US-Esskultur: Die Go-go-Gourmets - DER SPIEGEL
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US-Esskultur Die Go-go-Gourmets

Eine wachsende Zahl von Menschen nimmt ihre Mahlzeiten im fahrenden Auto zu sich. Der gefährliche Trend wird von der Industrie durch entsprechende Produkte nach Kräften gefördert. Die verwegensten kulinarischen Kreationen gibt es im Mutterland des Fast Food, den USA.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Essen während des Autofahrens ist nur etwas für risikofreudige Zeitgenossen. Amerikanischen Studien zufolge wird etwa ein Viertel aller Unfälle durch Fahrer verursacht, die abgelenkt sind - vom Handy, vom Streit mit dem Beifahrer oder von Chilisoße, die bei 150 Sachen aufs Hemd tropft.

In Deutschland sind durch Nahrungsmittel verursachte spektakuläre Unfälle eher noch die Ausnahme. Anders in den USA, wo viele Menschen praktisch in ihrem Wagen leben. Dort hat das Phänomen inzwischen erschreckende Ausmaße angenommen. Bis zu zehn Prozent aller Mahlzeiten nehmen die Amerikaner inzwischen im Auto zu sich, Tendenz steigend. 69 Prozent aller Verkehrsteilnehmer, schätzt die National Higway Traffic Safety Administration (NHTSA), essen im fahrenden Wagen.

Gegen mindestens einen Verkehrsteilnehmer hat die amerikanische Justiz bereits eine Unterlassungsverfügung ausgesprochen. Die verbietet es dem Serientäter, innerhalb seines Fahrzeugs Nahrungsmittel mit sich zu führen. Auch deutsche Autohersteller können von den Essgewohnheiten der Amerikaner ein Liedchen singen: Sie bauen in die US-Versionen ihrer Modelle bereits seit Jahren serienmäßig Kaffeetassenhalter (Cup Holder) ein, weil die für amerikanische Kunden mindestens ebenso wichtig sind wie ein vernünftiges Triebwerk.

Die Coke war ihr Schicksal

Hamburger: Auf Platz Fünf der Liste. Grundsätzlich gilt: Je teurer der Burger, desto mehr Soße, Zwiebeln und Extras, desto höher die Unfallwahrscheinlichkeit.

Hamburger: Auf Platz Fünf der Liste. Grundsätzlich gilt: Je teurer der Burger, desto mehr Soße, Zwiebeln und Extras, desto höher die Unfallwahrscheinlichkeit.

Chili: Platz Vier. Der natürliche Feind des Autofahrers. Sowohl das klassische Chili als auch Chili Dogs oder ähnliche Produkte haben die Angewohnheit, sich auf Hosen, Hemden oder Sitzen zu verteilen. Chili erfordert mehr Auge-Hand-Koordination, als die meisten Autofahrer besitzen.

Chili: Platz Vier. Der natürliche Feind des Autofahrers. Sowohl das klassische Chili als auch Chili Dogs oder ähnliche Produkte haben die Angewohnheit, sich auf Hosen, Hemden oder Sitzen zu verteilen. Chili erfordert mehr Auge-Hand-Koordination, als die meisten Autofahrer besitzen.

Foto: AP
Tacos: Platz Drei. Diese mexikanischen Röllchen lösen sich häufig ohne Zutun des Essers auf. Ein Loch im Asphalt reicht aus, um den Innenraum eines Wagens in eine Salatbar zu verwandeln.

Tacos: Platz Drei. Diese mexikanischen Röllchen lösen sich häufig ohne Zutun des Essers auf. Ein Loch im Asphalt reicht aus, um den Innenraum eines Wagens in eine Salatbar zu verwandeln.

Suppe: Platz Zwei. Nur ein Schwachkopf würde versuchen, während des Autofahrens eine heiße Brühe zu sich zu nehmen. Glaubt man dem Versicherer Hagerty, gibt es eine ganze Menge davon. Suppe im Auto, so die Experten, ist ein "Rezept für Desaster".

Suppe: Platz Zwei. Nur ein Schwachkopf würde versuchen, während des Autofahrens eine heiße Brühe zu sich zu nehmen. Glaubt man dem Versicherer Hagerty, gibt es eine ganze Menge davon. Suppe im Auto, so die Experten, ist ein "Rezept für Desaster".

Foto: GMS
Kaffee: Platz Eins, Kaffe ist die häufigste Ursache von Autounfällen mit Nahrungsmitteln. Besonders Kaffeebecher ohne Deckel führen häufig zu Katastrophen. Verbrennung an den Händen, im Gesicht oder an den Geschlechtsteilen sind keine Seltenheit. Viele Unfälle mit Kaffee passieren laut Hagerty dann, wenn besudelte Fahrer versuchen, sich die Cappucino- oder Latte-Spritzer von der Kleidung zu wischen.

Kaffee: Platz Eins, Kaffe ist die häufigste Ursache von Autounfällen mit Nahrungsmitteln. Besonders Kaffeebecher ohne Deckel führen häufig zu Katastrophen. Verbrennung an den Händen, im Gesicht oder an den Geschlechtsteilen sind keine Seltenheit. Viele Unfälle mit Kaffee passieren laut Hagerty dann, wenn besudelte Fahrer versuchen, sich die Cappucino- oder Latte-Spritzer von der Kleidung zu wischen.

