Leben an der finnisch-russischen Grenze Schleuser, Schneehochzeiten und die Angst vor Putin
Auf Patrouille im finnischen Lappland: Diese Männer müssen 380 Kilometer nordöstliche Grenze zu Russland kontrollieren und sichern. Noch geht das nur mit Schneemobil. Hier, an der neuen Nato-Ostgrenze macht Finnland derzeit dicht. Vor welchen neuen Herausforderungen steht das jüngste Mitglied im Verteidigungsbündnis? Das sich ja bekanntlich gern etwas unkonventioneller präsentiert. Auf dieser Recherchereise wollen wir herausfinden, wie es sich am anderen Ende der Welt lebt – dicht an dicht mit einem aggressiven Nachbarn. Dazu treffen wir den Leiter der Grenzstation in Salla. Mika Gros erzählt, wie es ist, wenn an einem Grenzübergang plötzlich Geflüchtete auf Fahrrädern auftauchen:
Hans-Michael Gros, Leiter Grenzstation Salla
»Es geht hier nicht um die Anzahl an Menschen, die herkommen, sondern um das Phänomen, das dahintersteckt: Und es ist deutlich zu erkennen, dass die russischen Behörden ihnen die Reise zur EU-Grenze und hier an den Grenzübergang in Salla mindestens erlauben.«
Der Grenzposten von Salla oberhalb des Polarkreises ist der zweitnördlichste auf der insgesamt 1340 Kilometer langen Grenze zu Russland. Seit Ende des vergangenen Jahres sind alle Übergänge für den Personenverkehr geschlossen. Der Grund dafür sind sogenannte hybride Operationen von russischer Seite: Etwa 1300 Migranten, meist aus Syrien, dem Jemen und Somalia, wurden laut finnischen Behörden gezielt angeworben und an die finnische Ostgrenze geschleust – um im neuen NATO-Mitgliedsland für Unruhe zu sorgen. Wie hier in Salla sieht es nun an allen Grenzübergängen in Finnland aus: Das ehemalige »Tor zu Russland« ist verlassen und stillgelegt – bis auf Weiteres. Bis zu 250.000 Menschen gingen hier jährlich ein und aus – jetzt ist niemand in Sicht. Noch bis Mai liegt hier in der Regel Schnee – doch der Frühlingsbeginn könnte für die Grenzschützer zum Problem werden.
Zunächst wollen wir uns aber bei den Menschen in der kleinen Grenzgemeinde umhören. Wie gehen sie mit der neuen Situation um? Was bedeutet die Grenzschließung für eine Region, die stark auf den Tourismus baut? Für diese Gäste von Unternehmerin Sara Virkkula beginnt im Resort »Sallatunturin Tuvat« ein besonderer Tag. Die Braut muss sich allerdings in ihrem Hochzeitskleid erst in das Schneemobil quetschen. Der Bräutigam steht auch schon parat. Es soll geheiratet werden – an einem besonderen Ort. Russische Gäste kommen nun nicht mehr nach Salla – aber die Unternehmerin hat vorgesorgt.
Sara Virkkula, Tourismusunternehmerin
»Unser Geschäft ist nicht besonders beeinträchtigt, denn wir haben früh versucht, neue Klientel zu finden. Wenn eine Gruppe wegfällt, haben wir nicht alles auf eine Karte gesetzt.«
Abgeklärt klingt Sara Virkkula hier, doch wir werden noch erfahren, wie schmerzhaft ihre eigene Familiengeschichte mit dem Nachbarland verknüpft ist. Was die Grenzschließung mit diesen Schülern zu tun hat? Arina, Sofiia und Anastasia sind Schülerinnen im sogenannten »Grenzgymnasium« von Salla. Die Besonderheit: hier lernen neben den Einheimischen auch internationale Schüler, die meisten kommen aus Russland. So auch die Elftklässlerinnen. Sie leben seit zwei Jahren im Zentrum der 3000-Einwohner-Gemeinde in einem Wohnheim der Schule. Derzeit unter besonderen Umständen. Denn seit der Grenzschließung sind Besuche in der Heimat für die Mädchen schwierig geworden. Die Reise in Arinas und Anastasias Heimatstadt Sankt Petersburg geht über Umwege durch Estland. Statt 13 Stunden dauert sie nun mindestens zwei Tage, erzählen sie. Sofiia braucht in das näher gelegene Montschegorsk nahe Murmansk über Norwegen einen ganzen Tag. Entsprechend selten sind die Besuche der Familie.
Reporterin
»Wann habt ihr eure Familien zuletzt gesehen?«
Sofiia, Gymnasiastin
»Ich hatte im März Geburtstag und sie haben mich besucht, das war toll. Aber es war schwierig – und teuer!«
Arina, Gymnasiastin
»Meine Mutter ist zu unserem Jahrgangs-Ball Anfang des Jahres gekommen.«
Anastasia, Gymnasiastin
»Meine Mutter war letztes Jahr hier.«
Immerhin funktioniert die grenzübergreifende Kommunikation über FaceTime mit der Mutter in Sankt Petersburg – ein kleiner Trost. Wir wollen wissen, wie sich die neue Lage auf den Schulalltag auswirkt. Das Grenzgymnasium von Salla nimmt seit 2007 Schüler aus Russland auf, der Grund dafür war einfach: Die kleine Gemeinde hatte nicht genügend Kinder und kämpfte um den Erhalt ihres Gymnasiums. Leena Hautajärvi ist seit 15 Jahren Schuldirektorin, die neuen Herausforderungen sind auch für sie spürbar.
