Neue Ideen für alte Mauern
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Kirchen, Klöster und Co.

Neue Ideen für alte Mauern

Foto: Kloster Holzen

Wo früher Andacht gehalten wurde, wird heute präsentiert. Warum Sakralbauten Tagungen einen besonderen Rahmen geben.

Montagmorgen, kurz vor neun. Nach und nach treffen die Teilnehmer eines Strategiemeetings ein, stellen ihre Taschen ab und klappen ihre Laptops auf. Soweit, so gewöhnlich. Doch der Ort passt nicht recht zum vertrauten Bild eines Tagungstages. Statt Konferenzhotel, Teppichboden und abgehängte Decke gibt es soliden Stein unter den Füßen, hohe Gewölbe, einen Kreuzgang vor der Tür und Mauern, die schon standen, als an PowerPoint noch nicht einmal zu denken war. Und zunächst einmal: erstaunlich viel Stille.

 

Hier wird heute über Transformation, neue Ideen und die Zukunft gesprochen. Ausgerechnet hier, an einem Ort, der seine Wirkung daraus bezieht, dass sich über Jahrhunderte erstaunlich wenig verändert hat. Dieser Gegensatz ist reizvoll und wirft eine Frage auf, die bei der Wahl einer Tagungslocation nie hinter Quadratmeterzahlen, Bestuhlungsplänen und technischer Ausstattung verschwinden darf: Was macht ein Raum eigentlich mit den Menschen, die in ihm zusammenkommen?

 

Die Atmosphäre von Kirchen, Klöstern und sakralen Gebäuden kann eigentlich nur mit Superlativen beschrieben werden. Endlose Gewölbe, weite Gärten, Ruhe, die ihresgleichen sucht. Besonders deutlich wird die Wirkung dieser Locations in einem ehemaligen Kloster, wo Rückzug und Konzentration seit Jahrhunderten zum Prinzip gehören. Wer durch einen Kreuzgang zum Seminarraum geht, bewegt sich zwar nur ein paar Meter, es fühlt sich aber nach mehr an.

Das Thema Atmosphäre spielt bei einer Tagungslocation dieser Art eine große Rolle. Das Kloster Beuerberg im Süden von München weiß in dieser Kategorie zu überzeugen. In den Räumlichkeiten trifft Rokoko auf klösterliche Askese.

Foto: Kloster Beuerberg

Das macht aus einem Strategiemeeting noch keine bessere Veranstaltung. Alte Mauern produzieren schließlich nicht automatisch neue Ideen. Sie können aber dabei helfen, Routinen zu unterbrechen. Ein Ortswechsel verändert Gespräche schon deshalb, weil vertraute Abläufe fehlen. Niemand verschwindet mal eben für zehn Minuten am eigenen Schreibtisch, die üblichen Wege zwischen Büro, Kantine und Besprechungsraum entfallen. Für eine Weile gibt es vor allem die Menschen, die gemeinsam angereist sind, und das Thema, wegen dem sie hier sind.

Was früher Einkehr hieß, lässt sich deshalb erstaunlich gut mit heutigen Veranstaltungsformaten verbinden. Strategieklausuren, Führungskräftetreffen und Kreativworkshops profitieren von Zeit, Konzentration und Abstand –Dinge, die im normalen Arbeitsalltag häufig knapp sind, und die hier zum Standard gehören. Religiöse Affinität ist dafür nicht erforderlich. Das Gefühl, das sakrale Räumlichkeiten vermitteln, ist nahezu universell.

Dazu kommt eine Qualität, die sich schwer in einer Location-Datenbank abbilden lässt. Ein historischer Raum verleiht einem Treffen eine gewisse Verbindlichkeit. Unter einem jahrhundertealten Gewölbe wirkt selbst der routinierte Blick aufs Smartphone während einer Diskussion plötzlich ein wenig profaner als sonst.

