Milch: Bauern fürchten Verfall der Preise - DER SPIEGEL
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Bauern im Existenzkampf Die neue Milchschwemme

Billig, billiger, am billigsten: Das Verramschen von Lebensmitteln in Deutschland hält an, die Discounter erzwingen Rabattrunden von den Milchbauern. Die Preise könnten noch weiter fallen, wenn bald die letzten Quotenregelungen fallen. Für viele Bauern geht es um die Existenz.
Kuh auf einer Weide in Bayern: Milchbauern fürchten die nächste Preissenkung
Kuh auf einer Weide in Bayern: Milchbauern fürchten die nächste Preissenkung

Kuh auf einer Weide in Bayern: Milchbauern fürchten die nächste Preissenkung

Foto: Marcus F¸hrer/ picture-alliance/ dpa
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Hamburg - Henning Haschenburger ist sauer. Im vergangenen Jahr bekam er noch um die 35 Cent für den Liter Milch. Doch seit Jahresbeginn sinken die Preise. Zuletzt zahlte die Molkerei dem Landwirt 32 Cent. Und Haschenburger fürchtet einen weiteren Preisverfall. "Die Molkereien haben sich wieder den Schneid abkaufen lassen", sagt er.

Discounter - allen voran Aldi - haben in der jüngsten Verhandlungsrunde mit Lieferanten drastische Nachlässe durchgesetzt. Ein Liter Frischmilch ist im Laden bereits ab 48 Cent zu haben.

Bekommen die Molkereien von den Handelskonzernen weniger Geld für die Milch, geben sie den Preisdruck an die Landwirte weiter. Haschenburger steht am Ende dieser Kette. Etwa hundert Kühe hat er in seinem Stall im Landkreis Friesland an der Nordseeküste. Die Futterkosten und die Energiepreise seien gestiegen, sagt der 40-jährige Landwirt. Irgendwie muss er mit dem geringeren Milchgeld auskommen. Aber wie?

Droht nun der nächste Milchkrieg?

Rabattrunden im Handel und verunsicherte Bauern - das weckt Erinnerungen an den Milchkrieg im Frühjahr 2008. Damals hatte der rebellische Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) zum Milchstreik aufgerufen. Damals bekamen die Bauern etwa 34 Cent je Liter Rohmilch - immer noch mehr als Haschenburger heute kriegt. Tausende Landwirte schütteten Milch weg, um höhere Preise zu erzwingen - ohne Erfolg. In den darauffolgenden Monaten ging der Preisverfall weiter. Der Tiefstand lag im Sommer 2009 bei 22 Cent.

Geht der Preiskrieg zwischen Handel und Landwirten nun in eine weitere Runde? Der BDM prophezeit bereits, in der zweiten Jahreshälfte könne der Auszahlungspreis je Liter Milch auf 25 bis 27 Cent sinken.

Klar ist: Zur jüngsten Rabattrunde haben ausgerechnet die Milchbauern selbst beigetragen. "Es ist zu viel Milch auf dem Markt, deshalb sind die Preise rückläufig", erklärt Andreas Gorn von der Agrarmarkt Informationsgesellschaft (AMI). Nach dem Preiseinbruch von 2009 stabilisierte sich der Markt wieder. Die Nachfrage zog an, und der Milchpreis stieg. In der Folge produzierten die Landwirte auch mehr. "Die Bauern haben gemerkt, dass sie wieder Geld verdienen können und wollten das Maximum ausschöpfen", sagt Landwirt Haschenburger. "Bei hohen Milchpreisen wird der letzte Tropfen ausgemolken."

Die jüngste Preisschlacht ist nur ein Vorgeschmack

Im Vergleich zu den ersten Monaten 2011 standen den Molkereien im laufenden Jahr EU-weit bereits gut zwei Prozent mehr Milch zur Verfügung. Während die Bauern noch fleißig produzierten, stockte die Nachfrage bereits. Die Preise gaben nach. Den Landwirten droht ein Schweinezyklus.