Leena Hautajärvi, Schuldirektorin
»Die größte Herausforderung für mich ist, wie ich der Traurigkeit oder Angst eines jungen Menschen begegnen kann. Wie kann man in dieser Situation präsent sein und ihnen helfen?«
Seit Kriegsbeginn beobachtet sie unter den Schülern eine neue Unsicherheit.
Leena Hautajärvi, Schuldirektorin
»Die größte Sorge der Schüler war, ob sich die Einstellung der Leute hier ihnen gegenüber irgendwie ändert. Schließlich können sie ja nichts dafür, was ihre Politiker entscheiden.«
In Grenzgemeinden wie Salla ist dies keine unberechtigte Sorge. Denn der Ort hat ein besonderes Erbe. Nach dem Winter- und Fortsetzungskrieg musste Finnland neben vielen anderen Gebieten auch die Hälfte der Gemeinde Salla an die Sowjetunion abtreten, als Teil des sogenannten »Friedens von Moskau«. Heute gehört der alte Ortskern zu der russischen Oblast Murmansk. Geschichte, die hier immer noch präsent ist. Betroffen davon war auch die Familie von Sara Virkkula. Sie leitet das Familienunternehmen mit 68 Ferienhäusern, einem Restaurant und einer Kneipe – in dritter Generation. Die Eltern arbeiten noch immer täglich mit im Geschäft, aus Leidenschaft. Opa Aarne Virkkula gründete das Familienunternehmen. Er stammte noch aus dem alten Salla.
Pekka Virkkula, Unternehmer
»Ja und dann kam der Krieg – und er musste weg.«
Sara Virkkula, Unternehmerin
»Und das ist alles, was vom alten Zuhause übrig geblieben ist. Ein Schornstein. Und der alte Berg ist auch so schön. Könnte ein tolles Skigebiet sein.«
Tarja Virkkula, Unternehmerin
»Wäre er nicht drüben geblieben, wäre das sicher der tollste Skiort in ganz Finnland.«
Pekka Virkkula, Vater
»Mit kilometerlangen Abfahrten!«
Reporterin
»Und was ist jetzt dort?«
Alle
»Gar nichts.«
Verluste und verpasste Chancen, die immer noch schmerzen. Vater Pekka hatte einst die Idee, Schneemobil-Safaris über die Grenze anzubieten. Mittlerweile ist der einstige Heimberg Sallatunturi russisches Militärgebiet. Unweit dessen wird heute die Liebe gefeiert. Braut und Trauzeuginnen lassen sich von Minusgraden und eisigen Windböen nicht abschrecken – die Kulisse für das Fotoshooting stimmt. Bürgermeister Parkkinen darf hier Trauungen durchführen – ganz legal seit zehn Jahren.
Erkki Parkkinen, Bürgermeister Salla
»Es ist ein wirklich schöner Ausgleich zu meiner Arbeit. Und natürlich fördert es auch den Tourismus.«
In seiner Freizeit hat der Bürgermeister schon etwa 150 Paare aus der ganzen in der Welt verehelicht – angereist kamen sie bis aus Australien. Das heutige Brautpaar hat einen Ort in Gipfelnähe des Berges Ruuhitunturi ausgesucht. Doch die unendliche Weite auf der anderen Seite – hat mittlerweile hat auch etwas Furchteinflößendes: Seit Finnlands Nato-Beitritt droht Präsident Putin nämlich genau hier mit der Aufrüstung. 50 Kilometer entfernt liegt das ehemals finnische Dorf Alakurtti. Heute befindet sich hier eine große russische Militärbasis. Ein Stützpunkt zur Verteidigung der arktischen Gebiete Russlands. Ein Grund zur Sorge?
Erkki Parkkinen, Bürgermeister
»Wir in Salla kennen unsere Geschichte: Sie ist tragisch und bewegt mit Gebietsverlusten, Wiederaufbau und so weiter. Aber wir haben immer an der Grenze gelebt, also haben wir uns daran gewöhnt. Ich höre nicht viel von Angst bei den Einheimischen.«
Ist man hier wirklich so cool, wie der Bürgermeister behauptet? Ein Stimmungsbild im Supermarkt von Simo Kuusela. Hier macht sich die Schließung der Grenze deutlich bemerkbar. Noch vor dem russischen Angriffskrieg bot der Marktleiter sein Sortiment auch auf Russisch an.
Simo Kuusela, Marktleiter
»Als die russischen Touristen wegblieben, kamen die Schilder ab. Und der Duty-Free-Verkauf ist völlig ausgestorben. Früher kauften die Russen auf der Rückkehrreise hier ein – das war für uns tägliches Geschäft.«
Ein Verlust für den Einzelhandel, doch für die Einheimischen ist es das kleinere Übel.
