Gentechnik EU-Behörde warnt vor Tierfutter mit antibiotikaresistenten Bakterien
Kühe im Stall
Foto: Peter Steffen/ picture alliance / dpaIn 20 europäischen Ländern sind offenbar nicht zugelassene, gentechnisch veränderte Bakterien gefunden worden, die in Tiernahrung gemischt an Millionen Schweine und Rinder verfüttert wurden. Die Bakterien sollen resistent gegen Antibiotika sein und stellten daher eine Gefahr für Verbraucher, Tiere und für die Umwelt dar, warnte die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit Efsa bereits im März dieses Jahres - aber erst jetzt hat die EU-Kommission den Zusatzstoff vom Markt genommen.
Die Bakterien kommen in einem Vitamin B2-Zusatzstoff vor, auch bekannt als Riboflavin 80 Prozent, der in Futtermitteln für Nutztiere eingesetzt wird. Hergestellt wird der Stoff durch das gentechnisch veränderte Bakterium Bacillus subtilis KCCM-10445, das gegen mehrere Antibiotika resistent ist. Dieser Herstellungsprozess ist legal und offiziell zugelassen, solange die gentechnische Veränderung im Endprodukt nicht nachzuweisen ist und so lange die Bakterien nicht lebensfähig sind. Beides gilt in diesem Fall gerade nicht.
Holländischer Importeur führte Charge nach Europa ein
Zwar hatte die Efsa die Zusatzstoffe 2014 für sicher erklärt, weil sie nach Herstellerangaben keinerlei lebensfähige Keime enthielten. Schon im selben Jahr aber entdeckte ein deutsches Forschungslabor die ersten Bakterien in einer Charge Vitamin B2 aus China. Ein holländischer Importeur hatte sie nach Europa eingeführt und weiterverkauft. So gelangte der Zusatzstoff in großem Umfang in Tierfutter und damit in die Nahrungsmittelkette. Das Labor informierte die zuständigen EU-Behörden , zunächst aber geschah gar nichts.
Erst nach weiteren Warnungen verlangte die EU-Kommission im Jahr 2016 von der Efsa eine neue Bewertung der Vitaminzusätze. Im März 2018 veröffentlichte die Efsa dann eine neue Studie , die zu dem Schluss kam, dass das Vitamin ein Risiko für Tiere, Verbraucher, Nutzer und die Umwelt darstellt. Im September, weitere sechs Monate später, hat die EU-Kommission den Einsatz des Vitamins offiziell verboten - allerdings dürfen die Tierhalter die betroffenen Futtermittel noch bis April 2019 verfüttern.
Die Verbraucherorganisation Foodwatch zeigt sich erschüttert und wirft der EU-Kommission vor, "die gesundheitlichen Risiken gentechnisch veränderter Organismen" zu ignorieren und auch die "völlig unnötige Verbreitung von Antibiotika-Resistenzen" jahrelang billigend in Kauf genommen zu haben.
Renate Künast, frühere Bundeslandwirtschaftsministerin der Grünen, sprach dem SPIEGEL gegenüber von einem "ungeheuerlichen Vorgang". "EU und Landwirtschaftsministerium haben die Gesundheit der Verbraucher wissentlich missachtet", sagte Künast und fragt, wieso jahrelang nichts passiert sei. Die Grünen-Sprecherin für Ernährungspolitik und Tierschutzpolitik forderte Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner dazu auf, "unverzüglich alle Maßnahmen zum Schutz von Mensch und Tier zu ergreifen" und belastetes Futter sofort aus dem Verkehr zu ziehen.
Die Lieferungen sind schwer nachzuverfolgen
Einfach wird das nicht, welchen Weg die Ware genommen hat, ist kaum nachvollziehbar. Die französische Zeitung "Le Monde" konnte den Weg von immerhin einem Teil der Vitaminlieferungen zurückverfolgen. Demnach landeten allein zwischen April und Juni dieses Jahres acht Tonnen Vitamin B2 aus China über einen holländischen Importeur in Polen, Italien und den Niederlanden. Weil das Vitamin den Futtermitteln nur in geringen Mengen beigemischt wird, dürften der Zeitung zufolge damit bis zu 1,6 Millionen Tonnen belastete Tiernahrung hergestellt worden sein.
Noch ist unklar, wo das Futter überall verkauft wurde, dem Europäischen Schnellwarnsystem RASFF zufolge sind 20 Länder betroffen, darunter Deutschland, Norwegen, Russland, Finnland, Island und Frankreich.
Wie groß die Gefahr ist, die von den gentechnisch veränderten Organismen ausgeht, ist unklar. Die Tiere scheiden den Großteil der Bakterien wieder aus und eigentlich sollten die in der Umwelt nicht überlebensfähig sein. Sicher ist das allerdings nicht.