Hausmitteilung 2004
KULTUR-PESSIMISMUS
Terror und Rache im Heiligen Land, Qaida-Bomben in Spanien, der Krieg im Irak, die Furcht der Europäer vor Hasspredigern und islamischer "Überfremdung" - die Konflikte zwischen Orient und westlicher Welt sind raumgreifende Themen auch in der Jahres-Chronik 2004. Über den EU-Beitrittswunsch der Türkei zum Beispiel hat Kardinal Karl Lehmann einen skeptischen Essay geschrieben. Annette Großbongardt, SPIEGEL-Korrespondentin in Jerusalem, traf sich mit der Israelin Daniela Lerer und der Palästinenserin Julia Merizian, die von ihrem alltäglichen Leben mit Terror und Vergeltung berichten. Den Tod des Terroristen und Staatsmanns Jassir Arafat kommentiert ein israelischer Kenner und Vertrauter Arafats - der Publizist Uri Avnery hatte den Palästinenser-Chef drei Monate vor dessen Tod noch einmal getroffen, "noch im vollen Besitz seiner physischen und geistigen Kräfte".
SIEGESWILLE
Vermischte Botschaften - Trübsal und Aufschwungträume - haben deutsche Sportfreunde übers Jahr beschäftigt. Wie Birgit Fischer, 42, Deutschlands erfolgreichste Olympionikin und Wassersport-Nestorin, bei der Olympiade in Athen ihre 20 Jahre jüngeren Bootspartnerinnen zur Goldmedaille peitschte, ist auf Seite 182 nachzulesen. In fußballerisches Elend blickt TV-Kommentator Marcel Reif, der das Favoritensterben bei der EM in Portugal analysiert. Einen Lichtblick am Fußball-Horizont präsentiert SPIEGEL-Autor Bruno Schrep. Er protokolliert süffig, wie der DFB bei der Suche nach dem Nachfolger für den zuletzt glücklosen Rudi Völler auf den Stuttgarter Bäckerburschen und Exil-Kicker Jürgen Klinsmann kam und damit, so scheint es, eine gute Wahl getroffen hat. Die DFB-Posse um eine Stellenausschreibung mit Happy End steht auf Seite 162.
STIMMUNGSWECHSEL
Die Wirtschaft lahmt, Großkonzerne wanken, Jobs verschwinden ins Ausland, "Hartz IV" wird zum Gruselwort des Jahres: Vom Abstieg der Deutschen in die Schwermut und von trotzigem Zukunftsoptimismus künden zwei Beiträge am Heftende. SPIEGEL-Autor Jochen Bölsche legt einen Bericht "Zur Klage der Nation" vor. Ein gut gelaunter Gast-Autor erinnert an eine Zeit, in der die Deutschen schon einmal "einen Kater hatten": Holger Jung, Vorstand der Hamburger Werbeagentur Jung von Matt, vergleicht 2004 mit dem Ölkrisenjahr 1974 und fordert: "Raus aus der Nölkrise, über Täler voran".