Essen der Zukunft Speiseplan gesucht!
Am Ende gewinnt meistens unser Bauch. Schon morgens fährt er seinen ersten Sieg ein. Müsli, Brot, Rührei mit Speck? Wasser, Milch oder doch lieber ein Glas Orangensaft? Forschende haben herausgefunden, dass wir jeden Tag durchschnittlich 219 Entscheidungen über unsere Ernährung treffen. Nur für die wenigsten davon strengen wir unser Gehirn an. Fast alle Entscheidungen treffen wir unbewusst – aus dem Bauch heraus. Auf dem Teller landet dann, was uns schmeckt, was wir gewohnt sind oder was schön anzusehen ist.
Leider scheint unser Bauch nur selten das zu wollen, was für den Körper eigentlich am besten wäre. Kein Wunder, er wird ständig beeinflusst: durch Werbung, die uns knusprige Pommes oder saftige Burger zeigt. Durch die Hersteller, auf deren Süßigkeiten-Verpackungen von Vitaminen die Rede ist. Oder durch Supermärkte, die direkt neben ihre Kassen Schokoriegel legen, damit man in der Schlange noch spontan einen mitnimmt.
Werbung hilft dabei, dass vielen Menschen beim Anblick von Pizza das Wasser im Mund zusammenläuft, aber nicht bei Brokkoli oder Roter Bete. Das ist nicht nur bei uns so, sondern auch in vielen anderen Ländern. Ob in den USA, in Australien oder Vietnam – überall auf der Welt greifen die Menschen zu Junkfood, also Essen mit zu viel Fett, Zucker und Salz.
Ab und an ist das auch in Ordnung. Um sich abwechslungsreich und ausgewogen zu ernähren, ist aber noch mehr nötig. Laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung unter anderem das: täglich drei Portionen Gemüse, zwei Portionen Obst, eine Handvoll Nüsse und statt Limo lieber Wasser. Ach, und mit Zucker gesüßte Lebensmittel am besten gar nicht.
Sich daran zu halten kann richtig mühsam sein. Wie soll ich häufiger auf zugesetzten Zucker verzichten, wenn er in so gut wie allen verarbeiteten Lebensmitteln enthalten ist? Selbst in jenen, bei denen man ihn gar nicht vermuten würde, etwa in vielen Tomatensoßen oder Essiggurken.
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Vielen Leuten ist das zu anstrengend. Sie wollen beim Einkaufen nicht ständig überprüfen, was in den Lebensmitteln enthalten ist. Andere haben zu wenig Geld, um sich gesunde Lebensmittel wie Vollkornnudeln und frisches Obst kaufen zu können – oder sie wissen nicht, wie ausgewogene Ernährung geht. Und manchen Menschen ist das Thema auch einfach nicht so wichtig.
Für Kinder können all diese Gründe zum Problem werden, denn sie müssen meist essen, was auf den Tisch kommt. Obst und Gemüse sind das laut einer Studie nicht oft genug.
Stattdessen gibt es häufig Fertigprodukte und Süßkram. Im Schnitt isst oder trinkt jeder Mensch in Deutschland 13 Tiefkühlpizzen, 10 Kilogramm Schokolade und 77 Liter Limonade pro Jahr.
Wie ungesund ist das?
Sich so zu ernähren kann zu Übergewicht führen und krank machen. Laut der Weltgesundheitsorganisation, der WHO, ist jeder zweite Mensch in Europa übergewichtig. In Deutschland sind es mehr als die Hälfte der Erwachsenen und rund ein Viertel der Kinder und Jugendlichen. Durch Übergewicht steigt das Risiko für bestimmte Beschwerden und Erkrankungen, etwa für hohen Blutdruck, Rückenschmerzen und Diabetes.
