Kekulés Kolumne Ooops - ein Kunstbaby!
Sechs Millionen Deutsche verfolgten am Fernseher das tragische Schicksal des unglücklichen Mädels aus Bayern: Nach einem Reitunfall konnte die 20-Jährige keine Kinder mehr bekommen - dramatischer Wendepunkt in einem königlichen Leben, das mit nur 50 Jahren in einem Pariser Kloster enden würde. Prinzessin Sophie von Bayern, "Sisis" kleine Schwester, stirbt einsam und noch dazu als Nonne: verraten, gedemütigt und ohne Thronfolger für ihren einstigen Verlobten, den sagenumwobenen Märchenkönig Ludwig II.
Heute, im Zeitalter der modernen Reproduktionsmedizin, wäre die filmträchtige Geschichte vermutlich anders verlaufen. Nicht als schmalzige TV-Schnulze, sondern eher als technikstrotzender Bio-Thriller, bei dem - ganz aus Versehen - auch noch ein genmanipuliertes Kind zur Welt kommt. Zunächst bekäme die Patientin mit Kinderwunsch Hormone verschrieben, um die Empfängnisbereitschaft zu erhöhen. Wenn das nicht hilft, werden aus den Eierstöcken Eier entnommen und per In-vitro-Fertilisation (IVF) im Labor mit Spermien des Vaters befruchtet.
Manchmal sind die väterlichen Keimzellen jedoch zu schlapp, um sich selbst in die weibliche Eizelle zu bohren: Dann werden sie kurzerhand mit einer winzigen Injektionsnadel ans Ziel befördert. Diese so genannte intra-cytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) ist umstritten, da sie auch geschädigten Spermien zur Befruchtung verhilft. Dadurch kommt es zu gehäuften Aborten - und möglicherweise auch zur Vererbung genetischer Schäden.
Wenn selbst die ICSI nicht zum Wunschkind verhilft, kann es auch am Ei liegen. Da die weiblichen Eizellen bereits bei der Geburt in den Eierstöcken angelegt sind, geht ihnen mit zunehmendem Alter regelrecht die Batterie aus: Die Menge der Mitochondrien, der Kraftwerke der Zelle, nimmt ab. Deshalb verschlechtert sich die Erfolgsrate der IVF mit dem Alter der Mutter deutlich, bei über 40-Jährigen liegt sie unter zehn Prozent.
Doch auch für alte Eier haben die Reproduktionsmediziner ein Rezept: Sie entnehmen Zellflüssigkeit aus der Eizelle einer jungen Frau und injizieren dieses "Ooplasma" in das unfruchtbare Ei der Empfängerin. Vollgetankt mit frischen Mitochondrien können dann selbst greise Eier befruchtet werden. Die Methode des Ooplasma-Transfers hat allerdings einen schwer wiegenden Nachteil: Da Mitochondrien eigenes Erbmaterial enthalten, gehören die Kinder zu einer in der Natur nicht vorkommenden, genmanipulierten Spezies - mit Genen von einem Vater und zwei Müttern.
Über die Eigenschaften, die durch die 37 Gene der Mitochondrien vererbt werden, ist nur wenig bekannt. Mutationen können zu erblicher Sehstörung, Epilepsie oder Muskelschwäche führen. Auch ist vollkommen unklar, wie sich die künstlich zusammengeworfenen Mitochondrien-Gene zweier Mütter im Laufe eines Menschenlebens verhalten. Da Mitochondrien miteinander verschmelzen und ihre Erbinformationen austauschen können, sind auch später auftretende Mutationen und sogar gehäufte Krebsleiden nicht auszuschließen.
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Bisher wurden mindestens 30 Kinder mit diesem Verfahren "hergestellt", das älteste ist schon vier Jahre alt. Die erst jetzt kontrovers diskutierten Versuche wurden bereits 1997 im angesehenen Fachblatt "Lancet" publiziert - als großer Erfolg für die Reproduktionsmedizin. Unter dem Erwartungsdruck unglücklicher Eltern und der Aussicht auf eine lukrative Behandlungsmethode haben die Mediziner ganz nebenbei die Grenze zur Manipulation der Keimbahn überschritten, die international einheitlich abgelehnt wird.
Für die Bayern jedenfalls war es kein Schaden, dass ihr Märchenkönig - aus welchem Grunde auch immer - ohne Nachkommen blieb: Sowohl Ludwig II. als auch sein Bruder Otto I. wurden von einem Wahnleiden ereilt, das höchstwahrscheinlich erblich war.