Weltkonjunktur: Märkte vorerst stabil - DER SPIEGEL
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Weltkonjunktur Märkte vorerst stabil

Nach den dramatischen Vorfällen in New York geht die Angst vor eine weltweiten Rezession um. Ölpreis und Dollarkurs zeigen sich jedoch zunächst robust.
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Wien/New York/Berlin/Brüssel - Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Wim Duisenberg, hat längerfristige Konsequenzen der Anschläge in den USA auf die Finanzmärkte nicht ausgeschlossen. "Es ist allerdings noch viel zu früh zu sagen, welche Konsequenzen dies sein könnten", sagte Duisenberg am Mittwoch vor dem Ausschuss des Europäischen Parlaments für Wirtschaft und Währung in Brüssel. Für Europa seien die Folgen aber eher begrenzt. Eine Rezession erwarte er nicht.

Der Generalsekretär der Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) Ali Rodriguez sicherte bereits am Dienstagabend zu, dass die Erdölförderländer die Märkte auch weiterhin ausreichend mit Öl versorgen werden. Die Mitglieder der Organisation seien darauf vorbereitet, ihre Produktionsreserven einzusetzen, falls dies nötig sei. Alle Mitglieder seien der Marktstabilität verpflichtet und würden eine ausreichende Marktversorgung gewährleisten, betonte Rodriguez.

Zur Eröfffnung des Handels am Mittwoch kostete ein Barrel (159 Liter) der richtungweisenden Nordsee-Ölsorte Brent 29,10 Dollar. Am Dienstag hatte der Ölpreis zwischenzeitlich um rund drei Dollar angezogen, war aber nach den Äußerungen von Rodriguez wieder um zwei Dollar zurückgegangen.

Am Devisenmarkt konnte sich der Dollar wieder stabilisieren. Am Dienstag war der Euro nur kurzzeitig von 0,8970 Dollar auf ein Tageshoch von 0,9170 Dollar gesprungen. Am Mittwochmorgen pendelte die Gemeinschaftswährung um Kurse von 0,903 Dollar. Die amerikanische Notenbank bat die Marktteilnehmer darum, den Handel mit Dollar einzuschränken.

USA: Rezessionsangst geht um

Unterdessen wachsen die Befürchtungen, die US-Wirtschaft könne nach dem Anschlag in einen Abschwung rutschen. Die US-Wirtschaft werde "wahrscheinlich in eine Rezession geraten", sagte ein Devisenanalyst einer britischen Bank unter Hinweis auf die Invasion des Irak in Kuweit im August 1990 als Auslöser der letzten Rezession in den USA. Er sieht die Märkte weltweit in einer Phase "extremer Nervosität, Volatilität und Ungewissheit". "Das war ein Schlag für das Vertrauen in das Finanzsystem und in die kapitalistische Welt", sagte Alan Beaney, Fondsmanager beim Investmenthaus Principle Investment Management. "Dies ist das, was uns vielleicht in die Rezession stürzen wird", sagte die Chefökonomin des Investmenthauses Zurich Scudder Investments.

Goldman Sachs hat mit Blick auf die Terroranschläge in den USA seine Anlagestrategie für europäische Aktien umgekrempelt. Die Analysten betonten, dass die Anschläge sich negativ auf das Verbraucherverhalten und das Geschäftsklima auswirken könnten. Damit könnte auch die Konjunktur in Mitleidenschaft und der Aufschwung verzögert werden. Die Experten richten ihre Portfolio-Strategie aus diesem Grund konservativer aus.

Zu den Sektoren, die am härtesten von den Geschehnissen betroffen sein dürften, rechnen die Analysten Fluggesellschaften, das Hotelgewerbe, die Freizeitindustrie und den Einzelhandel.

