Unternehmensberater: Surfen auf der Pleite-Welle - DER SPIEGEL
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Unternehmensberater Surfen auf der Pleite-Welle

Die Welle der Unternehmenspleiten in Deutschland ist zur Flut angeschwollen. Bei professionellen Firmenrettern sind die Auftragsbücher deshalb so voll wie seit Jahren nicht mehr. Oft bieten die Berater nicht mehr als Sterbebegleitung gegen Gebühr.
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Frankfurt am Main/Berlin/Hamburg - Das erfolgreichste Jahr in der Firmengeschichte, zwanzig Prozent mehr Aufträge als im ersten Halbjahr - und sogar ein Zuwachs von dreißig Prozent gegenüber 2000. Eigentlich müssten die Partner bei der kleinen Agentur Dr. Schlebusch, Volz + Cie (S+V) in Jubel ausbrechen, wenn sie in ihre Auftragsbücher blicken.

Die Freude aber bleibt gedämpft - gewissermaßen aus Pietät. Denn die Berater mit Büros in Frankfurt und Stuttgart betreuen Firmen, die in Kürze ihre Kredite nicht mehr zahlen können, Mitarbeiter feuern, Markt-Revolutionen verschlafen haben oder den Generationswechsel vom alten Herrn zum Juniorchef nicht schaffen. Kurz: strauchelnde Firmen, Pleite-Kandidaten. Und ein Notarzt freut sich schließlich auch nicht, wenn er mehr Patienten behandelt als üblich.

"Bei uns ist die Hölle los!"

Während die Konjunktur weltweit in den Keller rutscht, boomt die Branche für Krisenberater. Corporate Recovery, Turnaround Management, Restructuring oder ähnlich neudeutsch nennen sich die Abteilungen bei Beraterhäusern und Wirtschaftsprüfern wie Roland Berger, KPMG oder PricewaterhouseCoopers (PwC), die in Zeiten der Hochkonjunktur im Schatten stehen - die nun aber so viel zu tun haben wie selten seit der Rezession nach der Wiedervereinigung.

"Bei uns ist die Hölle los", berichtet etwa Andreas Pulver, Geschäftsführer bei ad tempus consulting in Berlin. Schon in der ersten Jahreshälfte habe es "richtig gescheppert" an der Pleite-Front.

Und jetzt, wo die Unternehmen den Banken vorläufige Jahresabschlüsse vorlegen, wird manchen erst klar, dass ihre Reserven aufgezehrt sind. "Der Markt für Recovery-Beratung ist gewachsen", beobachtet da auch Tammo Andersch, Partner bei KPMG in Berlin. In manchen Branchen wachse die Zahl der Beratungsfälle, die kurz vor der Insolvenz stehen, mit zweistelligen Raten.

Krisen-Experten dringend gesucht

Die Krisen-Helfer schlagen Profit daraus, dass die Zahl der Firmenbankrotte in Deutschland ein historisches Niveau erklommen hat. Das Statistische Bundesamt zählte in der ersten Hälfte des Jahres 24.800 Fälle von Firmeninsolvenzen - 26 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.

In ganz Westeuropa sieht das Bild ähnlich düster aus. Nach Einschätzung der Rating-Agentur Moody's hat sich im dritten Quartal die Bonität von 46 Firmen, die eigene Anleihen emittieren, verschlechtert. Verbessert hat sie sich nur bei 19 Unternehmen.

Lesen Sie im zweiten Teil, welche Branchen am tiefsten in der Krise stecken. Klicken Sie hier!

So kommt es, dass die Krisen-Berater Stellenanzeigen schalten - während sonst allerorten Nachrichten über Massenentlassungen die Runde machen. Ernst & Young in London etwa will bis zum nächsten Jahr die Zahl der Turaround-Experten von 115 auf 140 hochfahren, auch die Kollegen bei PWC suchen neue Leute.

Die Recovery-Abteilung von KPMG Deutschland, bisher 80 Mitarbeiter stark, soll ebenfalls wachsen, sagt Andersch. Die kleine Agentur S+V beschäftigt mittlerweile 15 Berater, zwei mehr als zu Beginn des Jahres.

