Wal-Mart Der Koloss als Sprint-Weltmeister
Bentonville - Es war wie ein Adelsschlag für einen Spross des Proletariats. Die amerikanischen Berater von McKinsey brachten Mitte Oktober eine Studie heraus, die mit einem letzten, zähen Mythos der Internet- und IT-Branche aufräumte. Nicht die Dot.coms, die Computer-Bauer und Telekom-Ausrüster seien es gewesen, die den Amerikanern in den vergangenen fünf Jahren Wachstum, Wohlstand und vor allem eine stetig steigende Produktivität ihrer Wirtschaft beschert hatten. Im Gegenteil.
Die wichtigere Ursache für das Produktivitätswunder - McKinsey fand sie zwischen Supermarkt-Regalen mit Cornflakes, in Liefer-Lastkraftwagen mit Blumentöpfen und in einer mit Billigmöbeln eingerichteten Konzernzentrale im Südstaaten-Kaff Bentonville, Arkansas. Der Einzelhandel, allen voran Branchenprimus Wal-Mart, hätte mit innovativen Management-Methoden weit mehr dazu beigetragen, die Produktivität der US-Wirtschaft zu steigern als die Amazons, Hewlett-Packards und Ciscos.
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Wal-Mart, der Triumphator. Mit seinen global 4350 Märkten, rund einer Million Beschäftigten und einem Aktienwert, der steiler klettert als die Kurskurve des S&P-500-Index, steht das weltweit größte Einzelhandelsimperium nahezu unangreifbar da. Der Börsenwert des Giganten liegt inzwischen 76 Mal höher als der des früheren Intimfeindes Kmart. In diesem Geschäftsjahr wird Wal-Mart als einziger US-Discounter mit einem mehrfachen Milliarden-Gewinn glänzen. Nicht zum ersten Mal.
75.000 neue Jobs in einem Jahr
Während die anderen Einzelhändler unter der Rezession ächzen, scheint für Wal-Mart eine neue Sternstunde gekommen. Schon einmal hat das Unternehmen eine Krise, die der frühen Reagan-Jahre, dazu genutzt, den Wettbewerbern eine Lektion in Sachen Effizienz und Kundenfreundlichkeit zu erteilen. Und während die Filial-Manager im Nach-Terror-Amerika die Sternenbanner aufhängen lassen, treibt die Rezession die Kunden wieder einmal zum Markt mit den kleinsten Preisen.
Im frühen Weihnachtsgeschäft lockte Wal-Mart mit DVD-Playern für 74, Farbfernsehern für 84 und Kinderrädern für 25 Dollar. Fast kein Wunder, dass die Kette da mitten in der Wirtschaftsflaute Rekorde zum Purzeln bringt. Am 23. November machten alle Filialen an einem einzigen Tag erstmals mehr als eine Milliarde Dollar Umsatz. Im dritten Geschäftsquartal, das am 31. Oktober endete, steigerte Wal-Mart seinen Einnahmen um 15 Prozent, die Profite kletterten ebenfalls - wenn auch leicht unterproportional um acht Prozent.
Diese Strategie, im Kampf um Marktanteile Gewinne zu opfern, werde sich "eindrucksvoll auszahlen", wenn die Wirtschaft 2002 wieder Touren kommt, urteilen die Analysten von Bear Stearns in einer aktuellen Studie. Kmart jedenfalls meldete im dritten Quartal einen Umsatzrückgang von 2,2 Prozent, die teure Modekette GAP verlor gegenüber dem Vorjahresquartal gar 17 Prozent.
Wal-Mart mag zum Koloss gewachsen sein, aber seine Angriffslust hat nicht gelitten. Firmengründer Sam Walton, der wahrscheinlich geizigste und lange Zeit der reichste Mann der USA, hat seine Kette bis zu seinem Tod 1992 auf eine Philosophie des ewigen Wachstums eingeschworen. 2002 wird Wal-Mart-CEO H. Lee Scott Jr., erst der dritte Chef in der Firmengeschichte, seinem Imperium mehr Verkaufsfläche hinzufügen als jemals zuvor. Allein in den USA werde Wal-Mart im kommenden Jahr 75.000 neue Mitarbeiter einstellen, glaubt Daniel D. Barry von Merrill Lynch.
Lesen Sie im zweiten Teil, was Sam Walton mit Bill Gates gemeinsam hat, wie Wal-Mart durch Satelliten-Funk seine Kosten drückt und wie frühere Angestellte gegen den Konzern rebellieren.
Weltweit will Wal-Mart im nächsten Jahr 440 neue Zweigestellen hochziehen, sogar in der chinesischen Hauptstadt. Wal-Mart ist zum Botschafter der US-Kultur geworden, mit ihren beindruckenden wie abstoßenden Zügen. In seinem Buch "In Sam We Trust" hat der Wirtschaftsjournalist Bob Ortega Wal-Mart zu einem jener Mega-Unternehmen erklärt, die eine ganze Epoche prägen und verformen, so wie Standard Oil, J.P. Morgan, General Motors oder Microsoft. All diese Konzerne wurden von Egomanen gegründet, die durch Charisma auffielen, durch Besessenheit - und einen Mangel an Skrupeln.
Die Anekdoten, die über Konzerngründer Walton im Umlauf sind, füllen Bücher. Immer wieder wird erzählt, dass er sich wegen der Kürze für den Namen Wal-Mart entschied - die Supermarktsschilder würden dadurch billiger. Den Chef des Konsumgüterkonzerns Procter & Gamble chauffierte Walton in einem beuligen, uralten Pick-up-Truck durch Bentonville. Das Geld für gelegentliche Einkäufe unterwegs oder einen Anruf aus der Telefonzelle lieh er sich gern bei Untergebenen. Wie der Chef, so die Firma: Noch heute teilen auch Spitzenmanager sich bei Geschäftsreisen ein Doppelzimmer im Hotel.
