum werde Gemüse in der Regel auch nicht darauf getestet. Üblich sind stattdessen Tests auf Rückstände von Pflanzenschutzmitteln. Behr hat Vermutungen, wie die Ehec-Erreger auf die spanischen Gurken kommen konnten. Für ihn sei die logischste Erklärung, dass die Pflanzen in Spanien mit Wasser aus Kläranlagen bewässert wurden. Das ist europaweit streng verboten. "Aber es gibt kriminelle Machenschaften", sagt Behr. "Das wichtigste ist, dass schnell der Verursacher gefunden wird. Über Wochen können wir das nicht durchhalten."
Soll heißen: Dominiert das Thema noch die nächsten 14 Tage die Schlagzeilen, wird es für viele Gemüseproduzenten wirtschaftlich eng. Die Regierung will betroffenen Agrarbetrieben mit Finanzhilfen unter die Arme greifen. Die Landwirtschaftliche Rentenbank stellt kurzfristig Kredite zu besonders günstigen Konditionen zur Verfügung, wenn Betriebe nachweisen können, dass sie infolge der Marktverwerfungen durch die Ehec-Welle in Not geraten sind.
Wenn die Quelle für die Infektionen endlich feststehe, dann komme auch das Vertrauen der Verbraucher wieder, hofft Behr. "Wir müssen in Hoffnung auf das Kundenvertrauen aussäen - alles andere wäre der sichere Tod", sagt Behr. "Wir wollen weitermachen." Seine Familie begann 1882 mit Gemüseanbau, seine fünf Kinder arbeiten im Betrieb mit, 300 festangestellte Mitarbeiter hat die Firma in Deutschland. Dazu kommen 800 Saisonarbeitskräfte. 2008 baute das Unternehmen eine 10.000 Quadratmeter große Logistikhalle.
Inzwischen haben auch staatliche Kontrolleure Proben auf Behrs Feldern genommen. "Wir haben nichts. Davon bin ich überzeugt", sagt der Firmenchef. Für sein Geschäft zähle eine Grundregel: "Wir müssen lückenlos sauber bleiben."