Spektakuläre Pleiten und stille Konkurse

Dabei geht es auch für die Branche Unternehmensberatung ansonsten abwärts. Das weltweit größte Beratungs- und Dienstleistungsgesellschaft Accenture schrieb im letzten Quartal einen Verlust von 369 Millionen US-Dollar, will 1000 Consultant-Stellen streichen - und weitere Mitarbeiter in ein mehr oder weniger freiwilliges Sabbat-Jahr schicken.

Während die Recovery-Abteilung brummt, streicht PWC in Großbritannien 750 Stellen in den anderen Beratungszweigen. Arthur D. Little, nach Eigenwerbung die älteste Unternehmensberatung der Welt, kämpft gegen immense Schulden, könnte bald von zwei Risiko-Kapitalgesellschaften geschluckt werden.

Im Alltag der Krisen-Bewältiger dominieren nicht die spektakulären Pleiten, die die Schlagzeigen bestimmen - die Insolvenzen von New-Economy-Firmen wie Kabel New Media oder Management Data. Meist habe man mit Mittelstandsfirmen aus traditionellen Firmen zu tun, berichtet Norbert Volz, Vorsitzender des Beirats bei S+V.

Da ist der Fahrrad-Hersteller, der noch Mountain-Bikes produziert, obwohl sie längt niemand mehr kaufen mag. Da gibt es den Bekleidungshersteller, der einzugehen droht, weil Konsumenten weniger Geld in feine Business-Anzüge stecken. Auch die Getränke-Branche, Verlage oder Einzelhändler stecken in wachsenden Schwierigkeiten, weil für immer mehr Konsumenten gilt: haushalten, zurückstecken, sparen. Und am schlimmsten von allen geht es immer noch dem Dauersorgenkind Baubranche.

Banken setzen die Pistole auf die Brust

Die meisten Manager dieser Firmen reden sie sich bis kurz vor der Zahlungsunfähigkeit ein "Wir schaffen das allein." Etwa 90 Prozent der Chefs wird von ihren Banken regelrecht die Pistole auf die Brust gesetzt, berichtet Volz. Die Drohung: Sucht Hilfe von Profis - sonst geben wir keine Kredite mehr.

Eines allerdings ist neu nach dem Sturzflug der Kurse am Neuen Markt: Immer mehr junge Aktiengesellschaften klopfen an die Tür der Krisen-Experten. Bis zum Jahresanfang waren es noch fast durchweg GmbHs, viele davon Jahrzehnte alt.

Etwa zehn Prozent seiner derzeit 40 bis 50 Kunden kämen mittlerweile aus den Bereichen Informatik, Information oder anderen typischen New-Economy-Feldern, rechnet Uwe Kassing vor. Er arbeitet bei der Sozietät Haarmann, Hemmelrath & Partner in Hamburg als Fachanwalt für Insolvenzrecht.

Geburtshilfe und Sterbebegleitung vom selben Arzt

Diese New-Economy-Pleiten sind für Kassing die "modernen Bauinsolvenzen". Denn die IT-Firmen haben mit den Häuslebauer eines gemeinsam: Sobald auch nur ein vages Gerücht über Zahlungsunfähigkeit kursiert, "hauen die Mitarbeiter ab, Lizenzen werden gekündigt, Kunden wechseln zur Konkurrenz." Am Neuen Markt droht den Pleite-Unternehmen der Rauswurf. Ein schweres Umfeld, in dem auch die Krisen-Kapitäne wenig ausrichten können.

Lesen Sie im letzten Teil, wie viel Krisenberater für ihre Arbeit verdienen können - und wie oft sie scheitern. Klicken Sie hier!

Viele der heutigen Pleite-Opfer sind für die Hamburger Sozietät übrigens alte Bekannte: Die Anwälte haben die Firmen vor zwei, drei Jahren beim Börsengang betreut - nun springen sie als Insolvenzverwalter ein. Geburtshilfe und Sterbebegleitung aus einer Hand. "One-Stop-Shop" nennt Kassing das.

