Mittagspause in Istanbul: Erst Stau, dann Essen - DER SPIEGEL
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Mittagspause in Istanbul: Mahlzeit, auf ein Glas Ayran!

Foto: Gerald Drißner

Mittagspause in Istanbul Allah segne deine Geldbörse!

Kurz nach 13 Uhr, Mittagszeit in Istanbul - und der Verkehr legt alles lahm. Bauunternehmer Cihan Baycuman schafft es deshalb nicht in eine traditionelle "Lokanta", wo es gutes Essen für wenig Geld gibt. Doch zum Glück gibt es Mehmet, den Pide-Bäcker von nebenan.
Von Gerald Drißner
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Cihan Baycuman will pünktlich sein, und das ist gar nicht so einfach in dieser Stadt, in der Fußgänger jetzt schneller sind als Autos. Die genervten Fahrer hupen und ärgern damit den Muezzin, weil der wiederum nun regelrecht in sein Mikrofon plärren muss, damit die Leute hören, dass jetzt bitte Zeit fürs Gebet ist. Nichts geht mehr, es ist kurz nach 13 Uhr, Mittagszeit in Istanbul.

Baycuman, 37, ist mit dem Auto unterwegs. Er kommt gerade von einer Baustelle, die viel Arbeit macht: Ein zweistöckiges, altes Haus soll plattgemacht werden. Später will er dort einen Neubau mit acht Wohnungen hochziehen. Baycuman verkauft und vermittelt Immobilien. "Ich bin Bauunternehmer und Hobbyboxer", sagt er. Der Mann hat einen festen Händedruck. Er trägt ein schwarzes Sakko zum schwarzen Hemd, blaue Jeans und eine dicke Armbanduhr.

Meistens geht Baycuman in seiner Nachbarschaft in Kadiköy essen, auf der asiatischen Seite der Großstadt. Und wenn er es besonders eilig hat wie heute, dann geht er ins "Damla", das neben seinem Büro liegt. Mehmet, der Chef des Restaurants, ist ein guter Bekannter. Baycuman bestellt Pide, eine türkische Pizza für umgerechnet drei Euro. Der frische Teig wird mit Käse, Paprika und würziger Wurst belegt und anschließend in einen riesigen Steinofen geschoben, in dem Kohle glüht. Sein Mitarbeiter Melih begleitet ihn. "In der Türkei ist das gemeinsame Essen sehr wichtig", sagt er.

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Eigentlich geht er in der Mittagspause am liebsten in eine "Lokanta". So nennt man die türkischen Läden, die aussehen wie eine kleine Kantine und wo es mit Reis und Hackfleisch gefülltes Gemüse gibt, frittierte Leber und allerlei Gegrilltes. Für umgerechnet vier Euro kann man sich hier sattessen. "Das sind oft kleine Familienbetriebe, da kocht die Ehefrau noch", sagt er, "und das ist gut für den Geschmack des Essens und die Sauberkeit."

Essen ist in der Türkei mehr als Nahrungsaufnahme; es ist ein wichtiger Teil der Kultur. Doch werde auch hier das Leben immer "schneller und kälter", wie Cihan Baycuman erzählt. "Früher hat man seinen Laden mittags einfach zugemacht und ist mit dem Nachbarn in eine Lokanta gegangen. Man machte dort türkische Siesta." Die Großbetriebe haben nun ihre eigenen Kantinen, und immer mehr Leute lassen sich das Essen aus der Lokanta liefern, statt hinzugehen. Einige Traditionen aber werden noch besonders gepflegt. Zum Beispiel jene, dass in der Türkei immer nur einer die Rechnung bezahlt. Es gibt dazu eine Redensart, mit der sich der Eingeladene bedankt: "Kesene bereket." Das heißt grob übersetzt so viel wie: "Segen für deine Geldbörse!"

Zum Essen trinkt Baycuman ein Ayran, einen leicht gesalzenen, flüssigen Joghurt. Er ist für viele Türken das Nationalgetränk. Als Nachtisch gibt es einen türkischen Kaffee. "Der muss mit einem Glas Wasser serviert werden", sagt er. Ein Freund hat ihm dazu eine Geschichte erzählt: Im Osmanischen Reich hat man einem Gast immer einen Kaffee und ein Wasser hingestellt. Wenn der Gast das Wasser zuerst trank, dann hatte er Hunger. Trank er aber den Kaffee, dann hatte er schon gegessen. Heute hat das Wasser vor allem eine Funktion: den Kaffeesatz im Mund wegzuspülen.

Baycuman ist zwischen zwei Kulturen aufgewachsen. Sein Vater Dogan, Vater von neun Kindern, verließ 1968 seine türkische Heimat und zog nach Pinneberg im Norden Deutschlands. Dort verbrachte Baycuman Kindheit und Jugend. Nach einigen Jobs in Deutschland zog er schließlich nach Istanbul und machte sich vor vier Jahren als Bauunternehmer mit seiner Firma "Ensar" selbständig.

Erst in Istanbul sind ihm die Unterschiede zwischen den beiden Ländern so richtig klar geworden. In der Türkei genieße der Ältere immer Respekt. Außerdem müsse man sich rechtlich sehr gut absichern, "denn die Stadt ist so groß, dass viele Betrüger darauf vertrauen, dass man sich im Leben nicht mehr sieht", sagt er. Und dann sei da noch die Sache mit der Pünktlichkeit. "In Istanbul kommen die Leute gerne mal eine halbe Stunde zu spät und schieben alles auf den Verkehr", sagt Baycuman. Doch bald werde diese Ausrede nicht mehr ziehen. "Erdogan, unser Regierungschef, lässt hier jetzt überall U-Bahnen bauen."

Gerald Drißner (Jahrgang 1977), Diplom-Volkswirt, arbeitet als freier Journalist und Buchautor. Er lebt abwechselnd in Frankfurt am Main, Istanbul und im Nahen Osten. Den Journalismus lernte er auf der Henri-Nannen-Schule, danach war er Redakteur beim Stern. 2011 gewann er den Axel-Springer-Preis.