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Der Evolution nachhelfen

Länder wie die Philippinen wurden von den explodierenden Reispreisen hart getroffen. Ein Reisforschungsinstitut sucht nach einer Lösung des weltweiten Hungerproblems.
• aus SPIEGEL Wissen 3/2009
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn es regnet, steigt der Gestank wie fauliger Nebel aus den Müllbergen. Füllt noch den letzten Winkel dieses desperaten Orts, wabert durch die Wellblechhütten, setzt sich in die Kleider, die Nase, stülpt einem den Magen um. Auch heute hat es wieder geregnet. Der Boden ist ein einziges fliegenumsurrtes Feuchtgebiet - eine morastige, breiige Masse, deren Konsistenz an das Wattenmeer bei Ebbe erinnert; die unter den Füßen schmatzt, wenn man sie überquert; die klebt, als wolle sie einen nicht loslassen.

Mehrmals am Tag quälen sich große Lastwagen durch den Matsch. Unter ihren Vorderrädern spritzt meterweit der stinkende Schlamm. Er trifft die Hütten am Rande der tief in den Abfall eingegrabenen Fahrspur, und er trifft die Menschen, die in diesen Hütten leben, als wolle er sie verhöhnen.

Doch die Menschen scheint das nicht zu stören. Im Gegenteil: Plötzlich strömen sie alle zusammen. Zuerst kommen die tobenden und lachenden Kinder und veranstalten ein Wettrennen. Ihnen folgen die Älteren - gemessenen Schritts kommen sie daher, als gingen sie zur Kirche. Den Abschluss dieser Prozession bilden schließlich die Gebrechlichen und Krüppel; sie humpeln den anderen nach, manche robben über den Müllberg, ziehen wie Amphibien ihre knöcherigen Körper hinter sich her.

Einige Jugendliche haben sich bereits auf die Ladefläche des Mülltransporters emporgeschwungen. Die anderen warten geduldig, bis der Wagen stoppt, und bilden einen Halbkreis um das motorisierte Ungetüm. Unter den Flüchen des Fahrers und begleitet von den Schlägen seiner Begleiter, die allzu vorwitzige Kletterer zu verscheuchen suchen, hebt sich die Ladefläche an, und wie in Zeitlupe wälzt sich ein Berg von Unrat vor die Füße der Wartenden.

Natürlich haben die Kräftigsten als Erste den Hügel erstürmt, gierig stöbern und stochern sie nach Kostbarkeiten. Die anderen folgen routiniert einer oft erprobten Arbeitsteilung. Die einen klauben Flaschen heraus, andere Plastiktüten, Kronkorken, Metallstücke, Fruchtsaftverpackungen, Cola-Dosen, Pappkartons und natürlich Essbares. Was brauchbar ist, wird sortiert, gebündelt, gestapelt, verschnürt und wandert auf neue Berge. Was unbrauchbar ist, bleibt liegen, wird unter den Füßen der Müllmenschen festgestampft, zusammengepresst unter den Rädern der Lastwagen, oder es geht in Flammen auf.

Ein paar tausend Menschen leben in dieser Welt, und seit die Nahrungsmittelpreise vor etwa einem Jahr so rasant gestiegen sind, werden es ständig mehr. Sie nennen ihr Zuhause »Pier 18«; wegen des Hafenabschnitts, an den es grenzt. Manchmal sehen sie stolze Schiffe vorbeigleiten. Schiffe, die den Hafen von Manila anlaufen. Das Zentrum der philippinischen Hauptstadt mit seinen Luxushotels, der Uferpromenade und Villen liegt nur ein paar Kilometer entfernt. Doch die wenigsten Menschen von Pier 18 haben diese Welt jemals betreten.

Seit drei Jahren lebt Jenelyn auf Pier 18; eigentlich kommt sie aus einem Fischerdorf auf der Insel Luzon, im Norden. Doch dort gab es keine Arbeit mehr, nicht für sie und nicht für ihren Mann. »Ihr seid jung und stark, geht nach Manila, dort gibt es für jeden etwas«, drängten die Angehörigen, »hier liegt ihr uns nur auf der Tasche, wir wissen selbst nicht, wie wir überleben sollen.«

Da packten sie ihre Sachen. Aber wohin? Manila ist groß. Manila ist arm. Manila hat genug Probleme. »In Manila warten sie nicht unbedingt auf einen«, sagt Jenelyn. Die Neuankömmlinge landeten auf dem Müll. Jenelyn ist jetzt 24 Jahre alt, aber ihrem Äußeren nach könnte sie mindestens 20 Jahre älter sein. Ihr Körper ist ausgezehrt, bald die Hälfte der Zähne schon ausgefallen, das Haar verfilzt.