- www.walmart.com
- Firmen-Informationen über Wal-Mart
- Das Forum der Gegner
- Negativ-Nachrichten über Wal-Mart
Dieses Image des knauserigen Hinterwäldlers überdeckt allzu leicht, wo Waltons entscheidende Stärken lagen. Beim Bestreben, immer den billigsten Preis anzubieten und die Effizienz zu heben, griff er auf alle Kniffe der Technik zurück.
Während die Filialleiter bei Kmart ihre Bestellbögen noch mit dem Kugelschreiber ausfüllten und per Post an die Zentrale schickten, hatte Wal-Mart schon 1977 sämtliche Filialen per Computer vernetzt. Ab 1983 baute Wal-Mart das größte private Satellitenfunk-System der USA auf, jeder Markt wurde mit einem Sendestudio ausgerüstet. So konnte Sam Walton, in seinen Uni-Zeiten Laienprediger, seine pathetischen Motivationsreden an die gesamte Belegschaft ausstrahlen. Doch auch die exakte Position der Liefer-Lkw lässt sich so verfolgen. Wenn sich ein Lastwagen um fünfzehn Minuten verspätet, müssen die Mitarbeiter nicht unnütz zu früh an der Entladerampe stehen. Wieder sind ein paar Dollar Lohnkosten gespart.
Die Kauf-Unlust der Teenager
Die Auswertung von Daten, die mit Strichcode-Scannern an den Kassen gewonnen werden, hat Wal-Mart fast zur Geheimwissenschaft ausgebaut. Verkauft sich die Bettwäche besser, wenn sie weit weg von der Heimwerker-Abteilung liegt? Bevorzugen schwarze Unterklassefrauen in Louisiana andere Zahncreme als Farmer in Montana? Die Einkaufs-Experten finden die Antworten, wenn sie die Kassen-Daten auswerten.
Wie lange Wal-Mart weiter wachsen, wachsen und wachsen kann, darüber streiten die Experten. Schon mehrfach prophezeiten Analysten den Beginn der Stagnation. Wal-Mart habe doch auf jeder grünen Wiese bei jeder viel versprechenden US-Kleinstadt einen seiner fensterlosen Einkaufsklötze hochgezogen. Der Vorstoß in die Nähe der Großstädte werde weitaus mühsamer.
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Heute sind die Banker vorsichtiger mit Negativ-Szenarien. "Diese Aktien sind ein fantastischer Ort, um derzeit Geld zu parken", jubelt etwa Bruce Wissett von Morgan Stanley Dean Witter. Von 24 Analysten, die das Unternehmen untersuchen, raten 20 zum Kauf, vier zum Halten der Aktie. Daniel Barry von Merrill Lynch glaubt, dass Wal-Mart seine Erträge in den nächsten fünf Jahren um jährlich 15 Prozent steigert.
Dass Wal-Mart in seinem einzigen Sorgen-Land Deutschland frühestens 2003 die Gewinnschwelle erreichen wird - der Konzern wird es dank seines Riesen-Cashflows von neun Milliarden Dollar jährlich locker wegstecken. Gefährlicher könnte werden, dass sich Teenager immer seltener in seine Verkaufszentren verirren. Wal-Mart, eine Kaufhalle für Leute ab 30? Mit modischen Marken für Kleidung und Parfüm, die nur bei Wal-Mart verkauft werden, versucht der Konzern gegenzusteuern.
Der Multimilliardär geht spionieren
Die eigentliche Achillesferse ist für Walt-Mart wie bei Microsoft das Image. Auf Internet-Seiten wie www.walmartwatch.com und www.walmartyrs.com sammeln ehemalige Angestellte und Gewerkschafter Negativnachrichten über den Konzern. Seinen Mitarbeitern zahlt das Unternehmen teils Niedrigstlöhne von vier bis zehn Dollar die Stunde. Und das, obwohl die Bosse bei den mit Country-Musik und pathetischen Reden zelebrierten Hauptversammlungen gerne den Mythos der großen "Wal-Mart-Familie" pflegen. Mit teils erpresserischen Strategien hat der Konzern verhindert, dass sich Angestellte gewerkschaftlich organisieren.
Allein im letzten Jahr wurde Wal-Mart in den USA 5000 Mal im Jahr verklagt, nur die US-Regierung schaffte einen höheren Wert. Und immer wieder muss sich der Discounter vorhalten lassen, dass die in amerikanischen Regalen verkaufte Kleidung durch Kinderarbeiter in Mittelamerika und Asien angefertigt wird - die Kehrseite der Dauertiefpreisgarantie.
Als sich Sam Walton in den achtziger Jahren wegen der neuen Konkurrenz durch Großhandelsmärkte sorgte, schlich er sich in "Price Clubs" in Kalifornien ein, um zu spionieren. Mit einem kleinen Kassettenrekorder bewaffnet lief der Multimilliardär zwischen den Regalen umher. Gute Ideen, die er kopieren wollte, flüsterte er auf sein Tonband. Auch als ihn ein Filialleiter ertappte, ließ sich Sam Walton nicht einschüchtern.
Solange diese Mixtur von Geiz, Besessenheit und Rücksichtslosigkeit in der Firmenkultur von Wal-Mart weiterlebt, wird der gelenkige Koloss weiter von Erfolg zu Erfolg eilen.