„Ich packe meinen Koffer….“
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Abenteuer im Alltag

„Ich packe meinen Koffer….“

Foto: iStock/Andrey Moisseyev

Was muss mit, wenn es für ein paar Tage auf Tagung geht? Redakteurin Kristin Lenk sinniert über Schuhe, die acht Stunden durchhalten, zerknitterte Blusen, Notfallausrüstung und die erstaunliche Beharrlichkeit des Business-Dresscodes.

Eine meiner sowohl frühesten als auch einprägsamsten Erinnerungen zum Thema Gepäck ist eine Szene aus dem mittlerweile zu Recht zum Kult avancierten Disney-Film „Bernard und Bianca – Die Mäusepolizei“. Die clevere und selbst für eine Zeichentrickmaus bemerkenswert stilsichere Bianca eilt darin zum Abflug und stellt ganz nebenbei fest: „Als Frau hat man nämlich etwas mehr einzupacken als ein Herr.“

Ein Satz, der für einen Kinderfilm erstaunlich hintersinnig ist. Und an dem sich in den Jahrzehnten seit Erschaffung der eleganten Mäusedame weniger geändert hat, als man angesichts all unserer sonstigen gesellschaftlichen Fortschritte vermuten könnte. Das merke ich zuverlässig, wenn eine mehrtägige Tagung bevorsteht und der Koffer geöffnet auf meinem Bett liegt.

Denn theoretisch ist die Sache einfach. Zwei Tage, zwei Business-Outfits, Unterwäsche, Zahnbürste, Laptop, Ladekabel. Fertig. So stelle ich mir zumindest vor, dass Männer packen. Vielleicht ist diese Vorstellung ungerecht. Vielleicht stehen auch sie abends verzweifelt vor dem Kleiderschrank und fragen sich, ob Dunkelblau wirklich noch ihre Farbe ist. Man sieht es ihnen nur seltener an.

Business Casual. Zwei harmlose Wörter, viele Fallstricke

Das Problem beginnt schon mit der Kleiderfrage. „Business Casual“ klingt wunderbar entspannt. Fast so, als dürfte man einfach etwas anziehen, in dem man sich wohlfühlt, solange keine Jogginghose beteiligt ist. Für Männer ist das inzwischen tatsächlich ein erfreulich weites Feld. Gute Jeans, Hemd, Sneaker: funktioniert. Chino, Shirt, Sakko: funktioniert. Selbst ein hochwertiger Hoodie kann an einem Mann den Eindruck erwecken, er sei nicht nachlässig gekleidet, sondern vermutlich Gründer eines sehr erfolgreichen Start-ups.

Bei Frauen ist die Sache komplizierter. Wir steuern auf das dritte Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts zu und bewegen uns beim Thema professionelle Kleidung dennoch in einem erstaunlich fein austarierten System aus ungeschriebenen Regeln. Nicht zu förmlich, nicht zu lässig, nicht zu modisch, nicht zu langweilig. Kompetent, aber bitte nicht streng. Feminin, aber keinesfalls verspielt. Und natürlich soll das Ganze mühelos aussehen.

Besonders interessant wird diese Aufgabe, wenn man nicht Kleidergröße 34 oder 36 trägt. Denn die modische Vorstellung von „lässig, aber professionell“ scheint bei vielen Designern noch immer bevorzugt an sehr schmalen Menschen entwickelt zu werden. Was am Model elegant oversized fällt, kann zwei Konfektionsgrößen später überraschend schnell aussehen, als hätte man auf dem Weg zur Tagung noch einen Umzug zu Ende gebracht.

Also probiere ich. Eine gut sitzende Hose, eine Bluse oder Shirt mit Blazer. Etwas für das Abendprogramm. Etwas, falls es warm wird. Und unbedingt etwas für jenen Tagungsraum, dessen Klimaanlage offenbar auf die fachgerechte Lagerung von Molkereiprodukten eingestellt wurde.

Ein großer, aber feiner Schal hat sich dafür als erstaunlich nützlich erwiesen. Er wärmt im ICE, rettet mich vor Klimaanlagen und lässt sich abends mit etwas gutem Willen sogar als modische Entscheidung verkaufen. Vor allem aber müssen alle Teile miteinander funktionieren. Sonst werden aus zwei Tagungstagen sieben komplette Outfits.