Jenelyn lächelt trotzdem. Im Arm trägt sie ihr Baby, Rachel, es ist vier Monate alt. Ihr ältester Sohn ist zwei. Der Mann ist auch noch da, ihre Schwester nachgezogen, als sie hörte, dass man in Manila vom Müll der Reichen besser leben könne als im Heimatdorf vom Fischfang. Fünf hungrige Mäuler also, die gestopft werden müssen.

150 Pesos pro Tag, etwas mehr als zwei Euro, verdient Jenelyn mit dem Müll, den sie an Zwischenhändler verkauft. Bislang konnten sie sich dafür dreimal am Tag etwas zu essen leisten: Reis, ein wenig Fisch, Gemüse. Aber seit im vergangenen Jahr plötzlich die Reispreise explodierten und zwischenzeitlich um 300 Prozent stiegen, weiß Jenelyn oft nicht, wie sie die knurrenden Mägen ihrer kleine Familie füllen soll. Zwar ist das Schlimmste vorbei, aber noch immer befinden sich die Preise auf einem ungewöhnlich hohen Niveau.

»Seit einem Jahr wissen wir kaum noch, wie wir all die schweren Fälle durchbringen sollen«, sagt Gerry De Asis, 40, von der Hilfsorganisation »The Philippine Christian Foundation«, die sich um die Müllsammler kümmert und Speisungen organisiert. »Alles ist so teuer geworden, dass sich die Menschen kaum noch etwas zu essen leisten können.« Eigentlich sollten alle Müllkippen in Manila längst geschlossen sein, doch es gibt kaum staatliche Programme dafür, aber immer mehr Arme.

Asis spricht von einer »Tragödie, die sich anbahnt«. Die Menschen litten an Asthma und Tuberkulose, hätten Atemwegserkrankungen und Lungeninfektionen wegen des ständigen Rauchs und der Bakterien auf der Müllkippe. Fast ein Drittel der Menschen von Pier 18 seien unterernährt, gerade einmal 150 befänden sich in Ernährungsprogrammen.

Asis ist ein notorischer Optimist, ein zupackender Mensch in blauem Polohemd. Seit einem Jahr arbeitet er für die christlichen Helfer der Müllsammler, aber schon seit 20 Jahren in der Entwicklungshilfe. »So schlimm wie jetzt war es nie. Was wir hier tun, ist die reinste Sisyphusarbeit«, sagt der Helfer, in dessen kleinem Büro eine zweibändige Ausgabe griechischer Mythen steht.

»2007 kostete eine Tonne Reis rund 300 Dollar, 2008 waren es bis zu 1180 Dollar, derzeit liegt der Preis immer noch bei rund 550 Dollar«, rechnet der indische Sozioökonom Samarendu Mohanty vom International Rice Research Institute (IRRI) im philippinischen Los Baños vor. »Wenn sich daran nicht irgendwann etwas fundamental ändert, steuern wir auf eine Katastrophe zu.«

Betroffen von dem seit rund zehn Jahren anhaltenden Preisanstieg seien vor allem Länder wie die Philippinen - mit über 90 Millionen Reisessern und einem Verbrauch von über 50 000 Tonnen Reis täglich. Das Land ist der größte Reisimporteur weltweit und langfristig vom Import abhängig - auch wenn die Regierung ehrgeizig verkündet, das Land wolle sich spätestens im Jahr 2013 selbst versorgen können.

Derzeit beobachtet Mohanty auf den Reisbörsen »an einem einzigen Tag Preisschwankungen, wie es sie früher in einem ganzen Jahr gegeben hat«. Das ganze System scheine ins Wanken geraten zu sein. Dem Ölpreisschock folgten Spekulationsblase und Nahrungsmittel-, Kredit- und Weltwirtschaftskrise. Es kam zu einer fatalen Kettenreaktion: In Panik schotten immer mehr Staaten ihre Märkte ab, Länder wie Indien legen riesige Reisreserven an und verknappen damit das Angebot.

»Die gefährliche Mischung aus wirtschaftlichem Abschwung und anhaltend hohen Lebensmittelpreisen hat im Vergleich zum Vorjahr rund hundert Millionen Menschen zusätzlich in Armut und Hunger gestürzt«, erklärte im Juni der Chef der Welternährungsorganisation FAO, Jacques Diouf, und präsentierte schockierende Zahlen.

