Zwölfjähriger stellt Käse her »Ich bin Kleinhirte«
Meike, Erika, Gisela, Hanni – ich kenne alle 30 Kühe der Alpe beim Namen. Ich kann sie gut auseinanderhalten, obwohl sie fast alle die gleiche Fellfarbe haben. Jede hat ihren eigenen Charakter.
Morgens früh, wenn ich noch schlafe, stehen die Kühe oft schon vor dem Stall. Sie warten darauf, dass Helmut sie zum Melken reinholt. Die Nacht haben sie auf den Bergwiesen verbracht. Die Kühe können sich frei bewegen, und wenn sie mal nicht direkt zurückfinden, muss man bloß die Ohren aufsperren: Die Halsglocken hört man von Weitem.
Ich arbeite hier im Allgäu auf der Sennalpe Hochried mit. Das mache ich in den Pfingstferien und die Sommerferien über. Für Kinder, die im Allgäu auf einem Hof aufwachsen, ist das nicht unüblich. Ich mache das jetzt schon im dritten Jahr. Meine Klassenkameraden fahren an den Strand und faulenzen in der Sonne. Ich finde es in den Bergen bei den Tieren viel schöner. Wer nicht im Allgäu wohnt, weiß vielleicht nicht, was eine Sennalpe ist. Also, das ist eine Art Bauernhof und Wirtschaft in den Bergen, wo Käse gemacht wird. Diese Arbeit nennt man auch Sennerei, daher Sennalpe. Helmut und Eva Zweng, die die Sennalpe betreiben, haben Kühe, Schweine, Ziegen und Hühner. Sie machen auch Fleischwaren und bewirten Gäste, die beim Wandern vorbeikommen.
Ich mag Tiere gern und wollte auf einer Alpe mithelfen. Meine Familie betreibt seit Kurzem auch eine, aber bei uns wird kein Käse gemacht, und das wollte ich unbedingt lernen. Also habe ich meine Mutter gebeten, sich umzuhören, ob jemand einen Kleinhirten sucht. So kam ich hierher. Mir macht es Spaß, dass ich richtig mithelfen kann. Mein Zimmer liegt direkt neben der Stube. Wenn in der Früh die Kühe gemolken werden, kümmere ich mich zum Beispiel um den Frühstückstisch.
Hannes hilft Helmut Zweng in der Käseküche
Foto: Matthias Schmiedel / Dein SPIEGELWir essen alle gemeinsam, dann geht’s gegen neun Uhr in der Sennküche los. Das ist der Ort, an dem Käse gemacht wird. Dort ist es warm und riecht käsig. Jeden Tag machen wir auf der Sennalpe zwei Käselaibe, aus etwa 600 Liter Milch.
In einem riesigen Kessel dreht sich die frische Milch der Bergkühe, die wird da direkt beim Melken hineingepumpt. Die Milch wird ganz langsam erwärmt, Helmut und ich messen mit einem Thermometer genau nach. Wenn sie 32 Grad Celsius erreicht hat, gießen wir Bakterien, die nennt man auch Käsekulturen, dazu. Und Lab, das lässt die Milch fest werden.
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In der Milch bilden sich mit der Zeit kleine Käseklümpchen, Bruchkorn genannt. Wenn das Bruchkorn etwa so groß ist wie Erbsen, schöpfen wir es ab. Die Masse presst Helmut in große Käseringe, seitlich fließt die Molke ab. Die wird aber nicht verschwendet. Die Schweine bekommen sie später als Futter.
Gegen elf Uhr sind wir in der Sennküche fertig, dann gehe ich rüber in den Stall. Da stehen die Kühe nach dem Melken noch und bekommen von mir frisches Heu zu fressen. Ich ziehe mir für den Stall einen Schutzanzug über, denn wenn bei den Kühen vorn was reinkommt, kommt hinten auch was raus. Im engen Stallgang wird man also leicht mal, na ja… angeschissen. Ich bin da aber nicht zimperlich, das darf man nicht sein, wenn man mit Tieren arbeitet. Und ich habe auch keine Angst vor den spitzen Hörnern. Kühe sind freundliche Tiere.
Sobald die Kühe gefressen haben, treiben wir sie wieder raus auf die Bergwiesen. Im Stall mache ich dann sauber. Der ganze Mist, den die Kühe in den vergangenen Stunden gemacht haben, muss weg. Ich schippe den Mist in eine Wanne, ziehe die dann aus dem Stall hinaus und kippe den Mist auf einen Haufen.
Den Spaltenboden im Stall spritze ich mit einem Wasserschlauch sauber. Helmut füttert in der Zwischenzeit die Schweine mit der Molke. Das gibt immer ein wildes Gequieke, man kann sein eigenes Wort nicht mehr verstehen, wenn die hungrigen Schweine die Molke riechen.
Nach der Stallarbeit machen wir Pause in der Küche. Eva kocht etwas Leckeres, und es kommt auch Essen von der Alpe auf den Tisch. Wurst, Schinken und Käse. Die Sachen können natürlich auch die Wandergäste kaufen. Dafür haben wir extra einen Kühlschrank draußen stehen, zur Selbstbedienung. Die Leute stecken die Münzen einfach in eine kleine Kasse.
Nach dem Essen gibt’s immer noch genug zu tun. Weidepflege zum Beispiel. Das bedeutet Zäune zu reparieren oder sie umzustecken, damit die Wiesen, auf denen die Tiere fressen, gleichmäßig abgegrast werden. Manchmal helfe ich auch, die Gäste zu bewirten.
Die Sennalpe Hochried im Allgäu
Foto: Matthias Schmiedel / Dein SPIEGELUm 17 Uhr holen wir die Kühe zur zweiten Melkzeit rein, treiben sie anschließend für die Nacht wieder ins Freie und machen gegen 19.30 Uhr Feierabend. Dann treffen wir uns in der Stube zur Brotzeit und spielen Karten.
Ich falle anschließend meist ziemlich kaputt ins Bett. Ich träume davon, später auch auf einer Alpe arbeiten zu können. Wenn das nicht klappt, könnte ich mich aber auch mit Skispringen anfreunden. Das mag ich genauso gern, wie Kleinhirte zu sein.
Dieser Artikel erscheint in »Dein SPIEGEL« 9/2024.
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