Sendestart der Dritten Fernseh-Programme 1964 - DER SPIEGEL
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50 Jahre Drittes Programm: Schöngeist statt Schnulze

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Sendestart des Dritten Programms Mit den Dritten sieht man klüger

Opern, Russischkurse, Biochemie-Referate - 1964 startete mit den dritten TV-Programmen ein einzigartiges Experiment: das deutsche Bildungsfernsehen. Mutig ignorierten die Programmmacher den Geschmack der Massen, leider schaute kaum einer zu.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein Aufschrei ging durch die Republik: Deutschland stand am Rande eines unvorstellbaren Desasters. Mit Begriffen wie "Notstand", "Katastrophe" und "Untergang" versuchten die Medien, das Grauen in Worte zu fassen. Der "dritte Zusammenbruch der deutschen Geschichte in diesem Jahrhundert" stehe quasi vor der Tür, warnte der Religionsphilosoph Georg Picht.

Der Wissenschaftler beschwor weder einen Atomkrieg, noch drohte eine heimtückische Seuche, die Bundesrepublik dahinzuraffen. Die erregte Debatte in jenem Sommer 1964 kreiste um das deutsche Bildungsniveau. Ausgerechnet auf dem Höhepunkt des Wirtschaftswunders drohte Deutschland, das Land der Dichter und Denker, intellektuell zu verkümmern.

Die Fakten der Experten waren niederschmetternd: Die Zahl der Abiturienten und Studierenden lag damals bundesweit unter dem europäischen Durchschnitt, die Ausgaben für Bildung gingen zurück. Ein eklatanter Lehrermangel kündigte sich an, nur jeder 20. Arbeitersohn schaffte den Sprung an die Universität.

Schon schlug die Deutsche Forschungsgemeinschaft vor, wie einst das "Notopfer Berlin" nun ein "Opfer für die Wissenschaft" einzuführen. Dann jedoch besann man sich eines Besseren - und rückte der bildungspolitischen Misere mit dem Fernseher zu Leibe: ausgerechnet jenem von der kulturellen Elite als Teufelszeug geschmähten Medium.

"Den Sinn zeigen, der in allen Dingen steckt"

Mit der Einrichtung der dritten Fernsehprogramme, so die Hoffnung idealistischer Pädagogen und Politiker, sollte Deutschlands Nachwuchs geistig genährt und für die Zukunft fit gemacht werden. Ein neuer Kanal solle helfen, "die eigene Welt kennenzulernen, Vorurteile zu überwinden, den Sinn zeigen, der in allen Dingen steckt": So formulierte es der damalige Intendant des Bayerischen Rundfunks, Christian Wallenreiter.

Sein hageres Konterfei erschien am 22. September 1964 um Punkt 19 Uhr auf dem Bildschirm, um den Startschuss zu einem bis dato einzigartigen Bildungsprojekt zu geben: dem sogenannten Studienprogramm des Bayerischen Rundfunks. Bundeskanzler Ludwig Erhard, der an jenem Abend ebenfalls auf der Mattscheibe auftauchte, ging noch einen Schritt weiter: Die Kultur aus der Röhre ermögliche es der Jugend, "Entscheidendes beizutragen", damit "aus der Unruhe der heutigen Welt zuletzt eine befriedete Welt entstehen wird".

Auf die sinnstiftenden Eröffnungsreden folgte eine Dokumentation von Golo Mann mit dem Titel "Der Weg in die Teilung". Damit war die Marschrichtung des neuen Programms vorgegeben: Kultur statt Klamauk, Unterricht statt Unterhaltung, Schöngeist statt Schnulze - all das gewürzt mit einer starken regionalen Prise.

Mut zum Minderheiten-TV

Auf das "Studienprogramm" des BR folgte knapp zwei Wochen später der Hessische Rundfunk mit einem eigenen Dritten, die anderen Landesrundfunkanstalten zogen bis 1969 nach. So unterschiedliche regionale Akzente die einzelnen Programme auch setzten: Der radikale Mut zum Minderheiten-TV war allen gemeinsam. "Wir wollen uns von den Fernsehmassen freimachen", lautete die von BR-Intendant Wallenreiter ausgegebene Parole.

Was den Pöbel interessierte, ließen die Dritten links liegen - und bedienten lieber die Bildungshungrigen: all die Opernliebhaber und Bücherwürmer, die Hobbyhistoriker, Naturwissenschaftler und Skifahrer. Mitten im Kalten Krieg bot etwa das Hessische Fernsehprogramm die Serie "Wir lernen Russisch" an. Derweil dozierte beim WDR Helmut Grünewald in seiner Reihe "Einführung in die Biochemie" über Zitronensäurezyklus und Photosynthese.