Danach hungern derzeit über eine Milliarde Menschen weltweit, elf Prozent mehr als noch 2008. Mit Abstand die meisten Menschen, 640 Millionen, sind im übervölkerten Asien betroffen. Doch auch in Afrika leiden 265 Millionen Menschen Hunger, und selbst in Lateinamerika sollen der FAO zufolge immer noch 53 Millionen Menschen zu wenig zu essen haben.

Ein Ende dieses Dramas ist nicht in Sicht. Immer häufiger auftretende Wetterextreme wie Dürren, Fluten oder Hitzewellen dürften ebenso zu einer Verschärfung der Lage beitragen wie die wachsende Weltbevölkerung. Derzeit leben rund 6,8 Milliarden Menschen auf dem Planeten, doch in 40 Jahren werden es nach Schätzungen über 9 Milliarden sein. Will man die alle ernähren, müssten der FAO zufolge bis zum Jahr 2050 die Erträge von Weizen, Mais, Kartoffeln oder Reis verdoppelt werden.

In diesen Zeiten wird nach Los Baños geblickt. Hier, im Reisforschungsinstitut, sind die erfahrensten Reisexperten der Welt versammelt. Los Baños im Umland von Manila verfügt über 250 Hektar Forschungsgelände und eine Saatgut-Sammlung von mehr als 110 000 Reissorten. Das Institut wurde 1960 gegründet - maßgeblich finanziert von der Rockefeller- und der Ford-Foundation, um die Ernährungsprobleme der Welt zu lösen.

Schon einmal konnten die Leute vom IRRI die Menschheit vor einer drohenden Katastrophe bewahren: 1966 entwickelten die Wissenschaftler aus Los Baños die Hochertragssorte IR8 und setzten sich an die Spitze der sogenannten Grünen Revolution. Durch IR8 konnte plötzlich der Ernteertrag verdoppelt, die Ernährungskrise Anfang der siebziger Jahre halbwegs glimpflich überstanden werden.

Nun hoffen die Menschen auf ein ähnliches Wunder. Nach Berechnungen der IRRI-Wissenschaftler müssten weltweit jedes Jahr zehn Millionen Tonnen mehr Reis produziert werden, um die wachsenden Bedürfnisse zu decken. Diese Quote wird seit Jahren nicht erreicht. Viel zu wenig wurde in die Forschung investiert, um nach ertragreicheren, resistenteren Sorten zu suchen. Erst die Turbulenzen auf dem Reismarkt haben die Versäumnisse sichtbar gemacht.

»Die Schere zwischen Bevölkerungswachstum und Nahrungsmittelproduktion geht immer weiter auseinander«, sagt der deutsche Agrarwissenschaftler Achim Dobermann: »Obwohl wir schon seit Jahren warnen, wurde das Thema verschlafen - vielleicht wegen der Erfolge in der Vergangenheit.«

Dobermann, 48, ist Leiter der IRRI-Forschungsabteilung, eine Koryphäe auf seinem Gebiet. In den achtziger Jahren hat der Jenaer in Leipzig »Tropische Landwirtschaft« studiert, zwei Jahre lang in der russischen Region Krasnodar auf großen Reisanbaugebieten geforscht, seine Dissertation über »Die Chemie der Reisfeldböden« geschrieben. Er arbeitete schon von 1992 bis 2000 in Los Baños, lehrte dann bis 2007 an der Universität von Lincoln in Nebraska, USA, ehe er zurück zum IRRI ging.

Dobermann ist kein Schwarzseher, aber er ist Realist. »Eine ganz neue Reissorte zu entwickeln, das dauert ungefähr 15 Jahre«, sagt er. Viel Zeit dürfe man nicht mehr verlieren. Überall in seinem Institut wird daran gearbeitet, wie man die Erträge verbessern und Ausfälle möglichst gering halten, den Pflanzen Toleranzen und Resistenzen gegen Schädlinge und Klimaextreme einzüchten und so neue Reissorten entwickeln kann.