Und während etliche Menschen das Falsche essen, geht es anderen schlecht, weil sie zu wenig Nahrung haben. Beinahe zehn Prozent der Weltbevölkerung leiden an Hunger, laut den Vereinten Nationen 735 Millionen Menschen. Besonders schlimm ist die Situation in manchen Regionen von Südasien und Afrika. Dabei gibt es genügend Nahrungsmittel, um alle Menschen auf der Welt zu ernähren. Doch sie sind ungleich verteilt: Während wir tonnenweise essbare Lebensmittel wegschmeißen, fehlt anderen der Zugang zu ihnen.
All das hat Folgen. Schlechte Ernährung ist für jeden fünften Todesfall auf der Welt verantwortlich. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind sich einig: Viele Menschen würden länger leben, wenn sie gesünder äßen. Laut WHO ließen sich viele tödliche Krankheiten verhindern, wenn beispielsweise weniger Fleisch gegessen würde.
Warum ist Fleisch ein Problem?
Im vergangenen Jahr wurde in Deutschland pro Person rund ein Kilogramm Fleisch pro Woche gegessen. Das ist doppelt so viel wie empfohlen. Wer so viel Fleisch isst, schadet seiner Gesundheit. Zwar wird nicht jeder Mensch davon krank. Der Körper wird dadurch aber belastet, zum Beispiel durch zu viel Salz und Fett in der Wurst oder durch ein schwer verdauliches Steak.
Was gibt’s morgen zu essen? Und übermorgen? Algen vielleicht! Oder Insekten und Fleisch aus dem Labor. In der Titelgeschichte von »Dein SPIEGEL« geht es um die Frage, wie sich die Ernährung der Menschheit in Zukunft wandeln könnte und warum sie sich überhaupt ändern muss. Außerdem im Heft: Bundesfamilienministerin Lisa Paus erklärt im Interview, was es mit der Kindergrundsicherung auf sich hat. »Dein SPIEGEL«, das Nachrichtenmagazin für Kinder, gibt es am Kiosk, ausgewählte Artikel online. Erwachsene können das Heft auch hier kaufen:
In Maßen kann Fleisch hingegen gesund sein. »Rotes Fleisch« enthält etwa Eisen, Vitamine, Zink und Aminosäuren. Das sind Nährstoffe, die besonders für Kinder wichtig sind, weil sie bei der Entwicklung und beim Wachstum helfen.
Wenig ist beim Fleischessen also mehr. Die gute Nachricht: In Deutschland ist der Fleischverbrauch in den vergangenen Jahren deutlich gesunken. Die schlechte Nachricht: Weltweit wird immer mehr Fleisch gegessen. Und Forschende erwarten, dass der Fleischverbrauch in den nächsten Jahrzehnten weiter steigt.
Was bedeutet das für die Tiere?
In Deutschland leben etwa 159 Millionen Hühner, 21 Millionen Schweine und 11 Millionen Rinder. Gestorben sind weitaus mehr: Jedes Jahr werden bei uns rund 750 Millionen Tiere geschlachtet. Das sind so viele, weil die Tiere oft nur einige Wochen oder Monate alt werden – und ständig neue auf die Welt kommen. Die meisten von ihnen haben bis zu ihrem Tod kein schönes Leben. Es ist die Ausnahme, dass Nutztiere unter ökologischen Bedingungen mit ausreichend Platz und Auslauf gehalten werden.
In Wirklichkeit drängen sie sich meist auf engstem Raum in den Ställen großer Betriebe. Einem Schwein stehen dort nur 0,75 Quadratmeter Platz zur Verfügung. Das ist etwa so groß wie ein Kinderschreibtisch. Lege-Hennen, die nicht »bio« sind, teilen sich zu neunt eine Fläche, die nur etwas größer ist: einen Quadratmeter. Und auch die meisten Rinder verbringen ihr gesamtes Leben im Stall, nur jedes dritte darf im Sommer raus auf eine Weide.
Wer im Supermarkt Fleisch, Milch oder Eier kauft, muss sich mit alldem kaum beschäftigen. Viele Menschen bekommen die Lebensmittel erst zu sehen, wenn sie verpackt im Regal liegen. Ob die Tiere bis zu ihrem Tod ein würdevolles Leben hatten, spielt beim Einkauf keine Rolle. Und auch nicht beim Essen, oder?
