Test auf Unverträglichkeiten Plötzlich intolerant
Kirsche am Baum: Nach Testergebnis aufs Obst verzichten?
Foto: Uwe Zucchi/ dpaIm Behandlungszimmer der Heilpraktikerin stehen mehrere Geräte, die an den Physikunterricht erinnern: Kästen aus Plastik mit Displays, an den Seiten treten Kabel aus. Vor einem der Kästen stehen zwei Stühle. Ich bin gespannt, was hier mit mir passieren wird.
Bei meinen Selbstversuchen habe ich immer nur unspezifische Beschwerden angegeben - gelegentliche Bauchschmerzen, Verdauungsprobleme und Müdigkeit - und anschließend die Ärzte und Heilpraktiker machen lassen. Mein persönliches Ergebnis: Sie dichteten mir so viele verschiedene Unverträglichkeiten an, dass ich heute fast nichts mehr essen dürfte.
Nachdem ich von meinen üblichen Beschwerden erzählt habe, beginnt der Vegatest. In der linken Hand halte ich eine Elektrode, die über ein Kabel mit einem der Kästen verbunden ist. Mit einer zweiten Elektrode, ebenfalls an das Gerät angeschlossen, drückt die Heilpraktikerin auf einen Punkt in meiner rechten Handfläche. So werde ein leichter Stromkreislauf durch mich durch errichtet, erklärt die Heilpraktikerin.
Der Vegatest basiert auf der Elektroakupunktur nach Voll . Demnach ist die Stelle in meiner Handfläche ein Akupunkturpunkt und über Meridiane, also Energiebahnen, mit meinen inneren Organen verbunden. Indem man den Widerstand der Haut an diesem Punkt misst, erfährt man der Theorie zufolge etwas über den Zustand der Organe. In dem Gerät sollen Schwingungen gespeichert sein, zum Beispiel von bestimmten Lebensmitteln. Die bringt das Gerät jetzt nach und nach in den Messkreislauf ein.
Auf diese Weise testet die Heilpraktikerin diverse Nahrungsmittel. Auf einer Skala von 0 bis 100 schlägt ein Zeiger aus. Dazu ertönt ein sirenenartiges Geräusch, das immer höher wird, wie nerviges Kinderspielzeug. So spüre das Gerät auf, wo bei mir etwas gestört ist, sagt die Heilpraktikerin: "Das ist reine Physik."
Susanne Schäfer:
Der Feind in meinem Topf
Schluss mit den Legenden vom bösen Essen.
Hoffmann und Campe Verlag; 240 Seiten; 16,99 Euro.
Bei den meisten Lebensmitteln schlägt der Zeiger offenbar so aus, wie es richtig ist. Unverträglichkeiten von Nahrungsmitteln seien bei mir kein großes Thema, sagt die Heilpraktikerin, bei anderen gebe es da ganz andere Störungen. Trotzdem verlasse ich die Praxis mit drei neuen Unverträglichkeiten: Kuhmilch, Orangen und Kirschen.
Natürlich gibt es echte Allergien und Unverträglichkeiten
Mit passenden, seriösen Tests können Laktoseintoleranz, Fruktosemalabsorption und andere Beschwerden diagnostiziert werden. Zusätzlich ist aber ein ganzer Markt mit dubiosen Methoden entstanden, die vermeintliche Unverträglichkeiten diagnostizieren. Für die Untersuchung habe ich 40 Euro gezahlt, andere Anbieter verlangen für Elektroakupunktur bis zu 200 Euro.
Wissenschaftler der University of Southampton berichteten 2001 im "British Medical Journal" , wie sie den Vegatest als Diagnosemethode für Allergien auf die Probe gestellt haben. Die Hälfte ihrer 30 Testteilnehmer hatte eine Allergie gegen Staub oder Katzenhaar, die andere Hälfte reagierte nicht auf diese Allergene - das war durch einen seriösen Hauttest belegt. Drei erfahrene Vegatester sollten bestimmen, wer Allergien hat und wer nicht. Doch ihre Treffsicherheit war nicht mehr als zufällig. Die Autoren folgern, das Verfahren sei ungeeignet, jegliche Arten von Hypersensibilität zu erkennen.
Elektrische Tests wie der Vegatest seien "ungeeignet für die allergologische Diagnostik", sagt auch Jörg Kleine-Tebbe, Arzt und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie, der die Studienlage zu der Diagnosemethode verfolgt. Die zugrunde liegenden irrationalen Gedankenmodelle, das Versagen in kontrollierten Studien und die fehlende Übereinstimmung mit klinisch gesicherten Diagnosen zeigten, dass der Vegatest und ähnliche Verfahren für die Abklärung von Nahrungsmittelallergien und Intoleranzen unbrauchbar seien.
Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft weist ebenfalls darauf hin, dass der Vegatest sich nicht zur Bestimmung einer Unverträglichkeit eignet.
Die Heilpraktikerin reagiert nicht
Mit diesen Einwänden konfrontiere ich die Heilpraktikerin per Mail. Warum sie den Test trotzdem anwendet, möchte ich wissen. Außerdem wundere ich mich darüber, dass ich bei jedem Test ein anderes Ergebnis bekomme. Ein Speicheltest ergab zum Beispiel, dass ich Haushaltszucker nicht vertrage - laut Vegatest habe ich damit keine Probleme. Wie lässt sich das erklären? Sie antwortet mir nicht.
Auch dem Geschäftsführer eines Anbieters von Vegatest-Geräten schicke ich die Kritik der Experten. Warum er die Instrumente trotzdem verkauft, verrät er mir nicht.
Immerhin: Die Heilpraktikerin gab mir am Ende meines Besuchs mit auf den Weg, mein Körper werde seine Abneigung gegen Milch, Orangen und Kirschen irgendwann vergessen. Ich solle eine Weile darauf verzichten und die Lebensmittel dann wieder probieren. Vielleicht bin ich ja bis zur Kirschenzeit kuriert.
Susanne Schäfers Buch "Der Feind in meinem Topf" beschäftigt sich mit dem Thema Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Dieser Text ist kein Auszug aus dem Buch, sondern beruht auf einer zusätzlichen Recherche.