»Es gibt ein riesiges Potential«, sagt Dobermann, »aber es gibt kein Wundermittel, sondern wir müssen eine Kombination verschiedener Maßnahmen anwenden.«

Einig sind sich die meisten darin, dass es weltweit nicht mehr viel Land für zusätzlichen Reisanbau gibt. Zumindest derzeit, denn theoretisch könnte der afrikanische Kontinent allein die gröbsten Versorgungsengpässe stopfen. »In Afrika gibt es alles: Land, Wasser, Sonne - denken Sie nur an den Sudd, dieses riesige Sumpfgebiet im Süden des Sudan«, sagt Samarendu Mohanty, »Afrika könnte den ganzen Markt beliefern.«

Doch solange die Infrastruktur auf dem Elendskontinent desaströs ist, der Erdteil sich auf Entwicklungshilfe statt auf den Warenaustausch verlässt und durchgeknallte Bürgerkrieger ihre Mitmenschen meucheln, bleibt Afrika als Kornkammer des Planeten Erde bloße Phantasterei. Vielversprechender ist es, bisherige Methoden zu verbessern und Mängel zu beseitigen.

Auf 10 bis 30 Prozent schätzen Dobermanns Mitarbeiter etwa die Verluste, die nach der Reisernte entstehen: durch falsche Lagerung, Insekten oder Vögel. Sie haben deshalb einen kostengünstigen Koffer mit einfachen Hilfsmitteln wie Plastiksäcken oder Infrarot-Thermometern entwickelt, was den Reisbauern helfen soll, ihre Verluste zu verringern.

Hoffnung machen auch Erfolge bei der Entwicklung der Reissorte »Swarna Sub-1«, die 17 Tage unter Wasser überleben kann und sich hervorragend für Länder wie Bangladesch oder Indien eignet, die regelmäßig von Überflutungen heimgesucht werden. Und gut voran geht auch die Entwicklung einer Anbautechnik, die für trockene Böden taugt und 25 Prozent weniger Wasser benötigt - was Farmern in Ländern wie Australien, die von regelmäßigen Dürren betroffen sind, helfen könnte.

Ein anderes internationales Projekt hat gerade einen Elf-Millionen-Dollar-Zuschuss von der Bill & Melinda Gates Foundation erhalten, um eine Reissorte zu kreieren, die, anders als herkömmlicher Reis, die sogenannte C4-Fotosynthese praktiziert. Die Fotosynthese ist bei C4-Pflanzen um rund 50 Prozent effizienter als bei C3-Pflanzen wie Reis. Ein paar tausend Arten wie Mais, Hirse oder Zuckerrohr haben sich im Lauf der Evolution aus verschwenderischen C3- in effiziente C4-Pflanzen entwickelt.

Wie genau die Natur das angestellt hat, wissen die Forscher noch nicht. Deshalb wollen sie zunächst versuchen, C4-Pflanzen wie Sorghum in C3-Pflanzen zurückzuverwandeln und mit herkömmlichen Sorghumpflanzen zu vergleichen. »Wenn es uns gelingt, die Gene zu entschlüsseln, die für die Veränderung verantwortlich sind, und einen C4-Reis schaffen, könnte 50 Prozent mehr Reis produziert werden«, glaubt der IRRI-Wissenschaftler John E. Sheehy, der das C4-Forschungsprojekt angeschoben hat.

Wie die meisten seiner Kollegen hält Sheehy Bedenken gegen die Gentechnologie für reine Hysterie - einen Luxus, den man sich nicht mehr lange wird leisten können. »Wir sind der Evolution auf der Spur«, meint er, »und letztlich gibt es keine andere Möglichkeit, die Nahrungsmittelproduktion effizient zu steigern.«

Dobermann sieht das ähnlich. »Wir helfen der Evolution ja bloß auf die Sprünge«, sagt er, »für das, was wir in einigen Jahren schaffen können, braucht die Natur mitunter Jahrmillionen, und dafür fehlt uns im Moment schlicht und einfach die Zeit.«

Irgendwann müssten sich die Moralisten entscheiden, was ihnen wichtiger ist: die Pflege ihrer angeblich politisch korrekten Bedenken oder das Überleben der Armen.

Auf Pier 18 neigt sich der Tag dem Ende zu, schlagartig ist es dunkel geworden, überall lodern jetzt die Feuer, und beißender Rauch zieht in langen Schwaden über die Müllkippe. An einem der Feuer wärmt sich auch Jenelyn mit ihren beiden Kindern. Die drei hatten Glück, denn in einem Müllsack fanden sie ein paar Essensreste: einen halben Salatkopf und sogar ein kleines Stück Fleisch. Ein Festschmaus! Dazu haben sie sich eine Handvoll Reis gegönnt.

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