Schlingerkurs Die verdammte gelbe Pille
Zu viele Tabletten
Foto: Matthias Hiekel/ picture alliance / dpaKennen Sie dieses Gefühl, wenn Ihnen mit einem Mal ein gewaltiger Fehler bewusst wird? Wenn Ihnen der Schreck in die Glieder schießt, weil Sie sich plötzlich über die Konsequenzen ihres Versagens bewusst geworden sind und augenblicklich der Schweiß ausbricht? So ging es mir in einem Spätdienst vor vielen Jahren.
Ich hatte bereits die ersten Monate in der Altenpflege hinter mir und durfte alleine die Station 3 unter dem Dach eines Bielefelder Pflegeheims betreuen. Dort lebten einige betagte Damen, die verhältnismäßig wenig Unterstützung im Alltag benötigten.
Ein paar Stützstrümpfe an- und ausziehen, ein paar Rücken waschen und hier und da mal einen Toilettengang - kein Vergleich zu den bettlägerigen Fällen auf der Station ein Stockwerk unter mir. Die einzige Aufgabe, die etwas Konzentration erforderte, lag in der Verteilung der Medikamente. Und genau dabei passierte es:
Auf dem Weg über den glatten Linoleum-Gang kam ich leicht ins Schlingern - zwei der roten Kunststoffbecher kippten um, auf dem Tablett kullerten einige der Pillen heraus. Ich blieb stehen, stellte das Tablett ab - ohne auch nur einen Blick von den Pillen zu wenden. So wollte ich verhindern, dass ich nicht mehr wusste, welche Tablette in welchen Becher gehörte. Dann füllte ich die Pillen wieder in ihre Behälter und verabreichte sie den beiden Bewohnerinnen, die sie anstandslos schluckten.
Aber schon auf dem Rückweg durch den Gang ins Stationszimmer überfiel mich die Unsicherheit. Hatte ich die Tabletten tatsächlich wieder in den richtigen Becher getan und somit auch der richtigen Bewohnerin gegeben?
Um das nachprüfen zu können, half mir eine besonders auffällige Pille: Sie war gelb und innen mit granulatartigen weißen Kügelchen gefüllt. Also fragte ich später die Stationsleiterin im Dienstzimmer beiläufig, was denn in der großen gelben Pille sei, die Frau Müller abends immer nehmen müsse. "Warum? Frau Müller bekommt doch gar keine gelben Pillen", war ihre Antwort. Und da war er sofort, der Schreck in meinen Gliedern. Ich nuschelte etwas von "meinte eine andere Bewohnerin" und verzog mich wieder auf meine Station, wo ich umgehend unter irgendeinem Vorwand in Frau Müllers Zimmer ging. Die Dame schien wie immer.
An diesem Abend bin ich sehr schlecht eingeschlafen. Ich machte mir große Vorwürfe: Wie geht es Frau Müller jetzt? Und was passiert, wenn die Geschichte herauskommt? Warum war ich nicht zur Stationsschwester gegangen und hatte ihr von meinem Missgeschick berichtet? Sie hätte einfach neue Tabletten stellen können.
Aber zu dieser Zeit ließen sich die älteren Semester unter den Stationsleiterinnen gerne noch mit Oberschwester ansprechen. Und meine Oberschwester verdiente diese Bezeichnung ganz besonders - nur für sie waren Wörter wie "Strenge" und "Disziplin" erfunden worden. Noch nie hatte ich sie lachen gesehen, sogar der Heimleiter hatte Angst vor ihr. Vermutlich würde sie mich entlassen und vor Gericht zerren, wenn sie von der Geschichte erfahren würde. Mein Leben wäre ruiniert.
Doch nichts davon geschah, ich hatte Glück. Frau Müller war auch am nächsten Tag sowohl noch am Leben als auch bester Laune. Offenbar hatte mein Fehler keine Folgen gehabt. Aber er hat dazu geführt, dass ich eine ganze Zeit lang jeden Tablettenbecher einzeln zu den Bewohnern getragen habe - egal wie oft ich dafür über den langen Linoleum-Gang marschieren musste.
Jörg