Wespen: Erst Parasiten machen fruchtbar - DER SPIEGEL
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Wespen Erst Parasiten machen fruchtbar

Eigentlich infiziert das Bakterium Wolbachia Wespen nur, um sich selbst vermehren zu können. Doch mitunter können auch die Wirte von ihren infektiösen Begleitern profitieren.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wolbachia, ein intrazelluläres Bakterium, das unter anderem Milben, Krebse und Wespen befällt, gehört zu den seltsamen Erscheinungen im ohnehin nicht an Kuriositäten armen Bakterienreich. Nicht nur, dass sich Wolbachia - strategisch geschickt - in den Fortpflanzungsorganen einnisten. Die kleinen Eindringlinge bestimmen auch noch, ob der Sex ihrer Wirte erfolgreich endet.

Zwar können die Parasiten nur durch die Eier einer Wirtin weitergegeben werden, doch das hindert sie nicht daran, ganz eigennützig auch an den männlichen Geschlechtszellen herumzudoktern. Die seit längerem bekannte Folge: Infizierte Wespenmännchen und nicht (beziehungsweise mit einem anderen Stamm) infizierte Weibchen können zwar zusammen Zellen befruchten. Wenig später sterben die Eizellen allerdings ab. Durch diesen Kniff verhindert Wolbachia, dass sich fremde Stämme ungehindert fortpflanzen können.

Wie Forscher erst vor wenigen Monaten berichtet haben, könnte auf diese Weise eine ganz neue Wespen-Spezies entstanden sein: Intrigen im Insektenreich dienten somit als Motor der Evolution. Für das Überleben seines Wirts schien das Bakterium allerdings nicht notwendig zu sein.

Das dürfte sich - einer neuen Untersuchung an der Wespenart Asobara tabida sei Dank - nun ändern. Wie ein Team um Franck Dedeine von der Université Lyon im US-Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences" schreibt, können sich die Wespen ohne das Bakterium nicht fortpflanzen

Dedeine verabreichte den Wespenlarven Antibiotika, die genau die erwünschte Wirkung hatten: Die Wolbachia-Bakterien wurden vollständig abgetötet. Das weitere Resultat überraschte die Forscher allerdings: Die weiblichen Wespen konnten, einmal in das passende Alter gekommen, keine Eier produzieren; sie waren nicht mehr fortpflanzungsfähig. Die männliche Furchtbarkeit, die Größe und auch andere Charakteristika blieben nach dem Antibiotika-Eingriff dagegen unverändert.

Mehr noch: Die französischen Forscher haben es nach eigenen Angaben sogar geschafft, einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Produktion von Eiern und der Wolbachia-Konzentration im Organismus der Weibchen festzustellen. Offensichtlich, so die Folgerung der Wissenschaftler, ist es zum ersten Mal gelungen, bei dem gerissenen Bakterium den Übergang von einer möglichen zu einer erzwungenen Symbiose zu beobachten.

Von einer "aufregenden Erkenntnis" spricht auch John Werren, der sich seit Jahren mit dem seltsamen Verhältnis von Wespen und Wolbachia beschäftigt. Sie zeige, so der Biologe gegenüber "Science Now", dass Wolbachia wie kein anderes Bakterium die Fortpflanzung in ihren Wirten manipuliere.

Ob das Zusammenwirken aber wirklich auf Gegenseitigkeit beruht, wie die französischen Kollegen vermuten, darauf will sich der Wolbachia-Experte nicht festlegen. Möglicherweise hätten die Wespen ihr Immunsystem im Laufe der Evolution ja so gut auf die Parasiten eingestellt, dass es ohne Infektion über das Ziel hinausschieße. Möglich sei auch, so Werren, dass die Bakterien in die Wespen-Eier eine Art Zeitbombe einpflanzen, die hochgeht, sobald die Eizellen für die Fortpflanzung der Bakterien nicht mehr gebraucht werden.

Alexander Stirn