US-Banken Am Holocaust verdient
New York - Eine vom US-Kongress eingesetzte "Presidential Advisory Commission" wird am 16. Januar, vier Tage vor dem Amtsende von Bill Clinton, in Washington ihren Bericht vorlegen. Die Kommisson hat in den letzten zweieinhalb Jahren untersucht, wo Schmuck, Wertsachen, aber auch Gelder von Holocaust-Opfern geblieben sind, die vor 1939 von den Betroffenen in die USA gebracht wurden oder aber von amerikanischen Soldaten nach Kriegsende geplündert wurden.
Das öffentliche Augenmerk richtete sich bislang auf Gemälde in amerikanischen Museen. Interessanter ist aber, was aus so genannten nachrichtenlosen Konten auf US-Banken wurde, deren Inhaber ermordet wurden, ohne Erben zu hinterlassen. Nur gut 20.000 jüdische Flüchtlinge hatten es in die USA geschafft, Hunderttausende hatten jedoch Visa beantragt. Viele davon hatten Geld vorausgeschickt - wer mittellos war, den hätten die Behörden kaum eingelassen.
Dem Bericht der Volcker Commission, die von 1997 bis 1999 nach nachrichtenlosen Konten bei Schweizer Banken gefahndet hat, lässt sich entnehmen, dass europäische Juden ungefähr eine Milliarde Dollar in die USA haben retten können. Dies wäre heute zehnmal so viel wert. Ein Teil davon wurde von der US-Regierung nach 1945 dafür verwendet, Kriegsschäden deutscher Tochtergesellschaften von US-Firmen zu bezahlen.
Eine zweite, private Kommission befasst sich im Auftrag des World Jewish Congress ebenfalls seit zweieinhalb Jahren mit der Rolle der Chase Manhattan Bank, die zur Nazizeit ihre Europazentrale im besetzten Paris hatte. Ob und wann von dieser Kommission ein Bericht zu erwarten ist, steht jedoch in den Sternen.
Während die Rolle von Chase schon verschiedentlich debattiert wurde, sind die verschollenen Gelder jüdischer Flüchtlingen auf amerikanischen Banken in den USA jedoch bisher kein Thema. Nach dem Bericht der Volcker Commission konnten die europäischen Juden insgesamt drei Milliarden Dollar ins Ausland retten. Das Gros davon ging in die Schweiz und die USA, an dritter Stelle wird England genannt. Die USA haben als "safe haven" gegolten. Selbst Schweizer Banken hätten aus Sicherheitsgründen Gelder ins Ausland ausgelagert, allein zwischen 1937 und 1941 eine halbe Milliarde Franken.
Insbesondere holländische, französische und polnische Juden hätten versucht, ihr Geld in den USA in Sicherheit zu bringen, aber auch deutsche Juden, die nach Frankreich emigriert waren und in die USA weiterreisen wollten. Allein aus Holland, Frankreich und Polen flossen dem Volcker-Bericht zufolge bis zu 900 Millionen Dollar in die USA. Eine der führenden holländischen Banken, Mender Gans, riet ihren jüdischen Kunden bereits 1937, Konten in den Staaten zu eröffnen. Um einer möglichen späteren Beschlagnahme zu entgehen (die USA hatten während des Ersten Weltkriegs Konten von Angehörigen so genannter feindlicher Nationen eingezogen), wurden viele dieser Gelder via Curacao transferiert. Somit war die Quelle des Geldes nicht mehr nachzuvollziehen.
Seymour Rubin, damals Mitarbeiter des State Department, hatte in den fünfziger Jahren versucht, die Gelder von Holocaust-Opfern vor dem Zugriff des US-Fiskus zu retten - mit wenig Erfolg. "Weder die Banken noch die Regierung waren sehr kooperativ", erinnert er sich. Es sei damals nicht populär gewesen, Gelder an europäische Flüchtlinge zu zahlen. Rubin gelang es, bei mehreren New Yorker Banken insgesamt sechs Millionen Dollar aufzuspüren, der US-Kongress bewilligte aber nur die Auszahlung von 500.000 Dollar. Diese gingen an jüdische Organisationen, die das Geld für Wohlfahrtszwecke verwandten.
Einzelnen Überlebenden gelang es später, ihr Guthaben auf dem Klageweg wiederzubekommen. Aber das Geld von ermordeten Juden, die keine Erben hatten oder deren Erben von dem Depot nichts wussten, blieb in den USA - jedoch nicht unbedingt bei den Banken. Nach dortigen Gesetzen gehen Konten, nach denen fünf Jahre lang niemand fragt, in den Besitz des Staates über, in dem die Bank liegt. Zu den Aufgaben der Presidential Advisory Commission hatte es gehört, diese Gelder wieder aufzuspüren. Was das betrifft, ist Rubin eher skeptisch. "Ich glaube nicht, dass die Kommission sehr viel mehr getan hat, als in der Federal Reserve Bank nach Raubgold zu suchen oder in Museen nach Gemälden", sagt er. "Dabei hätten die in Bundesstaaten nachfragen sollen, wo es schon vor dem Krieg große jüdische Gemeinden gegeben hat, Florida, Kalifornien, New York oder Illinois."
Hingegen versichert David Glasner von der Commission, man habe nach nachrichtenlosen Konten gesucht, könne aber vor Veröffentlichung des Berichts keine Details bekannt geben. Wie viel Geld nun tatsächlich an die Eigentümer oder deren Erben zurückgehen wird, steht in den Sternen. Die Schweizer Banken hatten auf Druck des World Jewish Congress rund 1,25 Milliarden Dollar bezahlt. Dessen Sprecher Elan Steinberg erwartet jedoch von amerikanischen Banken keine derart hohe Summe. "Wir wollen vor allem wissen, was geschehen ist", sagt er. Das Problem bei den amerikanischen Banken sei Schlamperei, nicht böser Wille, die Unterlagen seien einfach nicht sorgfältig genug aufgehoben worden. "Es geht um moralische Restitution, nicht um finanzielle", sagt Steinberg.