Foto: DDP

Hagerty Insurance, ein US-Autoversicherer, sah sich unlängst gar veranlasst, eine "Liste der zehn gefährlichsten Nahrungsmittel, die man bei Autofahren essen kann", herauszugeben. In dem Ranking finden sich all die Dinge, die man in Drive-Thru-Restaurants oder Snackbars "für unterwegs" kaufen kann: Softdrinks, Doughnuts, Hot Dogs und diverse andere Fettfinger würden die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls drastisch erhöhen, so der Versicherer.



Klicken Sie auf ein Bild, um sich die für Autofahrer gefährlichsten Nahrungsmittel anzuschauen



Laut der Hagerty-Studie ereignen sich die meisten Ess-Unfälle morgens, wenn halb Amerika mit Doughnuts und Kaffeebecher zur Arbeit fährt. Als besondere Risikogruppe hat die Untersuchung Autos ohne Automatik ausgemacht - wer gleichzeitig essen und schalten möchte, muss schon seine Knie benutzen, um das Lenkrad halbwegs unter Kontrolle zu halten. Häufig geht das nicht gut.

Selbst jene, die nicht ganz schnell irgendwo hin müssen, futtern häufig im Wagen. "Vor einiger Zeit bin ich mittags zum Essen zu einem Plaza in der Nähe gegangen, wo es nicht weniger als sechs verschiedene Restaurants gibt", erzählt Cathy Doherty, Anwältin aus Pennsylvania. "Plötzlich fiel mir auf, dass die Restaurants alle ziemlich leer waren - dafür war der Parkplatz voll von Leuten, die in ihren Autos saßen und verstohlen auf ihren Chicken McNuggets herumkauten. Das ist erbärmlich."

Die Achse des gastronomischen Terrors

Die Industrie hat auf das eigenwillige Essverhalten der US-Konsumenten reagiert und fördert es nach Kräften. Seit 1975 in Arizona der erste McDonald's Drive-Thru eröffnete (Slogan: "So überleben Sie in der Wüste"), arbeiteten die großen Nahrungsmittelkonzerne daran, technisch immer ausgefeiltere und kulinarisch immer verwegenere Produkte für die Fahrt zu entwerfen.

Eine steigende Zahl von Snaks wird in möglichst handlichen und leicht konsumierbaren Portionspackungen angeboten. Warum? Erstens, weil dies offenbar den Wünschen der Verbraucher entspricht. Zweitens, weil es den Umsatz fördert: Studien haben ergeben, dass der Verbraucher insgesamt mehr isst, wenn er die Nahrung im Single-Format serviert bekommt.

Vorreiter der Bewegung ist die Kette 7-Eleven, die Supermärkte mit angeschlossenen Snackbars betreibt. Das Unternehmen hat sich sogar den Begriff "Dashboard Dining" - zu deutsch etwa: Speisen auf dem Armaturenbrett - schützen lassen. Als bisherigen Höhepunkt in der Evolution mobiler Mahlzeiten präsentierte das Unternehmen Ende Mai diesen Jahres den Go-Go-Taquito. 16 Monate hat die Entwicklungsabteilung des Unternehmens daran gebastelt.



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Das einem gerollten Tortilla ähnelnde Fertigprodukt ist eine Art Quadratur des Kreises. Denn nichts lässt sich im Auto schlechter verzehren als mexikanisches Essen: "Tacoschalen zerbröseln ..., aus Burritos läuft die Füllung heraus und tropft einem in den Schoß, für Enchiladas benötigt man eine Gabel, ganz zu schweigen von den Schrecken der Bohnenpaste", meint der bei 7-Eleven für Nahrungsmittel zuständige Vizepräsident Des Hague. Ähnlich sehen es die Experten von Hagerty: Ihrer Studie zufolge sind Tacos eines jener wenigen "Nahrungsmittel, dass sich von selbst in seine Bestandteile auflöst".

Vorsprung durch Taco-Technik

So gesehen hat die auf mexikanisches Essen spezialisierte Fastfoodkette Taco Bell einen inhärenten Wettbewerbsnachteil gegenüber McDonald's oder Kentucky Fried Chicken. Die Entwicklungsabteilung des Unternehmens versucht das Problem dadurch zu lösen, dass sie die Schalen ihrer Tacos robuster gestaltet und die Cheddar-Raspeln vergrößert - dann versauen sie nicht so leicht die Sitze.

Auch andere von Natur aus sperrige Produkte werden gnadenlos zerstückelt und autotauglich gemacht: Die nach eigenen Angaben größte Hotdog-Kette der Welt, Wienerschnitzel (sic!), hackt ihre Würstchen neuerdings in kleine Brocken und bietet sie als Chicken Hot Dog Nuggets an.

Burger King (BK) hingegen hat es auf die viel versprechende Frühstück-im-Auto-Fraktion abgesehen. Seit einiger Zeit bietet das Unternehmen seinen French Toast (vergleichbar mit Arme Ritter) in Stäbchenform an, damit er sich besser einhändig verzehren lässt. In Deutschland hat BK kürzlich die an eine türkische Pizza erinnernden Wraps ins Sortiment genommen - auch die lassen sich prima auf der Autobahn runterschlingen.

Auf dem Knabbersektor kämpfen die zum Pepsi-Konzern   gehörende Firma Frito-Lay (Doritos', Lay's) und Procter & Gamble's   Chipsmarke Pringles um die Vorherrschaft unter den Auto-Snackern. Frito-Lay hat unlängst die so genannten Go Snacks eingeführt - wieder verschließbare Plastikbecher mit Miniversionen seiner beliebtesten Chips-Produkte. Damit hofft das Unternehmen, endlich gegenüber der Marke Pringles aufzuholen. Letztere hat nämlich einen unschlagbaren Wettbewerbsvorteil: Die Pringles-Packung passt genau in den Cup Holder.