Auf Südwest 3 wiederum lief eine Serie über unbekannte Komponisten, und es präsentierten Chansonniers ihre Weisen. In seiner Sendung "Fußballschule" erklärte BR-Sportmoderator Oskar Klose die Abseitsfalle. Und beim dritten Programm der Nordkette (eines Zusammenschlusses von NDR, RB und SFB) lasen Literatur-Koryphäen wie Max Frisch aus ihren Werken vor. Egal, welches Dritte man einschaltete: Landauf, landab verabreichten streng dreinblickende Hornbrillenträger ihre akademischen Schmankerln.

"Freigehege für Professoren"

Das neue Bildungsfernsehen lieferte Schul-TV und projizierte den Hörsaal ins Wohnzimmer: Es lehrte Mathematik und Italienisch, klärte über Kreislauferkrankungen und EDV auf, gewährte Einblicke in Kunstgeschichte, Psychologie sowie Soziologie. Und beim Studienprogramm des Bayerischen Rundfunks konnte der Zuschauer per Telekolleg gar die mittlere Reife sowie später die Fachhochschulreife erwerben.

"Dem Publikum etwas zumuten, die Entdeckung des Alltags, die lebendige Auseinandersetzung mit der Gegenwart": So formulierte Regisseur Heinrich Breloer einmal den humanistischen Anspruch der neuen Regionalprogramme. Allein: Der schnöde Bundesbürger hatte wenig Appetit auf die intellektuelle Kost. 80 Prozent der Zuschauer würden nichts vermissen, wenn man das Dritte wieder eindampfe, ergab eine WDR-Untersuchung von 1974.

Wahlweise als "Mattscheiben-Volkshochschule"  (DER SPIEGEL) oder "Freigehege für Professoren" (Süddeutsche Zeitung) verulkt, sendete das neue Bildungsfernsehen in seinen Anfängen, so Medienexperte Dieter Roß, "quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit". Mit seinem Dritten erreichte der WDR laut einer Untersuchung von 1971 gerade einmal 2,5 Prozent seiner Zuschauer pro Wochentag, beim HR waren es täglich drei Prozent. Eine Ausnahme bildete der bayerische Pionier: Hier schauten immerhin sechs Prozent zu.

"Von der Lehranstalt zum Lunapark"

Zunächst schienen die ebenso sporadisch erhobenen wie deprimierenden Quoten kaum einen zu stören. Im Laufe der Siebzigerjahre jedoch setzte ein überlebensnotwendiges Umdenken ein. Auf einer gemeinsamen Tagung aller Dritten 1974 sagten sich die Programmmacher von dem allzu speziellen Bildungsfokus los. Sukzessive begann man auch hier um die Gunst der Zuschauer zu buhlen: eine Entwicklung, die der SPIEGEL 1976 als "drastischen Schwenk von der Lehranstalt zum Lunapark"  geißelte.

Statt ihrem bisweilen anstrengenden Bildungsauftrag treu zu bleiben, sendeten nun auch die Dritten immer häufiger Spielfilme, Sport und Abenteuerserien. Sogar für eigens produzierte Krimis seien sich "die einstigen Elite-Dritten nicht mehr zu schade", zeterte DER SPIEGEL: eine Anspielung etwa auf die SFB-Polizeiserie "Direktion City", die nach dem Vorbild der britischen Serie "Task Force Police" gedreht wurde.

Noch bevor in den Achtzigerjahren die privaten Kanäle auf den Markt drängen sollten, begann in Deutschland der Fernsehkrieg um die Einschaltquoten. Die Regionalprogramme mauserten sich peu à peu zu massentauglichen Vollprogrammen - und TV-Größen wie Harald Schmidt, Hape Kerkeling, Günther Jauch oder Jürgen von der Lippe begannen dort, in den Dritten, ihre Karrieren. Gleichzeitig ging jenes im September 1964 ins Leben gerufene großartige Bildungsexperiment seinem Ende entgegen.

"Es darf wieder gelacht werden, seit der ehrenwerte Versuch (...) zu informieren und zu reformieren, in allen Ehren gescheitert ist", resümierte der einst für das Dritte des WDR zuständige Journalist Werner Höfer 1975 in der "Zeit" den Status quo. Die reine TV-Lehre, Merkmal der dritten Programme, hatte ausgedient - die Hornbrillen gerieten aus der Mode.

Mengenlehre und Italienischkurse, Verkehrserziehung und Kunstgeschichte: Klicken Sie sich mit einestages durch die bildungsbeflissenen Anfänge der dritten TV-Programme