Reporterin
»Was halten Sie davon, dass die Grenze geschlossen bleibt?«
Einwohner
»Die weltpolitische Lage kann man nicht ändern. Wir müssen es einfach akzeptieren. Ich selbst habe Wurzeln in Alt-Salla – ich würde da gern auch mal wieder hingehen können.«
Einwohnerin
»Ich wohne ganz in der Nähe der Grenze. Es sind nur vier Kilometer bis zur Grenze, und ich habe schon Angst, dass wieder Leute rüberkommen, wenn es taut.«
Einwohner
»Klar wäre es nicht schlecht, wenn die Grenze offen wäre. Das ist aber nur möglich, wenn sich die Situation insgesamt verbessert.«
Reporterin
»Befürchten Sie, dass Tausende Menschen nach Salla kommen?«
Einwohner
»Nun, befürchten nicht, aber etwas Sorge habe ich schon.«
Zurück im Wohnheim. Seit Geldüberweisungen aus Russland nicht mehr möglich sind, jobben Anastasia und ihre Mitschülerinnen im Ort. Der Umgang mit den Einheimischen ist nicht immer einfach.
Arina, Gymnasiastin
»Es kam schon mal vor, dass ältere Finnen mit uns über Politik reden wollten. Aber wir wollen nicht darüber reden. Wir leben ja hier und wollen einfach nur studieren und jobben. Das war nicht so toll, als sie uns ausfragen wollten. Aber es gibt natürlich auch eine Menge guter Leute. Im Geschäft kann schon mal eine Oma zu mir kommen und sagen: Ich möchte, dass du dich hier sicher fühlst und dass es dir gut geht.«
Reporterin
»Redet ihr denn mit euren Freunden zu Hause über die Situation?«
Arina, Gymnasiastin
»Na manchmal, aber selten. Es macht etwas Angst und deshalb reden wir nicht gern darüber.«
Anastasia/Sofiia, Gymnasiastinnen
»Wenn man in der Freizeit seine Freunde anruft, dann will man darüber reden, wie es ihnen geht und was sie so machen.«
Arina, Gymnasiastin
»Über Leben, nicht Politik.«
Trotz der schwierigen Umstände haben sich auch in diesem Jahr wieder etwa 50 ausländische Schüler beworben. Die Hälfte von ihnen aus Russland – obwohl die Schule wegen der Sanktionen dort nicht aktiv Werbung machen darf.
Leena Hautajärvi, Schuldirektorin
»Soweit ich weiß, kommen sie nicht, um zum Beispiel einen möglichen Fronteinsatz zu umgehen. Für die meisten ist das Ziel einfach eine akademische Ausbildung, entweder in Finnland oder in einem anderen europäischen Land.«
Bislang sind wirklich alle Absolventinnen und Absolventen in Finnland geblieben. Das haben auch Anastasia, Arina und Sofiia vor. Hier rechnen sie sich für ihre Zukunft bessere Chancen aus – und mehr Sicherheit.
Für die Sicherheit von Salla müssen die Grenzschützer sorgen. Noch hilft ihnen die Natur. Die Landgrenze ist insgesamt nur schwer zugänglich. Durch diesen Wald kommt so schnell niemand durch. Trotzdem sind die Grenzschützer in Alarmbereitschaft – regelmäßig üben sie mit den Hunden, menschliche Fährten aufzunehmen. Denn mit dem Tauwetter könnte sich die Lage schlagartig ändern, so die Befürchtung. Weit weg in der Hauptstadt wird deshalb ein Gesetzentwurf diskutiert, der schnellere Rückführungen von Migranten direkt an der Grenze erlauben würde. Rein rechtlich ein hochumstrittener Plan, schließlich würde das Gesetz nicht nur gegen finnisches Recht, sondern auch gegen Menschenrechtskonventionen verstoßen. Welche Konsequenzen es konkret für den Grenzposten in Salla hätte, darüber wollen die Beamten hier allerdings nicht spekulieren.
Hans-Michael Gros, Leiter Grenzstation Salla
»Aus Sicht des Grenzschutzes ist es schwer zu sagen, was der Sommer bringen wird. Aber wir bereiten uns für alles vor mit Trainings, Ressourcenplanung – und einer Risikoanalyse.«
Unternehmerin Sara Virkkula versucht auf ihre Weise, den Kopf frei zu kriegen. Dafür fährt die 31-Jährige auf den Ruuhitunturi im Salla-Nationalpark – ein Ausflug in den Hinterhof, sozusagen. Auch sie weiß nicht, was die kommende Saison mit sich bringen wird.
Sara Virkkula, Tourismusunternehmerin
»Wir leben einfach in einer merkwürdigen Zeit. Natürlich wünscht man sich Frieden und eine stabilere Situation – dass diese Spannungen nicht ständig in der Luft liegen. Und dass wir irgendwann zurück zur »Normalität« kommen, was immer das sein mag. Das wünschen sich wahrscheinlich alle.«
Nebenan wird unterdessen der Hochzeitswalzer angestimmt – so sieht wohl Resilienz im hohen Norden aus.