Kofferpacken

Foto: iStock/Peopleimages

Die Sache mit den Schuhen

Und dann sind da noch die Schuhe. Sie sollen professionell aussehen, zum jeweiligen Outfit passen und einen kompletten Tag überstehen, der erfahrungsgemäß sehr viel mehr Stehen beinhaltet, als das Wort „Tagung“ vermuten lässt. Begrüßung, Vortrag, Kaffee, Workshop, Mittagessen, Networking, noch ein Vortrag, Empfang. Irgendwann hat die Fitness-App 12.000 Schritte registriert, obwohl man das Gebäude praktisch nie verlassen hat.

In meinem Fall kommt eine weitere Anforderung hinzu: Ein bisschen größer machen dürfen sie mich bitte auch. Gesucht wird also ein Schuh, der elegant wirkt, einige Zentimeter hinzufügt und nach acht Stunden nicht den Wunsch weckt, den restlichen Abend barfuß zu verbringen. Im Grunde suche ich seit Jahren nach der modischen Entsprechung eines Perpetuum mobile.

Kofferpacken

Foto: iStock/BlackSalmon

Deshalb kommen meist zwei Paar mit. Mindestens. Mein Kollege trägt währenddessen seine weißen Sneaker. Morgens. Mittags. Abends. Wahrscheinlich könnte er darin auch noch heiraten.

Knitterfrei ist ein Zustand, kein Versprechen

Ist die Garderobe endlich ausgewählt, muss sie nur noch den Transport überleben. Hier beginnt die nächste Disziplin: Kleidung so in einen Koffer zu verpacken, dass sie am Zielort nicht aussieht, als habe man sie persönlich unter den Sitz des ICE gestopft.

Deshalb gehört inzwischen ein Mini-Dampfglätter zu meinen liebsten Reisebegleitern. Klein, leicht und in der Lage, einer Bluse innerhalb weniger Minuten ihre berufliche Glaubwürdigkeit zurückzugeben. Wer einmal morgens vor einem wichtigen Termin im Hotelbad versucht hat, hartnäckige Falten mit Wasserdampf aus der Dusche zu entfernen, weil man natürlich ausgerechnet in jenem Hotel gelandet ist, das seinen Gästen kein Bügeleisen in den Schrank stellt, weiß, dass technische Zivilisation etwas Wunderbares ist.

Apropos Hotelbad: Natürlich braucht es die Kulturtasche. Und hier zeigt sich endgültig, was Bianca gemeint haben könnte. Zahnbürste, Zahnpasta, Deo, Lotion, die mit zunehmendem Alter immer vielfältiger werdenden Gesichtscremes , Make-up, Abschminkzeug, Haarbürste, Shampoo, Conditioner. Dazu die kleinen Dinge, deren Bedeutung erst auffällt, wenn sie 400 Kilometer entfernt im heimischen Badezimmer liegen: Haargummi, Nagelfeile, Pinzette, Pflaster und last but not least: das Glätteisen.

Denn auch der Bad Hair Day, gesellschaftlich längst als universelle menschliche Erfahrung anerkannt, genießt im professionellen Umfeld nur eingeschränkte Akzeptanz. Bei einem Mann können widerspenstige Haare interessant aussehen. Verwegen sogar. Sie verleihen ihm im besten Fall jene beneidenswert lässige Nonchalance, die ungefähr sagt: Ich bin attraktiv, aber ich habe mich dafür nicht reingehängt. Ich sehe eben so aus.

Bei mir hingegen sehen widerspenstige Haare vor allem nach widerspenstigen Haaren aus. Im schlimmsten Fall entwickeln sie sogar ein wenig unvorteilhaftes Eigenleben. Medusa lässt grüßen.

Willkommen in der Technikabteilung

Wer jemals geschäftlich unterwegs war, weiß wie sehr wir mittlerweile von unseren technischen Helfern abhängig sind: Laptop samt Netzteil, Smartphone samt Ladekabel,  Kopfhörer, Smartwatch-Ladegerät, eventuell noch das Tablet und natürlich der Adapter, falls eines der Geräte wieder einen Anschluss besitzt, den die anderen längst überwunden glaubten. All das muss auch ins Gepäck.

Eine Powerbank gehört für mich inzwischen zur Grundausstattung. Tagungen sind schließlich jene besonderen Orte, an denen man sein Smartphone besonders intensiv benötigt und Steckdosen bevorzugt dort angebracht sind, wo entweder ein Messestand oder bereits ein anderer Mensch steht. Dazu kommen Kopfschmerztabletten, Blasenpflaster, Fleckenstift und ein kleines Nähset. Nicht, weil ich grundsätzlich vom Schlimmsten ausgehe. Sondern weil ein abgerissener Knopf um 7.45 Uhr morgens im Hotelzimmer eine deutlich größere dramaturgische Fallhöhe entwickelt als zu Hause.