Das Projekt Gastraum lässt die Kirche zwar im Dorf, entfernt sich optisch aber stark von der vertrauten Schlichtheit alter Gotteshäuser. Was entsteht, ist ein einzigartiger Stil, den die Eigentümer als sakral-rustikal bezeichnen

Das Projekt Gastraum lässt die Kirche zwar im Dorf, entfernt sich optisch aber stark von der vertrauten Schlichtheit alter Gotteshäuser. Was entsteht, ist ein einzigartiger Stil, den die Eigentümer als sakral-rustikal bezeichnen. Foto: Projekt Gastraum

Kirche ist nicht gleich Kirche

Das Spektrum möglicher Veranstaltungsorte reicht dabei weit über das tradierte Kloster hinaus. Profanierte Kirchen wurden schon um 1803 für Veranstaltungen verwendet, in den frühen 2000ern lebte der Trend noch einmal richtig auf. Der Grund liegt auf der Hand, denn Kirchen machen als Eventlocation eine erstklassige Figur. Wo früher Kirchenbänke standen, finden heute Konferenzen, Podiumsdiskussionen, Empfänge oder Ausstellungen statt.

Hohe Kirchenschiffe erlauben Inszenierungen und Raumkonzepte, für die ein gewöhnlicher Tagungssaal schlicht nicht die Höhe hätte. Banketttische, aufwendige Dekorationen, innovative Lichtkonzepte – alles kein Problem. Manche Anlagen verbinden historische Bausubstanz mit modernen Tagungsräumen, Gastronomie und Übernachtungsmöglichkeiten.

Innenhöfe, Refektorien, Gärten und kleinere Zimmer schaffen Möglichkeiten, eine Veranstaltung über den Tag hinweg immer wieder neu zu ordnen. Das Plenum trifft sich an einem Ort, Arbeitsgruppen ziehen sich zurück, das Gespräch nach dem Mittagessen setzt sich bei einem Gang durch den Klostergarten fort.

Kofferpacken

Die venue1315 im Herzen von München kombinierte die imposante Deckenhöhe einer Kirche mit modernen Dekorationen und bietet so viel Raum für große Gefühle. Foto: venue1315

Der Raum hat das letzte Wort

Aber: Nicht alles, was technisch möglich ist, passt auch automatisch zu dieser Art von Tagungslocation. Sakralarchitektur ist eindrucksvoll, kann aber auch eigensinnig werden, und ein Kirchenschiff, in dem ein Chor fantastisch klingt, ist nicht zwangsläufig der ideale Ort für einen langen Fachvortrag. Ähnliches gilt für Licht, Stromversorgung, WLAN – und die nicht zu unterschätzende Raumtemperatur im Winter. Große historische Kirchenräume lassen sich nämlich nicht immer so unkompliziert beheizen wie ein moderner Konferenzsaal. Wer im Januar eine ganztägige Veranstaltung plant, sollte deshalb nicht nur nach dem Beamer fragen.

Hinzu kommen Denkmalschutz und bauliche Vorgaben. Technik lässt sich in historischen Räumen nicht überall befestigen, Bühnen und Aufbauten müssen mitunter anders geplant werden, Zugänglichkeit und Barrierefreiheit sind nicht selbstverständlich. Je spektakulärer die Architektur, desto wichtiger ist deshalb eine eher unspektakuläre Tugend: sorgfältige Vorbereitung.

Respekt gehört zur Buchung dazu

Noch entscheidender ist die Frage, welchen Status der jeweilige Ort besitzt. Eine profanierte Kirche ist kein aktives Gotteshaus mehr und lässt Veranstaltern in der Regel deutlich größere Freiheiten. In weiterhin religiös genutzten Gebäuden gelten andere Maßstäbe. Dann sollte früh geklärt werden, welche Veranstaltungsformen angemessen sind, welche Räume zur Verfügung stehen und welche Regeln etwa für Catering, Alkohol, Musik oder Dekoration gelten. Das ist keine lästige Einschränkung des Eventkonzepts, sondern Teil des Ortes, für den man sich entschieden hat. Die Mühe lohnt sich: Das Gefühl einer Tagung an einem Ort der Stille weckt neue Ideen, und das tut Gästen ebenso gut wie dem Gebäude.


Sandra Gundelach

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