Zumindest bei uns in Deutschland ändert sich das langsam. Vor allem jungen Menschen ist es hier wichtig, dass die Tiere nicht unnötig leiden müssen. Deswegen essen sie immer häufiger vegane oder vegetarische Nahrung. Und es gibt noch einen Grund, weshalb sie auf tierische Produkte verzichten: zum Schutz des Planeten.
Wie schadet Nahrung der Erde?
Die Welt ist groß, riesig sogar. Das Geschäft mit der Tierzucht aber auch. Es nimmt fast ein Drittel der bewohnbaren Landfläche der Erde in Anspruch. Denn all die Rinder, Schweine und Hühner müssen fressen – vor allem Gras, Getreide und Mais. Es ist viel Platz nötig, um diese Pflanzen anzubauen. Bei uns in Deutschland wächst das Tierfutter auf Äckern und Feldern, deren Fläche insgesamt etwa so groß ist wie Bayern und Brandenburg zusammen.
Für die Natur ist die damit verbundene industrielle Landwirtschaft schlecht. Denn zu viel künstlicher Dünger schädigt die Böden, Unkrautvernichter töten Pflanzen, die Insekten zum Leben brauchen, und Gülle verschmutzt das Grundwasser. Außerdem schrumpft durch die vielen Felder der Lebensraum von Wildtieren, die Artenvielfalt nimmt immer weiter ab.
Die Millionen Nutztiere schaden der Umwelt ebenfalls. Beim Verdauen pupsen und rülpsen sie das Gas Methan aus, das für das Klima noch schädlicher als Kohlendioxid ist.
So ist es überall auf der Welt – und das schadet ihr massiv. Forschende schätzen, dass die Tierhaltung für bis zu 20 Prozent des globalen Treibhausgas-Ausstoßes verantwortlich ist.
Und jetzt?
Um all die Ernährungsprobleme zu lösen, sind umfangreiche Maßnahmen nötig. Zum einen müssen sich die Regierungen der Staaten überlegen, was sie tun können: etwa Werbung für ungesundes Essen verbieten, strengere Tierschutz-Gesetze einführen oder dafür sorgen, dass Landwirte mehr Geld bekommen. Denn viele Bauern bemühen sich bereits, ihre Betriebe ökologischer zu machen – aber das ist oft schwierig und teuer.
Zum anderen müssen mehr Menschen auf tierische Produkte verzichten. Auch das ist eine große Herausforderung, denn Essen ist etwas sehr Persönliches. Manche Leute fühlen sich angegriffen, wenn man ihnen sagt, dass sie weniger Fleisch, Eier und Milch essen sollten – andere wiederum würden das gern tun, wissen aber nicht, wie.
Deswegen machen sich viele Leute Gedanken darüber, wie man tierische Produkte ersetzen kann. Sie verarbeiten Pflanzen zu fleischähnlichen Lebensmitteln, lassen Algen wachsen, die viele gesunde Nährstoffe enthalten, oder stellen künstliches Fleisch im Labor her, für das kein Tier sterben muss. Solche Nahrungsmittel könnten in der Zukunft ein wichtiger Teil unserer Ernährung sein.
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sitzen ebenfalls an Lösungsvorschlägen. Eine internationale Forschungsgruppe hat zum Beispiel eine »planetare Gesundheitsdiät« entwickelt. Darin steht, was die Menschen essen müssen, um gesund zu bleiben und gleichzeitig den Planeten zu schützen.
Es gibt also viele Ideen, um das Problem mit unserem Essen zu bewältigen. Bis sie umgesetzt werden, kann es aber noch Jahre dauern. Was viele Menschen schon heute tun können, ist, bewusster über ihre Ernährung nachzudenken – und beim Essen seltener ihren Bauch entscheiden zu lassen.
Dieser Artikel erschien in »Dein SPIEGEL« 1/2024.
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