In die Handtasche wandern außerdem Pfefferminz, Taschentücher, Handcreme, ein guter Stift und etwas Essbares für den Notfall. Wobei die Tasche selbst natürlich ebenfalls ein Thema ist. Sie muss so funktional sein, dass vom Laptop abwärts mein halbes mobiles Büro hineinpasst, darf aber auf keinen Fall nach „Mama hat alles dabei“ aussehen.

Keine Birkin oder Kelly Bag, so laut muss es nun auch wieder nicht sein. Lieber cooles Understatement mit einer durchaus beabsichtigten Botschaft: Diese Tasche war teuer. Ich kann sie mir leisten. Weil ich gut in meinem Job bin. Danke der Nachfrage. Das Geheimnis dieses sorgsam kuratierten Bildes beruflich erfolgreicher Lässigkeit: Ganz unten liegt trotzdem ein Schoki-Riegel. Der ist nicht glamourös. Aber glamouröser als ein knurrender Magen während einer Podiumsdiskussion ist er allemal.

Vor Ort lauern die Details

Damit wäre ich vorbereitet. Zumindest bis ich auf der Tagung ankomme.  Denn dort zeigt sich gern, dass praktische Anforderungen und sorgfältig geplantes Outfit nur bedingt miteinander kommunizieren. Das Namensschild beispielsweise hängt zuverlässig dort, wo es entweder die Bluse nach unten zieht oder mit dem Revers des Blazers konkurriert. Der Kaffee entwickelt eine beinahe magnetische Anziehungskraft auf helle Kleidung. Und spätestens beim Abendempfang stellt sich die Frage, ob „Get-together“ nun bedeutet, dass alle genauso bleiben, wie sie sind, oder ob irgendwo auf den Hotelzimmern gerade 200 Menschen hektisch ihre Garderobe wechseln.

Ich plädiere inzwischen für möglichst wenige Verwandlungen. Gute Hose, vernünftiges Oberteil, Blazer, Schmuck und Schuhe, die noch ein paar Stunden durchhalten: Vieles lässt sich mit kleinen Veränderungen vom Konferenzraum zum Abendessen retten. Nicht zuletzt deshalb, weil ich inzwischen lieber Zeit mit den Menschen auf einer Tagung verbringe als mit einem zweiten kompletten Styling im Hotelbad.

Ruhe am Abend

Ein Kleidungsstück wartet dort ohnehin auf mich: mein Hoodie. Nicht für die Tagungsfläche natürlich. So weit sind wir noch nicht. Der Hoodie hat seinen Auftritt später. Nach Vorträgen, Gesprächen, Small Talk, Networking, konzentriertem Zuhören und mindestens ebenso konzentriertem Interessiert-Aussehen fällt die Zimmertür ins Schloss. Und dann: Schuhe aus, bye bye Make-Up, heiße Dusche, Schlafanzughose und Hoodie an, no bra alles klar?

Vielleicht ist genau das der eigentliche Luxus einer guten Tagungsreise: für ein paar Stunden nichts mehr repräsentieren zu müssen. Ich wäre trotzdem nur zu gern eine dieser beneidenswert coolen Frauen, die morgens aus dem Hotelzimmer treten und aussehen, als sei „effortlessly fabulous“ weniger ein Look als ihr natürlicher Aggregatzustand. Und die, besonders beneidenswert, um 19 Uhr noch genauso aussehen.

Aber seien wir ehrlich: Die meisten dieser Frauen gibt es vor allem in Serien wie „Suits“ oder „The Good Fight“. Und die wenigsten von uns wachen morgens auf und können Christine Baranski das Wasser reichen. Für den Rest ist dieser herrlich mühelose Look vor allem eines: ziemlich viel Arbeit.

Wie viel davon tatsächlich nötig ist und wie viel ich mir selbst auferlege, lässt sich dabei gar nicht immer sauber auseinanderhalten. Natürlich könnte ich in flachen Schuhen kommen. Natürlich könnte ich auf das Glätteisen verzichten. Und niemand zwingt mich zu einer Handtasche, die dezent ihren Anschaffungspreis kommuniziert. Ich könnte all das tun. Aber ich werde es wohl auch beim nächsten Tagungsbesuch nicht, weil ich weiß, dass mich das im Zweifel Punkte kosten könnte – bei potentiellen Kontakten, bei potentiellen Kunden und bei der Einschätzung meiner Kompetenz.

Also stehe ich am Abend vor der Abreise wieder vor meinem Koffer. Zwei Paar Schuhe. Mini-Dampfer. Glätteisen. Die unvernünftig vernünftige Tasche. Bianca hatte recht.

Kristin Lenk

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