Achilles' Classics - DER SPIEGEL
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Achilles' Classics Die Angst läuft mit

Stechen in der Schulter, Knacken in den Füßen? Oder im Knie? Läufer haben immer Probleme mit ihrer Gesundheit. Doch Hypochonder Achim Achilles ist ein Spezialfall.
Jogger im Morgennebel
Jogger im Morgennebel

Jogger im Morgennebel

Foto: Z1018 Ralf Hirschberger/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?
Achilles-Klassiker

In der Reihe "Achilles-Klassiker" präsentiert SPIEGEL ONLINE Schätze aus dem Archiv des Wunderathleten Achim, der trotz intensiven Lauftrainings kaum von der Stelle kommt.

Laufen ist eine lebensgefährliche Sache, fast so riskant wie Atmen oder Liegen. Aber was soll man machen? Muss ja irgendwie weitergehen. Die Angst ist jedoch bei jedem Schritt dabei. Powerrunner laufen ständig auf der Rasierklinge. Nur ein kleiner Fehler - und alles ist vorbei. Endgültig.

Schon nach wenigen Minuten zieht es in meiner rechten Schulter gar teuflisch, so ein stechendes, glühendes Pochen, als bohre sich ein angefeilter Walkerstock unters Schlüsselbein. Zöge es links, könnte es Zeichen für einen Infarkt sein. Rechts, das reicht immerhin noch für ein Lungenödem. Oder Krebs.

Wie viele Läufer mögen allein deswegen laufen, weil sie glauben, dass sie so Tumoren oder anderen Gebrechen entwischen? Angst ist es, die den Läufer treibt. Angst vor Dicksein, Angst, von den Arbeitskollegen für faul gehalten zu werden, Angst, dass die Sportskameraden "Uschi" sagen, Angst, sich mit der Gattin daheim unterhalten zu müssen, Angst, langsamer zu sein als vergangenes Jahr, Angst, sich in Internetforen von psychotischen Verschwörungstheoretikern wie "Sally" oder "Nightrunner" die Welt erklären lassen zu müssen, Angst vor Chlamydien, Fußschweiß, Fußgeruch oder Fußpilz, Angst zu sterben.

Au weia, die "Bams" lügt ja nicht

"Der leiseste Schmerz kann Indiz für eine ernsthafte Erkrankung sein", liest Mona vor. Sie sitzt im Ohrensessel und studiert die "Bild am Sonntag", das Fachblatt für Alltagspanik und Modekrankheiten. "Infarkte strahlen", trägt Mona im Medizinerton vor. Au weia, die "Bams" lügt ja nicht. Streng genommen dürfte ich dann gar nicht mehr aufstehen. Überallhin dräut der Infarkt. Die Schienbeine fühlen sich an, als sei in Senf getauchter Stacheldraht drum herum gewickelt. Aus den Waden strahlt es besonders gemein, und die Sehne, die sich vom Schritt bis zum Knie zieht, ist aufs Schmerzlichste gespannt. An guten Tagen kann man sie fiepen hören.

Vielleicht kündigen sich Infarkte auch durch Geräusche an. Wenn ich mich an das Stechen in der Schulter gewöhnt habe, fangen die Füße zu knacken an. Es können auch die Knöchel sein. Oder die Knie. Oder alle drei. Das Medicum-Terzett. Nach etwa 90 Minuten kommt ein unerklärliches Lungenrasseln dazu. Da hilft auch kein mehrfaches großvolumiges Abspeicheln in allen Farben des Regenbogens. Vielleicht bleibt wenigstens ein Walker drin kleben. Ich rassele, fiepe und knacke also vor mich hin und fühle mich wie einer dieser Musikanten, die gleichzeitig Mundharmonika und Gitarre spielen und auf dem Rücken eine Trommel tragen. Ich sollte an einer Interpretation der kenianischen Nationalhymne feilen.

Glaubt man Sportmedizinern, müssten nach spätestens einer Stunde Hektoliter von Endorphinen ins Blut schießen, geile Opiate, eine Art körpereigener Wasserpfeife, die Krampf durch Freude ersetzt. Habe ich leider auch nicht. Eigentlich passiert bei mir nichts von dem, was in Büchern steht, außer Hunger und Müdigkeit. Wahrscheinlich alles Infarktsignale.

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Sehnen lügen nicht: Neues vom Läufer der Herzen

Achilles, Achim
Verlag: Heyne Verlag
Seitenzahl: 240
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"Hier steht, dass du einen Ermüdungsbruch kriegst", kräht Frau Doktor Mona, "den kriegen alle, die zuviel trainieren." Ich trainiere nicht zuviel, denke ich. "Männer über 40 sollten einmal im Jahr zur sportmedizinischen Untersuchung gehen", sagt Gesundheitsministerin Mona. Unsinn, ich fühle mich kerngesund. Außerdem bin ich praktisch noch fast gar nicht richtig über 40. "Empfehlenswert ist Leistungsdiagnostik", liest Mona Müller-Wohlfahrt, "mit Laktatmessung."

Laktatmessung? Das klingt allerdings verlockend. Laktat ist ja für die Muskeln, was Kalk für die Spülmaschine ist: Gift, Bremse, der Feind in meinem Bein. Vielleicht saugen Sie da auch Laktat ab. "Meine Laktatwerte sind übrigens ganz ordentlich" könnte ich außerdem bei der nächsten Runde mit Claus-Heinrich fallen lassen, bevor ich ins Unterholz abbiege. Dann hätte er was zum Ärgern, während er auf mich wartet.

Während ich den Sonntagskrimi gucke, googelt Mona nach Laktat-Orten. "Du musst in die Charité", sagt sie schließlich, "das sind die Besten. Der Doktor dort ist Marathon in 2 Stunden 19 Minuten gelaufen." Will ich so einen Doktor? Muss man überhaupt alles wissen? Und was ist, wenn er wirklich was findet? Chronische Trainingsfaulheit zum Beispiel?

Oder Laktat voller Hefeweizen? Oder ein Lungenvolumen, das nicht reicht, die Pelle eines Wiener Würstchens aufzupusten? "Dann weißt du endlich, wie gut du wirklich bist?", fragt Mona. Genau das ist das Problem. Eine Welt aus sorgsam erdachten Mythen, aus mühsam zusammengebastelten Erklärungssteinchen gerät ins Wanken - meine Welt.


Dieser Text ist ein Auszug aus:

Achim Achilles: "Achilles' Verse - Mein Leben als Läufer"

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Achilles' Verse: Mein Leben als Läufer

Achilles, Achim
Verlag: Heyne Verlag
Seitenzahl: 256
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