Psycho? Logisch! So kritisieren Sie richtig
Wie oft haben Sie schon versucht, die Kollegin zu verändern - leider erfolglos? Wie oft haben Sie versucht, dem Chef klarzumachen, dass er Sie nicht immer vor den anderen so runterputzen soll - ohne Wirkung?
Sie sagen Ihre Meinung - und machen alles nur schlimmer? Die Kommunikationspsychologie bietet eine Erklärung dafür. Und eine Lösung.
In der Regel neigen wir zu Aussagen wie "Sie kommen immer zu spät!" oder "Sie sind wie die Axt im Walde!" oder "Könnt ihr nicht mal eure dreckigen Tassen in die Kaffeeküche tragen?". Darauf hagelt es meistens Reaktionen wie "Sie waren doch selber letzte Woche zu spät!" Oder: "Kümmere dich um deinen eigenen Dreck!"
Denn die anderen empfinden sogenannte "Du-Botschaften" als Vorwürfe und kontern mit Gegenvorwürfen. Als Lösung hat der weltberühmte Konfliktforscher Marshall B. Rosenberg die eine "Ich-Botschaft" entwickelt, die in brenzligen Situationen wahre Wunder wirkt.
Um richtig zu kritisieren, müssen Sie vier Dinge tun: beobachten, fühlen, Ihre Bedürfnisse formulieren und sich etwas wünschen.
- Im Alltag geht das so: Formulieren Sie zunächst ganz neutral und konkret Ihre Beobachtung: "Wenn ich auf unserem gemeinsamen Schreibtisch acht Kaffeetassen stehen sehe, aus denen grau-silbrige Pilzkulturen ranken..." Vermeiden Sie Verallgemeinerungen wie "immer". Denn auf den Satz "Immer stehen hier dreckige Tassen herum" kann Ihr Gegenüber Ihnen leicht antworten: "Stimmt doch gar nicht, letzte Woche war es aufgeräumt." Und schon wäre Ihnen der Wind aus den Segeln genommen.
- Benennen Sie im zweiten Schritt Ihr Gefühl: "...dann ekle ich mich und werde nervös..." Wichtig: Sagen Sie nur, was Sie selbst fühlen und nie, was eine andere Person tut. "Ich habe das Gefühl, du hörst mir gar nicht zu", ist nur ein Pseudo-Gefühl. Der andere kann sagen "Stimmt nicht, ich höre dir zu." Und schon sind Sie mit Ihrem Latein am Ende. Sagen Sie hingegen "Ich bin verärgert", dann ist das ein echtes Gefühl, das Ihnen niemand nehmen kann. Ihre Kollegin kann ja schlecht mit dem Fuß aufstampfen und rufen: "Stimmt nicht, du bist gar nicht verärgert!"
- Drittens artikulieren Sie Ihr Bedürfnis: "...denn ich habe ein Bedürfnis nach Ordnung und Sauberkeit..." Damit helfen Sie dem anderen, Ihren Wunsch zu verstehen, der nun als Viertes kommt: "...und ich bitte dich: Bring die Tassen jetzt in die Kaffeeküche und stell sie in die Spülmaschine." Wünschen Sie so konkret wie möglich, vermeiden Sie abstrakte Worte wie "Respekt" oder "Rücksichtnahme". Denn die können für unterschiedliche Menschen ganz unterschiedliche Bedeutungen haben. Der eine versteht unter "Respekt" zum Beispiel, seinen Bürokollegen in der Kaffeepause nicht zu stören - die andere versteht unter "Respekt", in der Kaffeepause miteinander zu plaudern.
Anfangs mag Ihre Ich-Botschaft sperrig wirken im Vergleich zum vorwurfsvollen Spontan-Statement. Die Vorteile überwiegen jedoch eindeutig: Sie verletzen niemanden, Sie machen sich nicht angreifbar, und Sie geben Ihren Mitmenschen die Verantwortung für deren Verhalten zurück. Sie selbst sind entlastet und können guten Gewissens weiterarbeiten.
Und wenn zu Hause die Socken auf dem Boden immer wieder zu Streit führen oder Ihr Partner einfach nicht verstehen will, dass Sie nach einem harten Tag im Büro ein wenig Ruhe brauchen: Dann probieren Sie es doch auch dort einmal mit einer Ich-Botschaft. Sie hat schon so manche Ehe gerettet.
Nächste Folge der Serie:
Der "Bumerang-Effekt": So motivieren Sie faule Kollegen