Die US-Notenbank Federal Reserve versicherte, dem Bankensystem vor dem Hintergrund der Terroranschläge zusätzliche Liquidität bereitzustellen, sofern dies nötig werden sollte. Die Fed sei voll funktionsfähig und in der Lage, zusätzliche Liquiditätserfordernisse zu bedienen. Der Präsident der Federal Reserve von New York, William McDonough, unterstrich, dass alles getan werde, um auch angesichts der Anschläge den normalen Geschäftsgang aufrechtzuerhalten. Auch die Europäische Zentralbank versicherte, dass sie eine ausreichende Liquiditätsversorgung sicherstellen werde.

Die Fed, die den stotternden Konjunkturmotor seit Anfang des Jahres mit bereits sieben Zinssenkungen zu zünden versuchte, werde die Zinszügel jetzt mit Sicherheit weiter lockern, sagten Experten voraus, vermutlich noch vor der nächsten Sitzung im Oktober. Im Fernsehen forderten Ökonomen die US-Regierung auf, die Staatskassen zu öffnen.

Sorge um die Psyche der Amerikaner

Beobachter fürchten vor allem den psychologischen Effekt der Terrorattacken. Die Entwicklung der US-Konjunktur steht und fällt mit den Verbrauchern. Sie tragen mit ihren Ausgaben zwei Drittel der amerikanischen Wirtschaft. "Weil die US-Behörden weitere Anschläge nicht ausschließen können, werden die Verbraucher hier und im Ausland tief verunsichert", sagte der Chefökonom des Investmentberaters Banc One, Anthony Chan. Schon der unerwartete Sprung bei der amerikanischen Arbeitslosenquote von 4,5 auf 4,9 Prozent hatte Ökonomen vergangene Woche alarmiert. Die unablässigen Massenentlassungen großer US-Unternehmen schlugen nicht nur auf die Quote durch, sondern auch auf das Gemüt der Verbraucher.

Mit der Schließung sämtlicher amerikanischer Flughäfen kam der Personen- und Güterverkehr am Dienstag praktisch zum Erliegen. Die Kosten für die Luftfahrtindustrie, aber auch die Unternehmen dürfte in die Milliarden gehen. Mitarbeiter waren in fernen Städten gestrandet, Geschäftstreffen wurden abgesagt, Hunderttausende Tonnen von Gütern steckten fest.

Deutschland: Eichel warnt vor Katastrophenstimmung

Bundesfinanzminister Hans Eichel bezeichnete Spekulationen über Rezessionsgefahren als "Quatsch". Er warnte vor solchen negativen Vorhersagen: "Die größte Gefahr sind nun die selbst ernannten Katastrophenpropheten." Auch der Chef-Volkswirt der Commerzbank, Ulrich Ramm, geht davon aus, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen der Terroranschläge nur von kurzer Dauer sein werden. "Unabhängig davon, wie die USA auf die Terroranschläge antworten, zählen an der Börse politische Ereignisse nur begrenzte Zeit", sagte er.

Börsenexperte Gottfried Heller rechnet nach den verheerenden Terroranschlägen in den USA nicht mit einer Weltwirtschaftskrise. Die Notenbanken in den USA, Europa und Japan würden die Märkte mit Liquidität fluten, sagte Heller am Mittwoch in einem dpa-Gespräch in München. Dies werde zunächst die Börsen und später auch die Wirtschaft beflügeln.

"Wir werden auf Grund dieser Katastrophe eher ein höheres Weltwirtschaftswachstum haben als ein niedrigeres." Er rechne damit, dass ein Ruck der Solidarität die USA und die Welt erfassen werde. Die Krise beispielsweise der Technologiefirmen werde in den Hintergrund treten. Auch die Globalisierung sei nicht mehr umkehrbar.

Auch 1963 nach der Ermordung von US-Präsident John F. Kennedy seien die Aktienmärkte zunächst eingebrochen, sagte Heller. Schon am nächsten Tag seien die Verluste aber wieder wettgemacht worden. Auch damals habe sich gezeigt, dass die USA durch Attentate nicht in ihren Grundfesten zu erschüttern seien. Wie damals rückten auch jetzt die Menschen in den USA enger zusammen. Zudem gebe es weltweit eine Welle der Solidarität mit den Amerikanern.

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