Achilles' Verse Die Wut-Sportler
Getümmel im Freibad (Archivbild): "Unser Becken, unser gutes Recht"
Foto: Ralf Hirschberger/ dpaAm klarsten ist die Alltagswut im Pool zu beobachten. Auf drei abgekordelten Schwimmbahnen rackern die Hochleistungstrainierer. Jeder hat einen Wäschekorb voll Ausrüstung mitgebracht: Flossen, Schnorchel, Paddles, Aminodrink und einen laminierten Trainingsplan, der verbissen abgearbeitet wird und zwar hurtig; in 34 Minuten beginnt das erste Meeting im Büro. Mittags dann gekochte Möhren, abends Krafttraining. Rackernrackernrackern.
Nebenan dümpeln ältere Herrschaften der Aqua-Gymnastik entgegen. Die Erfahrenen kommen eine halbe Stunde vorher, um sich eine Schaumstoffnudel zu sichern. "Unser Becken", sagen ihre notorisch empörten Blicke, "unser gutes Recht, das haben wir nach dem Krieg alles aufgebaut". Die Sportler entgegnen: "Wer zahlt denn Steuern und eure Rente? Macht Platz. Hier kommt die Leistungselite."
Allen geht es gut, aber alle sehen sich als Opfer . Es geht um die ganz großen Fragen des Lebens: Muss man sich von den Kraulern nassspritzen lassen? Will man unter Wasser Gammelfleisch stehen sehen? Guerillamäßiges Ausweiten der Kampfzonen: Die Alten strampeln unterhalb der Leinen mit ihren schlecht geschnitten Fußnägeln absichtsvoll auf die Schwimmerbahn, die Schwimmer haben den Beinschlag intensiviert, weil's dann satter auf die grauen Hartfaserfrisuren spritzt. Wer dieses Unversöhnlichkeitsspiel seit Jahren zelebriert, will sich von Herzen verachten. Nur manchmal sind sie zum Bollwerk vereint - wenn Neue kommen, die sich nicht an die sorgsam eingeübten Regeln des Gegeneinanders halten.
Störrische Blicke voller Abscheu, Selbstekel und Arroganz
Das Fitnessstudio ist Deutschland unter der Lupe. Jeder gegen jeden. Eigentlich sollte es hier um Gesundheit gehen, um Ertüchtigen und Entspannen. Doch im Mikrokosmos von Hanteln und verschwitzter Stretchwäsche bildet sich der Druck einer ganzen Nation ab. Ist es der Dichtestress beim Step-Aerobic? Die Wut über die Weihnachskilos? Die Angst, dass andere einen so verachten wie man selbst die anderen?
Schon in der Umkleide störrische Blicke voller Abscheu, Selbstekel und Arroganz. Wir sind das Volk, aber jeder sein eigenes. Alle leiden an diesem nagenden Gefühl des Beraubtwerdens, des Zukurzkommens, des Sich-gar-nicht-richtig-entfalten-Könnens. "Wir müssen ja...", sagen sie, oder "War wieder gut genug heute..." oder "Drei Kilo zu viel". Überall Leid und Druck und Zwang und Beklemmung. Dafür konsensualer Verzicht auf Leichtigkeit und Freude.
Die ersten Bauch-Beine-Po-Tussen kommen mit "Je suis Charlie"-Shirt zum Kurs. Keine Ahnung, was das heißt, aber hat man ja jetzt im Fernsehen so oft gesehen. Irgendwas mit Lagerfeld bestimmt, und so. Zu dumm, dass es noch keine Glööckler-Version mit Strass-Steinchen gibt. Ein paar harte Jungs tragen tapfer Leibchen, auf denen "Streetfight" steht. Und alle posten aus dem Training, dass sie jetzt beim Training sind. Und gucken auf Tinder, ob in der Nähe ein potenzielles Date wartet: nee, lieber doch nicht. Alle wegwischen. Könnte ja was Ernstes werden.
Eine Weile lang gar nicht aussehen und nur sein
Angst, sagt der Soziologie-Professor Heinz Bude, Angst sei es, die uns Menschen im Innersten zusammenhält. Die dunklen Typen haben Angst, wie Islamisten auszusehen, die Hellen fürchten, arisch zu wirken, die Dicken haben Angst, nie zu dünn zu werden, die Dünnen haben Angst, nie dünn genug zu sein. Blicke zu Boden. Am gesündesten wäre es, eine Weile lang gar nicht auszusehen und nur zu sein. Einfach so.
Oder neue Kurse ausprobieren: Schrei-Boxen, Hooligan-Kick, Montags-Marschieren, immer fester auf der Stelle, und druff und druff und druff. Raus mit dem ganzen Hass, der Wut, der Angst, diesem irrsinnigen Frust, nie zu genügen, zu langsam und am falschen Ort zu sein, und immer mit den falschen Menschen.
Vielleicht doch lieber an die frische Luft, Wetter spüren, allein rennen bis tief in den Wald und einfach losbrüllen, da, wo's keiner hört. Draußen ist Sturm. Altholz fällt aus den Bäumen. Das Leben ist grausam. Egal. Klappe halten, weiter rennen. Respekt wagen. Auch vor sich selbst.