Astronomische Ausblicke Hinter dem Vorhang
Für Astronomen ist die Milchstraße mitunter ein Ärgernis: In der galaktischen Ebene behindern gewaltige Ansammlungen von Gas und Staub die Sicht. Der dunkle Streifen macht es so gut wie unmöglich, in diesem Bereich mit optischen Teleskopen nach fernen Galaxien zu fahnden.
In der englischen Fachsprache wird das Band "Zone of Avoidance" genannt, weil es die Forscher lange meiden mussten. Doch seit einiger Zeit fällt es schwer, den galaktischen Schleier einfach zu ignorieren. Denn durch die Gaswolken dringen besonders energiereiche, so genannte harte Röntgenstrahlen, deren Ursprung jedoch verborgen blieb. Nun haben Astronomen mit Hilfe des Röntgenteleskops Chandra den bislang tiefsten Blick in diese Region geworfen - und sind so der Antwort ein Stück näher gekommen.
Das Bild
Für die Aufnahme richteten die Forscher das Weltraumteleskop auf einen kleinen Bereich im Sternbild Schild - der Ausschnitt entspricht in etwa der Hälfte der Fläche, die der Mond am Himmel einnimmt. Um zwischen verschiedenen Objekten unterscheiden zu können, nahmen die Wissenschaftler Röntgenstrahlen in zwei Wellenbereichen auf. Harte Strahlung ist auf dem digital aufbereiteten Chandra-Bild blau dargestellt, Emissionen geringerer Energie erscheinen rot.
Insgesamt 36 punktförmige Quellen harter Röntgenstrahlung konnte das Team um Ken Ebisawa vom Goddard Space Flight Center der Nasa auf dem Foto entdecken. Bei diesen Objekten handelt es sich wahrscheinlich um weit entfernte, äußerst aktive Galaxien, deren Strahlung durch die staubverhangene Milchstraße dringt. Ihre Anzahl stimmt mit der Vorhersage überein, die sich anhand von Beobachtungen in anderen Himmelsregionen treffen lässt. Die roten Punkte sind dagegen wohl eher profaner Natur - sie stellen, wie die Forscher vermuten, meist ordinäre Sterne dar.
Der Hintergrund
Die Astronomen konnten zwar die Identität einiger Röntgenquellen klären, doch dafür stehen sie nun vor einem neuen Rätsel. Denn der größte Teil der harten Strahlung stammt nicht von den Punktquellen, sondern von interstellaren Plasmawolken, die auf dem Bild als diffuse blaue Flecken erscheinen. Um derart energiereiches Röntgenlicht abstrahlen zu können, muss das Gas eine Temperatur von mehreren Millionen Grad Celsius haben.
Weshalb das heiße Plasma an Ort und Stelle bleibt, ist unklar - unter normalen Bedingungen müsste es aus der Milchstraße entweichen. Zudem weiß man nicht, was das Gas so stark erhitzt. Manche Forscher nehmen an, dass häufige Supernova-Explosionen die nötige Energie liefern. Einen möglichen Hinweis darauf wollen Ebisawa und seine Kollegen auf der Aufnahme entdeckt haben: Bei dem besonders intensiv leuchtenden Bereich am oberen linken Rand der Aufnahme könnte es sich um die strahlenden Überreste einer Supernova handeln, schreiben sie in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "Science".
Die Kamera
Für den Blick hinter den staubigen Schleier kam das ACIS-Instrument (Advanced CCD Imaging Spectrometer) des fliegenden Observatoriums zum Einsatz. Bei den Aufnahmen im Februar 2000 musste Chandra den Himmelsausschnitt 28 Stunden lang ins Visier nehmen. Die Astronomen wurden mit einer Ansicht belohnt, die in ihrer Genauigkeit frühere Röntgenbilder deutlich übertrifft. Der japanische Satellit ASCA (Advanced Satellite for Cosmology and Astrophysics) hatte zuvor dieselbe Region beobachtet - und keine energiereichen Röntgenstrahler aufgespürt.