Fürstliches Gehalt, mieser Ruf

Dass ihr Beruf unter zweifelhaftem Image leidet, wurmt viele Krisen-Berater. So sind Restructuring-Experten bei Roland Berger und PWC Deutschland mit Presseauskünften vorsichtig. Schließlich könnte es so aussehen, als bereicherten sie sich an Problemen anderer. Die Idee liegt nicht allzu fern - kassieren Consultants von Branchen-Riesen wie Berger oder KMPG doch oftmals Tagessätze von 20.000 Mark.

Die Frage nach ihrer Erfolgsquote hüten viele Krisen-Manager wie ein heiliges Geheimnis. Andersch von KPMG verrät immerhin, dass die Berater bei mehr als der Hälfte der Fälle die "Sanierungsfähigkeit" diagnostiziert. Oft drehen Banken und andere Finanziers dennoch den Geldhahn zu. Sie weigern sich, zehn, zwölf Millionen in ein Unternehmen zu pumpen, das Jahre lang nur Verluste bringen wird.

Stimmt der Satz "Wenn der Unternehmensberater kommt, fliegen erst mal 30 Prozent der Leute raus"? Noch ein Klischee, ärgert sich Andersch. Fast immer werde am Personal gespart, aber selten in dieser Größenordnung. Wichtiger seien die Strategie-Beratung oder die Portfolio-Bereinigung - der Rückzug von Unternehmensfeldern, die nie Gewinne abgeworfen haben.

In der Regel rücken die Consultants zu viert oder fünft an, erstellen Gutachten - und achten als "Wachhund" darüber, dass ihre Verbesserungsideen auch umgesetzt werden. Wenn die bisherigen Manager die Kurve nicht aus eigener Kraft kriegen, ruft KMPG die "Herren mit den grauen Schläfen": Eigentlich pensionierte Top-Manager, die für zwei Jahre den Retter für die Notleidenden spielen.

Job-Killern ist ihr Image egal

Dass sogar professionelle Krisenberater die Krise spüren können - das zeigt die Münchener Niederlassung der amerikanischen Beratungsdienstes Ketchum. Auch er hilft Firmen, durch stürmische Gewässer zu steuern. Aber nicht, indem sie neue Geldgeber sucht, Gutachten für Personalabbau schreibt - sondern indem sie die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit verfeinert. "Proaktive Medienarbeit in einer akuten Unternehmenskrise" heißt das im Berater-Jargon.

So suchten die Ketchum-Leute für Burger King Wege aus dem Publicity-Tief, in das die Fast-Food-Kette nach der BSE-Krise abgerutscht war. Das allerdings war eine Krise, die von außen kam - keine hausgemachte.

Eine regelrechte "Verweigerungshaltung" gegenüber Image-Beratung macht Jochen Leufen, Associate Direcor bei Ketchum, dagegen bei Unternehmen aus, in denen es wegen Managemant-Fehlern kriselt - oder wegen eines Kaufstreiks der Kunden.

Noch kein Phoenix in der Asche

Wer 500 oder 1000 Leute entlassen will, wer das Weihnachtsgeld streicht, der gibt kein Geld für Werbung oder für eine Schulung aus - nur damit die Unternehmenssprecher gewandter auftreten. "Solche Firmen nehmen die schlechte Presse billigend in Kauf", meint Leufen. Augen zu und durch.

Eine seltene Ausnahme: Als die Kleiderkette C&A sämtliche Filialen in Großbritannien dicht machte, rief sie Ketchum in London an. Tenor: "Wir haben schlimme Dinge zu verkünden - und brauchen dafür Unterstützung."

In Hoffnung auf freudvollere Zeiten hat Ketchum allerdings schon ein Beratungspaket namens "Phoenix" geschnürt. Das Programm richtet sich an PR-Referenten von Firmen, die aus der Stagnation herausgekommen sind, mit denen es bergauf geht. Diese "Auferstandenen" will Ketchum lehren, wie sie auf die Medien zugehen - und wie sie ihre "Turnaround-Story" werbewirksam verpacken.

Bisher hat die Agentur ihren Phoenix-Service noch nicht verkauft. Nicht ein einziges Mal. Der Markt sei einfach noch nicht da, glaubt Leufen. Doch wenn auf den Konjunktur-Abschwung der Aufstieg folgt, wird auch in der Beratungsbranche wieder alles anders.