Anna Achilles: Einen Tag in Laufklamotten - DER SPIEGEL
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Achilles' Verse Ein Tag in Laufklamotten

Morgens zum Frauenlauf, mittags zum Workout bei der Freundin, abends erst ins feine Restaurant, dann in die Disco - und alles im Jogging-Outfit. Für Anna Achilles die leichteste Übung.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Geschafft. Ich bin da. Einmal tief durchatmen, Atmung verlangsamen. Soll ja keiner merken, dass ich aus der Puste bin. Ich öffne die Glastür und hechte hinein. Ach herrje, wo bin ich hier gelandet? Das Licht ist gedämpft, die Atmosphäre gediegen. Ich blicke mich um. Sitzt dahinten am Holztisch etwa Heike Makatsch mit einem Glas Wein? Ein Kellner in feinem, schwarzem Hemd schiebt sich elegant an mir vorbei.

Irgendwie ist es unangenehm, wenn man die Einzige ist, die steht, während alle anderen sitzen. Noch unangenehmer ist es, wenn man dabei statt Kleid und Highheels pinkfarbene Laufschuhe, Lauf-Leggings, eine neongelb-leuchtende Funktionsjacke trägt - und wie ein Walross prustet. Ah, da hinten ist ja meine Freundin Steffi. Sie winkt.

Der Samstag hatte gut begonnen: Internationaler Frauentag. Ich hatte mich zum Laufen und Heitere-Zitate-auf-die Straße-Kritzeln am Brandenburger Tor verabredet. Ich streife mir mein Sportbustier, ein weißes T-Shirt und meine graue Lauf-Leggings über, stecke mir die Sonnenbrille ins Haar, schnappe mir Taschentücher, Labello, Handy, Halstuch und Haarklammer und stopfe alles in beide Seiten der Jacke. Jetzt sehe ich zwar aus wie ein Känguru, aber besser, als mit Handtasche laufen zu gehen.

Sekt zur Belohnung

Ich jogge zur U-Bahn-Station. Endspurt, Hechtsprung in die U-Bahn. Die Türen fallen zu. Am Brandenburger Tor dränge ich mich zwischen Mutter und Kinderwagen aus der Bahn und spurte im Zickzack die Treppen hoch. Macht schlanke Waden. Auf dem Pariser Platz entdecke ich Miri. In Laufklamotten hockt sie auf dem Boden und malt in bunten Farben ein Zitat von Martina Navratilova auf die Straße: "If you're a good athlete, it doesn't mean your're not a woman." Als guter Sportler ist man trotzdem eine Frau. Genau, finde ich auch.

Der Frauenlauf ist gemütlich. Fünf Kilometer durch den Tiergarten. Das Beste ist der Sekt danach. Miri und ich lehnen an einer Mauer. Ich dehne meine Oberschenkel. Mit der einen Hand halte ich meinen Fuß, mit der anderen stütze ich mich an ihr ab und halte gleichzeitig einen Plastikbecher mit Sekt. Es ist der dritte. Und was jetzt? Miri schlägt vor, zu ihr nach Hause zu gehen. "Wir könnten CDs hören. Das erinnert mich immer an meine Jugend." Miri ist 25.

Wir verabschieden uns von den anderen und traben zu Miris Wohnung. In ihrer Ein-Zimmer-Bude hopsen wir zu Anajos Song "Honigmelone" auf und ab. Ich baue ein paar Liegestütze in meine Tanz-Performance ein. Seit ich bei Onkel Achims Liegestütz-Challenge  so kläglich versagt habe, integriere ich ständig Push-ups in meinen Alltag.

Ab jetzt eher Lauftight statt Jeans

Miri geht duschen, ich muss weiter. Zum nächsten Termin. Der ist auf der anderen Seite der Stadt. Ich bewältige wieder den Berliner Stadt-Triathlon: Zur Bahnstation joggen, Endspurt, Hechtsprung in den Waggon. Am Kottbusser Tor hüpfe ich aus der Bahn. Es ist dunkel. Die ersten Party-Touristen schlendern mit Wegbier in der Hand am Paul-Linke-Ufer entlang. "Hopp, hopp, hopp", ruft ein Typ mir hinterher. Wie originell.

Ich lege einen Zahn zu. Langsam finde ich Gefallen daran, den ganzen Tag in Laufklamotten zu sein. Macht auf alle Fälle einen sportlichen Eindruck, der Schweiß trocknet rasend schnell, und verkehrssicher-reflektierend bin ich auch noch. Ich sollte nur noch Funktionsfaser tragen. Gleich morgen sortiere ich meinen Schrank um. Lauftights statt Jeans. Laufshirts statt Blusen.

Der Kellner ist alles andere als beeindruckt von meiner Funktionsjacke. Auffällig-unauffällig blickt er an mir herunter, lächelt gequält. Ich signalisiere ihm stumm, dass ich meine Freundin schon entdeckt habe. "Hey", ruft Steffi. "Warst du joggen?" "Nee", sage ich, "na ja, ein bisschen, also, ja, doch." Ich bestelle mir erst mal ein Glas Bordeaux. Jemand hätte mir sagen sollen, dass das Café eigentlich ein Restaurant ist.

Einen Teller Ravioli mit Feigen-Walnuss-Füllung später sind wir auf dem Weg zum Soulcat-Club. Ich lege kurze Zwischensprints ein, laufe vor und wieder zurück. Die Gruppe ignoriert meine Tempoeinheiten . Beim Späti absolviere ich ein paar spontane Liegestütze an der Ladentheke. Im Soulcat läuft HipHop. Für die Tanzfläche eignet sich mein Lauf-Outfit hervorragend. Ausreichend Bewegungsfreiheit, und die bunten Farben kommen gut zur Geltung im gedämmten Clublicht.

Ein Typ zeigt auf meine pinkfarbenen Schuhe und schreit mir ins Ohr: "Das ist fast schon ein Statement." Um 4 Uhr verabschiede ich mich und fahre nach Hause. Ich haue mich ins Bett. Die Laufklamotten lasse ich gleich an. Wer weiß, was morgen so läuft.