Spargel: Warum stinkt der Urin - und wer kann das riechen? - DER SPIEGEL
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Mythos oder Medizin Warum stinkt Spargelurin?

Kaum sind die saftigen Stangen im Magen verschwunden, folgt auf der Toilette der Gestank: Spargelurin. Was steckt dahinter? Und warum kann ihn nicht jeder riechen?
Frischer Spargel - lecker, aber folgenreich
Frischer Spargel - lecker, aber folgenreich

Frischer Spargel - lecker, aber folgenreich

Foto: Johannes Simon/ Getty Images
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Gas will raus, doch die Erziehung verbietet Blähungen in der Öffentlichkeit. Dieses Problem kannte schon einer der Gründerväter der USA, Benjamin Franklin. In einem Brief  appellierte er 1781 an die Royal Academy of Brussels, ein Mittel zu erfinden, das, mit dem Essen eingenommen, den Darmwinden einen verträglichen Duft verleiht.

So schwer könne das nicht sein, schrieb Franklin und unterstrich seine Forderung mit einem Positivbeispiel: "Ein paar Stangen Spargel geben unserem Urin einen unangenehmen Geruch", erklärte er. Dieser ließe sich jedoch mit einer kleinen Pille Terpentin, nicht größer als eine Erbse, leicht in Veilchenduft verwandeln. Wenn sich aus Wasser Parfüm machen lasse, warum dann nicht auch aus Luft?

In den mehr als 200 Jahren, die seitdem verstrichen sind, entschlüsselten Forscher das menschliche Erbgut, sie entwickelten Antibiotika und transplantierten Herzen. Ein Mittel gegen Flatulenzgestank fanden sie nicht. Auch dem Spargelurin sind die Menschen weiter ausgeliefert, denn Terpentin ist giftig und damit als Gegenmittel ungeeignet.

Franklins Brief schaffte es unter Forschern dennoch zu kleiner Berühmtheit. Seine beiläufige Bemerkung zählt zu den ersten Dokumenten, die den Gestank des Spargelurins thematisieren, obwohl die Menschen die Stängel zu seiner Zeit bereits seit mehr als 2000 Jahren aßen.

Nach zwei Stunden der Geruchshöhepunkt

Verdauen wir Spargel, macht sich das bei den meisten bereits nach 15 Minuten auf der Toilette bemerkbar. Es stinkt. Rund zwei Stunden nach der Schlemmerei erreicht die Geruchsbelästigung ihren Höhepunkt. Erst danach steigen die Chancen, wieder pinkeln zu können, ohne dass die Toiletten-Nachfolger die Wahl des Mittagessens kennenlernen.

Schuld am Gemüffel sind schwefelhaltige Verbindungen, die so winzig sind, dass sie aus dem Urin in die Luft aufsteigen. Im Spargel selbst stecken die Stoffe noch nicht. Sonst würden sie bereits beim Schälen oder Kochen ihr Bouquet nach fauligem Kohl - so umschreibt es die Wissenschaft - entfalten und den Genuss vermiesen.

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Um herauszufinden, was Spargelurin sein besonderes Aroma verleiht, untersuchten Forscher zuerst die Flüssigkeit selbst. Zielführend war das nicht: Es sei ein Irrglaube anzunehmen, dass die Inhaltsstoffe des Urins automatisch auch die Stoffe in der Luft widerspiegelten, bemängelte eine britische Forschergruppe 1986 . Die Zusammensetzung des Urins könne höchstens verraten, wie dieser schmecke - nicht aber, wie dieser rieche.

Mit dem Ziel, es besser zu machen, schritten die Biochemiker selbst zu Tisch, auf ihren Tellern 500 Gramm Spargel. Anschließend untersuchten sie, welche Stoffe ihr Urin so stark ausdünstete, dass sie bis zu ihren Köpfen aufstiegen. Sie wurden fündig: Die Luft über dem Spargelurin enthielt tausendfach erhöhte Konzentrationen an Verbindungen wie Methanthiol, Dimethylsulfid oder Dimethyldisulfid.

Auch das Baumaterial für die Stinkstoffe haben Forscher mittlerweile gefunden. Schuld ist wahrscheinlich die Spargelsäure, die für die Pflanze Parasiten und hungrige Erdbewohner abwehrt. Vor allem empfindliche, junge Triebe enthalten die Säure in hohen Konzentrationen. Wer gerne die zarten Stänglein isst, darf also auch mit einem besonderen Geruchserlebnis rechnen.

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Zwei Kategorien Spargelesser: Die Stinker und die Nichtstinker

Neben den Inhaltsstoffen beschäftigten sich die Spargelurin-Forscher in den vergangenen 50 Jahren mit den glücklichen Menschen, die von dem Gestank nichts mitbekommen. 1956 berichteten zwei Wissenschaftler aus Oxford im renommierten Fachblatt "Nature"  erstmals darüber, dass sich Spargelesser in zwei Kategorien einteilen lassen:

  • Die Ausscheider, die schon nach ein paar Stangen Spargel auf der Toilette unter dem stechenden Geruch leiden.
  • Und die Nichtausscheider, die auch nach 500 Gramm Spargelgenuss ihre Blase entleeren, ohne einen besonderen Geruch wahrzunehmen.

Um herauszufinden, woran das liegt, starteten US-Forscher 2011 eine Schnüffelstudie  mit 38 Männern und Frauen, die einmal nach einem Spargelfrühstück und einmal nach einem Brotfrühstück Urinproben abgaben. Anschließend durften alle Versuchsteilnehmer an Urinproben aller Versuchsteilnehmer schnuppern. Die Fragestellung: Wurde vor dem Austreten Spargel oder Brot gegessen?

Obwohl alle Teilnehmer von Anfang an wussten, was sie erwartet, entwickelten sieben im Laufe der Studie eine solche Abneigung gegen den Uringeruch, dass sie den Versuch abbrechen mussten. Das Ergebnis der verbliebenen Kandidaten war eindeutig:

  • Die meisten Versuchsteilnehmer erkannten bei allen Proben bis auf dreien den Spargelurin. Die drei Ausreißer schienen keinen besonderen Geruch auszuscheiden.
  • Was das Riechen angeht, waren alle bis auf zwei dazu in der Lage, Spargelurin von Nichtspargelurin zu unterscheiden. Außerdem waren sechs Personen bei der Aufgabe deutlich schlechter als der Rest.

Es stimmen also beide Theorien. Manche können den Gestank nicht riechen, andere scheiden ihn nicht aus. Immerhin sorgen muss sich niemand. Obwohl die Stoffe müffeln, sind bis heute keine Krankheiten bekannt, die mit ihnen zusammenhängen. Ende des 18. Jahrhunderts begründeten die Menschen die gesunde Wirkung des Spargels sogar mit dem stinkenden Urin. Der Spargel spüle schlechte Säfte von Leber und Nieren aus dem Körper, so die Theorie. Das könne man schließlich riechen.

Fazit: Schon 15 Minuten nach der Spargelmahlzeit müffelt bei den meisten der Urin. Schuld daran sind schwefelhaltige Verbindungen, die zum Kopf aufsteigen. Es gibt aber auch Glückspilze, die den Gestank nicht wahrnehmen oder ihn gar nicht erst erzeugen. Sie können die Schlemmerei umso mehr genießen.