Dabei ist die aktuelle Entwicklung nur ein Vorgeschmack auf das, was den Bauern in den kommenden Jahren bevorsteht. Denn die EU liberalisiert die Agrarpolitik. Die Milchquote, die seit 1984 die Produktion einschränkt, wird derzeit schrittweise erhöht und läuft 2015 aus. Dann sind der Überproduktion keine Grenzen mehr gesetzt.

Wenn jeder Bauer so viel liefern darf, wie er will, wird der Handel noch mehr Preisdruck machen, fürchtet der Milchbauernverband BDM. Er will deshalb ein Nachfolgemodell zur Milchquote schaffen: das sogenannte European Milkboard (EMB). Europaweit wollen sich Landwirte zusammentun und ihre Produktion begrenzen, um die Preise stabil zu halten - ähnlich wie die Opec beim Öl. Wettbewerbshüter warnten bereits, ein solches Kartell werde man genau im Auge behalten.

Milchbauern träumen vom eigenen Kartell

Kritiker halten die Pläne für unrealistisch. Hunderttausende Landwirte müssten freiwillig mitmachen. Doch schon die Milchquote hatte Lücken. Jeder Landwirt musste ein Kontingent kaufen. Wer darüber hinaus produziert, dem drohen Strafzahlungen. Doch de facto entfallen diese meist, weil die Milchmengen der Landwirte miteinander verrechnet werden.

Auch Importe von Milchprodukten in die EU müssten streng reguliert werden, damit das geplante Milkboard funktioniert. "Wir befinden uns in Deutschland und Europa nicht auf einer Insel. Wir sollten besser die Möglichkeiten eines weltweit steigenden Milchkonsums nutzen", sagt Björn Börgermann vom Milchindustrie-Verband. "Wir werden lernen müssen, mit solchen Preisschwankungen umzugehen."

Der Preisdruck der Discounter und die anstehende Abschaffung der Milchquote: Beide Faktoren beschleunigen den Strukturwandel in der Landwirtschaft. Weniger Höfe, aber größere Herden sind die Folge. Allein zwischen Mai und November 2011 ging die Zahl der Milchviehbetriebe in Deutschland um 1800 auf 88.970 zurück. Zugleich stieg die Zahl der Milchkühe um 5000 Tiere auf 4,19 Millionen.

"Wir würden gerne selbst der Schiedsrichter sein"

Der Agrarökonom Johannes Sauer von der Kieler Christian-Albrechts-Universität appelliert an den Unternehmergeist der Landwirte. Landwirte müssten selbst die Gefahr von Überproduktion erkennen und sich dementsprechend auf Preisschwankungen einstellen, sagt er. Durch hochautomatisierte Melk- und Fütterungstechniken könnten die Betriebe zudem Arbeitsabläufe rationalisieren und Kosten senken. Und Landwirte müssten weitere Einkommensquellen wie Direktvermarktung oder Urlaub auf dem Bauernhof erschließen.

Doch vielen Bauern fällt die Umstellung schwer. Henning Haschenburger würde am liebsten die Milchquote behalten. Als Mitglied im BDM kämpft er für Regulierungsmacht der Bauern. "Wir fühlen uns wie der Ball auf dem Spielfeld, der nur hin- und hergeschoben wird", sagt er. "Wir würden gerne selbst der Schiedsrichter sein."

Die nächsten Jahre dürften für Haschenburger schwer werden. Bereits die Milchkrise 2009 hat ihn hart getroffen. Jeden Tag hat der Landwirt seine Kühe gefüttert und gemolken - und damals am Jahresende wegen der niedrigen Preise 60.000 Euro Verlust gemacht. Ans Aufgeben denkt Haschenburger dennoch nicht. "Ich bin mit Herzblut Milchviehhalter", sagt er. "Ich habe die vergangene Krise überstanden. Nun gehe ich die nächste an."